Airbus rezykliert Raketen

Trägerraketen für Satelliten sind Wegwerfraketen. Die Europäer wollen sie jetzt aber wiederverwerten. Das soll das Satellitengeschäft günstiger machen – und ökologischer.

Stefan Brändle
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Start einer Ariane-5-Trägerrakete am Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana. (Bild: ESA)

Start einer Ariane-5-Trägerrakete am Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana. (Bild: ESA)

LE BOURGET. Es fliegt – hoffentlich. Airbus-Ingenieure haben in den letzten fünf Jahren unter strengster Geheimhaltung über dem Projekt «Adeline» gebrütet. An der Luftfahrtmesse in Le Bourget stellen sie es erstmals einem breiten Publikum vor. Sinn und Zweck ist es, zumindest teilweise die Wiederverwertung von Trägerraketen zu ermöglichen. «Das wird den Weltraumschrott stark verringern», sagt der technische Direktor von Airbus Space and Defence, Hervé Gilibert. «Und damit auch die Kosten des Satellitentransports.»

Technische Herausforderungen

Die technischen Hürden sind gewaltig. Ein Satellitenträger, der nach der Aussetzung der Last auf die Erde zurückkehren soll, saust laut Gilibert mit Mach 7 oder 8 (das heisst mit mehreren 1000 km/h) in die Atmosphäre – wo er wegen der Hitze verglüht. Also benötigt er einen ungeheuer starken Schutzschild. Und wegen der Luftwiderstände so viel Treibstoff, dass die übergewichtige Rakete gar keine schweren Satelliten mehr stemmen kann.

Auch Amerikaner tüfteln

Der zunehmende Bedarf an Satelliten lässt der Branche aber keine Ruhe. Die in den Markt drängende US-Firma Space X des Milliardärs Elon Musk (Tesla, Paypal) versucht seit längerem, ganze Raketen heil auf die Erde zurückzubringen. Bei beiden Versuchen zerschellte das Testobjekt bei der Rückkehr jedoch auf der Startrampe im Ozean.

Die europäischen Techniker hatten in ihren Labors in Les Mureaux bei Paris eine andere Idee: Sie bringen nur die wichtigsten – sprich: teuersten – Teile der Rakete zur Erde zurück. Das senkt den Treibstoffbedarf, was nicht nur günstiger ist, sondern auch eine höhere Nutzlast zulässt.

Und so funktioniert «Adeline»: Der Raketenstart mit dem oder den Satelliten beginnt wie gehabt. In einer Höhe von 100 bis 200 km fällt sodann die untere Stufe der Rakete ab, während die Oberstufe die Satellitenfracht an ihren Platz im Orbit bringt. Normalerweise würde die untere Stufe als Weltraumschrott im All verbleiben oder verglühen.

Patrone auf Zündhölzern

Anders nach dem «Adeline»-Verfahren. «Unsere Idee war es, die wichtigsten Elemente wie das Vulcain-Triebwerk und die Elektronik in der Unterstufe zu plazieren und diese zurückzuholen», sagt Gilibert. Diese Unterstufe, die mit flüssigem Wasserstoff betrieben wird, hat im «Adeline»-Projekt Flügel, zwei kleine Propeller und ein winziges ausfahrbares Fahrwerk. Sie gleicht einer dicken Patrone auf Zündhölzern und soll nach erfolgreichen Durchquerens der Atmosphäre wie ein Flugzeug auf einer Piste im europäischen Weltraumzentrum Kourou in Französisch-Guayana landen. «Wir haben mit kleineren Modellen schon erfolgreiche Testflüge in französischen Militärbasen absolviert, aber noch nicht im Massstab 1 zu 1. Für die neue Generation der Ariane 6-Rakete wird es nicht mehr reichen», sagt Gilibert. «Wir rechnen eher mit einem Ersteinsatz gegen 2025.»

30 Prozent tiefere Kosten

Zuvor müssen noch die Mitgliedstaaten der Europäischen Raumfahrtagentur ESA überzeugt werden. Das doppelte Umwelt- und Finanzargument dürfte aber wirken. Zumal die Konkurrenz nicht schläft; gut möglich, dass Space X die Landung doch noch meistert. Das würde die Vormacht des europäischen Ariane-Programms gefährden.

Die Wiederverwertung des Abschussmaterials kann die Kosten für einen Satellitenstart laut Gilibert um 30% senken. Das könnte zukunftsentscheidend sein für die Ariane, die mit Kosten von 150 Mio. € pro Flug schon heute das teuerste Vehikel für Satellitenbetreiber ist.