Aldi wird immer schweizerischer

Seit einem Jahrzehnt verkauft der Discounter Lebensmittel hierzulande. Betreffend Preiskampf, Lohndumping oder Marktanteilverlusten der Platzhirsche im grossen Stil hat sich wenig getan, im Gegenteil: Aldi hat sich angepasst.

Thomas Griesser Kym
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Im Tiefkühllager der Aldi-Verteilzentrale am Hauptsitz in Schwarzenbach bei Wil: Einer von gut 2500 Beschäftigten des Unternehmens. (Bild: Benjamin Manser)

Im Tiefkühllager der Aldi-Verteilzentrale am Hauptsitz in Schwarzenbach bei Wil: Einer von gut 2500 Beschäftigten des Unternehmens. (Bild: Benjamin Manser)

SCHWARZENBACH. Morgen vor zehn Jahren hat Aldi Suisse hierzulande die ersten vier Filialen eröffnet. Mittlerweile hält der Schweizer Ableger des Discounters bei 178 Läden, und Landesgeschäftsführer Timo Schuster sieht ein Potenzial von 300 Filialen, wie er bereits vergangenen Frühsommer sagte (vgl. Ausgabe vom 20. Juni). Vor zehn Jahren wurde der Eintritt Aldis in den Schweizer Lebensmittelmarkt, dem 2009 Konkurrent Lidl folgte, mit gemischten Gefühlen beobachtet. Konsumenten hofften auf einen Preiskampf in der Branche, Gewerkschaften befürchteten schlechte Arbeitsbedingungen und Löhne, es wurden Fragezeichen gesetzt hinter die Herkunft und Güte von Produkten.

Aldi hat sich herangetastet

Inzwischen hat sich gezeigt: Das meiste ist anders gekommen. Der Preiskampf ist weitgehend ausgeblieben. Die Grossverteiler Migros und Coop sind nach wie vor die Platzhirsche und setzen mit zusammen über 40 Mrd. Fr. ein Mehrfaches um als Aldi und Lidl, die kombiniert auf geschätzte 2,6 Mrd. Fr. kommen. Migros und Coop haben aber, auch als Reaktion auf die neuen Mitbewerber, ihre Tiefpreislinien M-Budget und Prix Garantie tüchtig ausgebaut. Zudem punkten sie mit breiten und tiefen Sortimenten, mit vielen Schweizer Produkten, Frische und Bio. Aldi hat sich hier ein Stück weit angepasst. Seit Markteintritt hat der Discounter sein Sortiment von 700 auf 1300 Artikel ausgebaut, setzt schwergewichtig auf Schweizer Produkte, gerade auch bei Obst und Gemüse, und wirbt mit Suisse Garantie. Dieses Label zeigt aber rein die Herkunft an und sagt nichts aus zum Beispiel über die Produktionsbedingungen. Auch mit Frische versucht sich Aldi zu positionieren, so etwa mit der Einrichtung von Backstationen in den einzelnen Filialen.

Eigenes Biolabel und ein Streit

Bioprodukte vermarktet Aldi unter dem eigenen Label «Natur Aktiv». Dieses wird allerdings von der Stiftung Pusch nur als «bedingt empfehlenswert» eingestuft, da es sich lediglich an den Anforderungen der EU-Bio-Verordnung orientiert. Bio Suisse dagegen wird mit «ausgezeichnet» bewertet; die Organisation verweigert Aldi bisher das Knospe-Label, weil es dem Discounter an einem «gesamtheitlichen Engagement» mangle, was Aldi jedoch zurückweist. Aldi führt auch bereits Produkte mit dem Knospe-Label, darf dieses aber vorderhand nicht verwenden.

Lidl umwirbt kleine Hersteller

Auch Lidl, der mehr Markenartikel im Angebot hat, probiert vermehrt mit Swissness Kunden anzulocken. Jüngste Offensive ist das Konzept «klein, aber fein». Hierbei gibt Lidl kleinen Schweizer Produzenten die Möglichkeit, ab kommendem Frühling ihre oft handwerklich hergestellten Spezialitäten im Rahmen von Aktionswochen in die Verteilzentren in Weinfelden und im freiburgischen Sévaz zu liefern, die dann von Lidl in der ganzen Schweiz verkauft werden sollen. Der Schweizerische Bauernverband begrüsst diese Initiative.

Die Preisentwicklung im Detailhandel hat manche Konsumenten enttäuscht. Jedenfalls sind Lebensmittel im Ausland noch immer teils deutlich günstiger, was zur Folge hat, dass der Einkaufstourismus in grenznahe Läden ungebrochen ist. Einige sehen das anders: So beklagt etwa Markus Züger von der Züger Frischkäse AG in Oberbüren, dass Lebensmittel immer mehr an Wert verlören. Die Statistik gibt ihm recht. Ein Schweizer Haushalt gibt im Schnitt je nach Statistik nur noch 7% bis 10% seines Einkommens für Lebensmittel aus – weniger als in den meisten anderen Ländern.

«Ein Meilenstein»

Nicht bewahrheitet hat sich, nach anfänglicher Kritik der Gewerkschaften, die Befürchtung eines hartnäckigen Lohndumpings. Mit ihren Mindestlöhnen können Aldi (4250 Fr.) und Lidl mit Coop und Migros mehr als mithalten, allerdings werden die Grossverteiler punkto Arbeitsbedingungen, Gesundheit oder Sozialleistungen von den Gewerkschaften oft besser eingeschätzt als die Discounter. Doch auch hier gibt es Fortschritte. Punkto Lidl schrieb die Gewerkschaft Syna: «Der neue Gesamtarbeitsvertrag, der seit 2011 in Kraft ist und 2015 erneuert wurde, ist ein Meilenstein für die Detailhandelsangestellten.» Aldi Suisse kennt jedoch keinen GAV.

«Inzwischen haben sie sich in der Schweiz etabliert.» Das schreibt der Vergleichsdienst Comparis über Aldi und Lidl. Eine Umfrage bei 1003 Personen ergab: Je ein Drittel kauft mindestens einmal pro Monat, weniger als einmal im Monat oder gar nie bei den Discountern ein (siehe Grafik), die zusammen 280 Filialen haben. Ralf Beyeler von Comparis ergänzt, drei von vier Befragten hätten schon einmal eine Filiale mindestens eines der beiden Discounter betreten.

Am liebsten zu Migros und Coop

Dennoch: «Schweizer kaufen immer noch am liebsten in der Migros oder im Coop ein.» So nannten 53% der Befragten die Migros als bevorzugte Bezugsquelle für Artikel des täglichen Bedarfs und 35% Coop. Ein weiterer Befund laut Comparis: Von den über 50jährigen Konsumenten kaufen weit weniger bei den Discountern ein als von den Jüngeren. Jene Älteren dagegen, die ihre Schritte zu Aldi oder Lidl lenken, tun dies regelmässig.