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AFFÄRE VINCENZ: Bei Raiffeisen schrillen die Alarmglocken

Im Strafverfahren der Zürcher Staatsanwaltschaft gegen den ehemaligen Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz geht es um ungerechtfertigte Bereicherung. Vincenz’ Nachfolger Patrik Gisel zeigt sich «schockiert» über die Tragweite der Anschuldigungen.
Thomas Griesser Kym
Ein nachdenklicher Patrik Gisel an der gestrigen Bilanzmedienkonferenz von Raiffeisen. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 2. März 2018))

Ein nachdenklicher Patrik Gisel an der gestrigen Bilanzmedienkonferenz von Raiffeisen. (Bild: Ralph Ribi (St. Gallen, 2. März 2018))

Thomas Griesser Kym

Richard Clavadetscher

Am späten Abend liess die Zürcher Staatsanwaltschaft gestern die Bombe platzen: Untersuchungshaft für Pierin Vincenz. Damit zieht sich die Schlinge um den Hals des Ex-Raiffeisen-Chefs weiter zu. Ehemalige Weggefährten hatten sich bereits zuvor distanziert. Im Rahmen der Bilanzmedienkonferenz in St. Gallen sprach der heutige Raiffeisen–Chef, Patrik Gisel von «Treuhandverhältnissen von Einzelpersonen, die zu Bereicherungen geführt haben». Diese Treuhandgeschäfte im Zusammenhang mit der Investnet AG seien verdeckt und für Raiffeisen nicht ersichtlich gewesen.

Auf Nachfrage spricht Gisel von «Verträgen von Aktionären mit dahinter liegenden Parteien, die nicht offengelegt worden sind». Vielmehr seien sie «bewusst versteckt» worden, «und das ist kriminelle Energie». Laut Gisel, der 2015 Vincenz als Raiffeisen-Chef ablöste, handelt es sich dabei um «völlig neue Verdachtsmomente», die Raiffeisen über die Staatsanwaltschaft erhalten habe, und im Anschluss daran habe der Verwaltungsrat der Bank auf Antrag der Geschäftsleitung Strafanzeige gegen Vincenz eingereicht. Gisel sagt, er habe mit Vincenz, dessen Vize er 13 Jahre lang war, «gut kooperiert und viel erreicht für Raiffeisen». Umso mehr sei er nun «tief betroffen», «erschüttert» und «schockiert» von den Anschuldigungen gegen seinen früheren Chef. «Von einer solchen Tragweite habe ich keine Vorstellung gehabt», sagt ­Gisel, ohne über die mutmasslichen Dimensionen der Affäre Auskunft zu geben, unter Verweis auf eine Vereinbarung mit der Staatsanwaltschaft. Die Verdachtsmomente seien aber «alarmierend», sagt der Raiffeisen-Chef.

Gisel kontert die Kritik von Wirtschaftsrechtler Kunz

Die Staatsanwaltschaft untersucht zwei heikle Fälle. Der eine Fall betrifft die ­Investnet AG. An dieser Gesellschaft, gegründet für Investitionen in junge Unternehmen, hielt Raiffeisen ab 2012 einen Anteil von 60 Prozent. Diese Beteiligung hatte Vincenz als Raiffeisen-Chef eingefädelt. Die anderen 40 Prozent lagen in den Händen zweier Ostschweizer Unternehmer als private Drittaktionäre. Als Vincenz 2015 nach 16 Jahren von seinem Amt zurücktrat, beteiligte er sich privat zu 15 Prozent an Investnet. Nun steht der Vorwurf im Raum, dass Vincenz im Rahmen dieser Transaktionen die Interessen seiner Arbeitgeberin Raiffeisen mit seinen eigenen privaten finanziellen Interessen vermischt und sich persönlich bereichert haben könnte. Experten sehen hier ausserdem einen Interessenkonflikt, und möglicherweise habe Vincenz sogar von Insiderwissen profitieren können. Das Strafverfahren der Staatsanwaltschaft in diesem Fall richtet sich zudem nicht nur gegen Vincenz, sondern auch gegen die zwei weiteren Aktionäre der Investnet. Kürzlich ist Raiffeisen aus dieser Gesellschaft ausgestiegen.

Der zweite Fall betrifft die Kreditkartengesellschaft Aduno, deren Verwaltungsratspräsident Vincenz war und an der Raiffeisen als grösste Aktionärin 25,5 Prozent hält. Unter der Lupe sind zwei Transaktionen: 2004 kaufte Aduno die Eurokaution AG und 2007 die Wiler Softwarefirma Commtrain Card Solutions. Mutmasslich hat sich Vincenz im Vorfeld der Käufe dieser Firmen privat an diesen beteiligt, wovon er persönlich finanziell profitiert haben könnte. 2009 wurde Commtrain mit Aduno fusioniert.

Vincenz selber hat bisher alle Vorwürfe gegen ihn zurückgewiesen. Aduno hat gegen Vincenz schon gegen Ende vergangenen Dezembers Strafanzeige eingereicht und damit das Strafverfahren der Staatsanwaltschaft ausgelöst. Diese hatte die U-Haft gegen den ehemaligen Aduno-Verwaltungsratspräsidenten beantragt. Diese hat der Haftrichter nun gestern angeordnet.

Gisel zeigt sich trotz allem felsenfest entschlossen, im Amt zu bleiben: «Ein Rücktritt kommt für mich nicht in Frage.» Auch kontert er die Kritik von Peter V. Kunz an der Rechtsform. Der Wirtschaftsrechtler hatte gestern im Interview gesagt, Raiffeisen als drittgrösste Bankengruppe des Landes müsste schon längst eine Aktiengesellschaft sein. «Ich widerspreche zu 100 Prozent», sagt Gisel und verteidigt das Genossenschaftsmodell vehement. Dieses sei «sogar ein sehr geeignetes System», und darüber hinaus könne man eine genossenschaftliche Organisation nicht mit Brachial­gewalt verändern. Gisel räumt jedoch «gewisse Risiken» ein, etwa punkto Corporate Governance (Unternehmensführung). Hier habe man aber jüngst «viel investiert». So hat Raiffeisen per Anfang Jahr das eigenständige Departement Risiko & Compliance geschaffen. Zuvor war das Risikomanagement dem Finanzdepartement angegliedert. Wegen Corporate-Governance-Themen läuft zudem weiterhin ein Zwangsverfahren der Finanzmarktaufsicht gegen die Bank. Betreffend Kunz’ Kritik am Aufsichtsgremium Raiffeisens, das «ein amateurhafter KMU-Verwaltungsrat» sei, sagt Gisel, man brauche Fachkompetenz, aber auch die soziale und gesellschaftliche Komponente spiele eine Rolle. Gisel spricht indes von Debatten darüber, dass man «den Verwaltungsrat zu wenig spürt und er stärker positioniert werden muss».

«Alle Entscheide der letzten Jahre hinterfragt»

Der Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm war gestern nicht erreichbar. Dafür aber Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Bauernverbandes, der im Raiffeisen-Verwaltungsrat sitzt. «Verwaltungsräte können nun mal nicht über Dinge entscheiden und sie zurückweisen, von denen sie nichts wussten und die nicht ins Gremium hineingetragen worden sind», kontert er den Vorwurf, dieses sei ein Klub von Jasagern. Raiffeisen habe keinen schwachen Verwaltungsrat, sagt Schneider. Vielmehr seien «alle Entscheide der letzten Jahre hinterfragt» worden, und man habe im Gremium vor einem Entscheid jeweils hart diskutiert. Kein Entscheid habe zu einem finanziellen Schaden geführt, und die Ergebnisse auf allen Ebenen zeigten, dass nicht alles falsch war. «Im Gegensatz zu den Kritikern bin ich überzeugt, dass im Raiffeisen-Verwaltungsrat sehr wohl Kompetenz vorhanden ist», verteidigt sich Schneider. Es sässen Personen aus dem Finanzsektor ebenso im Verwaltungsrat wie Vertreter der Raiffeisen-Bewegung. Diese Zusammensetzung des Aufsichtsgremiums habe den Vorteil, dass dort auch Probleme aus der Basis in die Diskussionen einflössen, sagt Schneider. Punktuell brauche es wahrscheinlich aber schon einige Ergänzungen, und Optimierungen seien vorgesehen.

Derweil hat sich bei unserer Zeitung ein früheres Mitglied aus dem Zirkel der Geschäftsleitung gemeldet und sagt: «Der Verwaltungsrat als starkes Gegengewicht zu Vincenz hat bei Raiffeisen eindeutig gefehlt.» Das Gremium habe seine Kontrollfunktion nicht ausüben können. Und: «Diese Leute sollte man so rasch als möglich auswechseln und nicht länger warten.»

Affäre trübt die Freude über Ergebnis

917 Millionen Franken Reingewinn, 22 Prozent mehr als im Vorjahr. Rekordergebnis. Doch aller Millionen zum Trotz: Am Schluss der Bilanzmedienkonferenz wird Raiffeisen-Chef Patrik Gisel zum Bittsteller: Er hoffe doch, dass auch noch eine Frage gestellt werde zum «hervorragenden Glanzresultat» 2017. Aber auch Gisel weiss, dass die Affäre Vincenz seine Präsentation überschattet, und so spricht er von einem «getrübten Freudentag». Der Blick auf die Zahlen zeigt, dass ausserordentliche Erträge wie der Verkauf von Beteiligungen etwa an Helvetia oder Avaloq den Gewinn aufpoliert haben. Aber Raiffeisen hat 2017 auch den Geschäftsertrag um 6,5 Prozent gesteigert, während der Geschäftsaufwand lediglich um 1,3 Prozent zugenommen hat. Das Ertragswachstum wurde begünstigt von einem starken Börsengeschäft dank florierender Wertpapiermärkte. Doch auch im Zinsengeschäft hat Raiffeisen mehr verdient, und dies trotz anhaltenden Drucks auf die Zinsmarge, die innert vier Jahren von 1,25 auf 1,02 Prozent geschmolzen ist. Im Hypothekengeschäft vermochte Raiffeisen das Ausleihungsvolumen um 4,3 Prozent auf 173 Milliarden Franken auszudehnen und hat einmal mehr das Marktwachstum (3 Prozent) übertroffen. Chronisch gehörte Vorwürfe, Raiffeisen pflege eine lockerere Vergabepolitik als andere Institute, weist der bisherige Finanzchef Marcel Zoller zurück. «Unsere Ablehnungsquote hat eher noch zugenommen.» Zudem verweist er auf strenge Massstäbe zur Bildung von Wertberichtigungen und geringe Kreditverluste von 21,6 Millionen oder gut 0,1 Prozent aller Ausleihungen. Die verwalteten Vermögen sind nach dem Rückgang 2016 wieder gestiegen, um 6,8 Milliarden Franken auf 209,6 Milliarden. Der Neugeldzufluss betrug netto 4,5 Milliarden. Darin berücksichtigt ist ein Abfluss von 2,1 Milliarden als Folge des Ausstiegs aus dem Osteuropa-Geschäft, das Vontobel vergangenen August Notenstein La Roche abgekauft hat. Notenstein La Roche ist dramatisch geschrumpft Die Privatbank hat einen Leidensweg hinter sich; sie verwaltet noch Vermögen über 16,8 Milliarden Franken, nachdem es Anfang 2012, als Raiffeisen Wegelins Nicht-US-Geschäft übernahm und als Notenstein weiterführte, 21 Milliarden waren – und das notabene vor der Übernahme der Basler Rivalin La Roche. 2017 ist immerhin der Gewinn um ein Drittel auf wenngleich bescheidene 23,3 Millionen gestiegen. Für 2018 erwartet Gisel, dass Raiffeisen wegen der anhaltenden Negativzinsen das vorjährige Ergebnis «kaum übertreffen wird». Die Entflechtung von Beteiligungen soll weitergehen, an Kooperationen will man aber festhalten. Vom neuen Kernbankensystem, das laufend bei allen Raiffeisenbanken installiert wird, erhofft sich Gisel Effizienzgewinne von 100 Millionen Franken. Der Raiffeisen-Unternehmerpreis, den das Institut vergangenes Jahr erstmals in der Ostschweiz vergeben hat und der Raiffeisen sowie ihren Unternehmerzentren auch neue Firmenkunden eintragen soll, wird auf die Zentralschweiz ausgeweitet. (T.G.)

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