Ärger der Latinos wächst

Früher waren sie oft die Schuldigen für globale Finanzkrisen, nun sind die lateinamerikanischen Länder wirtschaftliche Musterschüler – und sind über die Krise einiger Industrieländer verstimmt.

Sandra Weiss
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Puebla. Von der «schlimmsten Krise des modernen Kapitalismus» spricht Uruguays Vizepräsident, der Ökonom Danilo Astori. Er sieht eine Kreditverknappung und höhere Zinsen kommen. Von den Börsen Brasiliens und Argentiniens über venezolanische Staatsanleihen bis hin zu fallenden Erdöl- und Sojapreisen – unter den Folgen des Chaos leiden auch die Musterschüler in Lateinamerika.

Fachleute sehen das grösste Problem aber nicht in der Nervosität der Finanzmärkte. Trotz kurzfristigen Einbussen könnten einige lateinamerikanische Werte sogar zu den Gewinnern zählen, sagt der auf Schwellenländer spezialisierte Finanzberater Walter Molano. Argentinien etwa ist seit dem Schuldenmoratorium von 2002 ein Paria der internationalen Finanzmärkte – etwas, was dem Land jetzt zugute kommt.

Währungen werten stark auf

Zahlreiche risikobereite Anleger setzen nun auf Dollar-indexierte, argentinische Staatsanleihen, hat Molano zu Wochenbeginn festgestellt. Auch mexikanische Staatsanleihen und brasilianische Anlagen sind bei Investoren beliebt. Das hat aber einen Nebeneffekt: beide Währungen werten stark auf; Mexikos Peso um rund 20% seit 2008, der brasilianische Real um 40% (siehe auch Kasten).

Speziell ist die Lage für Mexiko, das sich gerade von den Folgen der Krise durch die US-Immobilienblase 2008 erholt hat. Mexiko ist ähnlich wie Deutschland eine Exportwirtschaft, doch weniger diversifiziert: 90% aller mexikanischen Exporte gehen in die USA. «Unsere Konjunktur läuft synchron zu der US-Konjunktur, nur dass die Schwankungen bei uns viel grösser sind», sagt Alejandro Villagomez vom Wirtschafts-Think-Tank Cide.

Brasiliens Aussenhandel hingegen ist diversifizierter. Dennoch forderte Präsidentin Dilma Roussef ihre Landsleute vorsorglich auf, weiterhin fleissig zu konsumieren. Argentiniens Wirtschaftsminister Amado Boudou sorgt sich vorab um den Zufluss von Spekulationskapital und billigen Konsumgütern, die in Europa und den USA keinen Absatz finden.

Tadel für den IWF

Mit dem Krisenmanagement Europas und Washingtons, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind die Schwellenländer gar nicht zufrieden. Suboptimal sei es gewesen, hiess es in mexikanischen Regierungskreisen. Der argentinische Vorsitzende der Gruppe der 77 plus China, Jorge Arguelles, schlug kräftiger auf den Putz und bezeichnete IWF und Weltbank als «anachronistische Institutionen unter Kontrolle der alten Wirtschaftsmächte». Doch auch wenn der Stern der Industrieländer sinkt – noch ist ihr Gewicht in der Weltwirtschaft enorm.

Und vielleicht geht auch alles gut für die Latinos – damit rechnet jedenfalls Nobelpreisträger Joseph Sitglitz. Eine Rezession in den USA und Europa werde weniger dramatisch ausfallen als 2008, und Brasilien und Chile nur marginal belasten, sagte er dem «Miami Herald». Doch sein Optimismus gründet nicht vorab auf dem Vertrauen zur lateinamerikanischen Wirtschaft – sondern darauf, dass China, der Hauptabnehmer lateinamerikanischer Rohstoffe, weiter robust wächst.

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