ABSCHOTTUNG: Bangen in Mexikos Autoindustrie

Nach der Wahl Donald Trumps zum neuen US-Präsidenten befürchtet Mexiko, seine Vorteile als viertgrösster Autohersteller der Welt zu verlieren.

Sandra Weiss/Puebla
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Ein Mitarbeiter der Qualitätssicherung im mexikanischen Werk des deutschen Autoherstellers Audi. (Bild: PD)

Ein Mitarbeiter der Qualitätssicherung im mexikanischen Werk des deutschen Autoherstellers Audi. (Bild: PD)

Sandra Weiss/Puebla

Erst vor einigen Wochen eröffnete Audi mit Pomp in Mexiko sein neues Werk, in dem fortan der Q5 produziert werden soll. Und auf Audi wollen in den kommenden Monaten BMW, Nissan, Ford, Daimler und Toyota folgen. Der Industriesektor war in den vergangenen Jahren im Aufwind. Es schien, als werde sich Mexiko mit seinen billigen Löhnen und einem Dutzend Freihandelsverträgen in eine ideale, weltweite Fertigungsplattform verwandeln. Und die mexikanische Regierung träumte davon, nun endlich die Dividende aus dem 1994 mit den USA und Kanada geschlossenen Freihandelsabkommen Nafta zu kassieren und das Land in die Riege der Industriestaaten zu katapultieren. 77% aller in Mexiko fabrizierten Autos gehen in die USA. Dort stammen wiederum 26% aller importierten Neuwagen aus Mexiko; das Land ist der viertgrösste Autobauer weltweit.

Doch nun haben die Amerikaner Donald Trump zum Prä­sidenten gewählt und sein Versprechen, eine Grenzmauer zu Mexiko zu bauen, das Nafta aufzuschnüren und mittels Strafzöllen den Abfluss von US-Investitionen zu verhindern. Seither herrsche Panik unter den Autobauern, teilen Insider mit. Und in Mexiko stehen über eine Million Arbeitsplätze auf dem Spiel.

«Wir beobachten die Entwicklung nach der US-Wahl sehr genau», sagt Julio Schubeck, Audi-Sprecher in Mexiko. Dennoch halte das Unternehmen am Plan fest, am neuen Standort in San José Chiapa pro Jahr 150000 Q5 für den Weltmarkt zu produzieren. Ein Drittel davon sind für den nordamerikanischen Markt vorgesehen. «Die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen sprechen für Mexiko. Eine günstige Kostenstruktur, zahlreiche Freihandelsabkommen, qualifiziertes Personal, kürzere Lieferzeiten und grosse Flexibilität», nennt Schubeck als Standortvorteile Mexikos.

Nicht alles muss negativ sein

Doch nun kommt Trump. Zehn Tage nach seiner Wahl brüstete er sich, er habe verhindert, dass Ford die Produktion des Lincoln nach Mexiko verlege. Das Unternehmen hüllte sich in Schweigen – wie die gesamte, ­verschreckte US-Autoindustrie. Zehn der 32 Autofabriken in Mexiko gehören US-Firmen. Ursprünglich wollte Ford den Lincoln nach Mexiko verlegen, um im Werk in Kentucky mehr Ford Escape zu bauen. Das Ganze kann sich als Schuss ins eigene Bein entpuppen.

Was genau Trump vorhat, ist noch unklar. Nicht alles muss negativ sein. Zum einen erhofft sich die Autoindustrie von Trump weniger strenge Grenzwerte bei den Emissionen. Trump könnte zudem beim Nachverhandeln des Nafta den Anteil der regional gefertigten Zuliefererteile erhöhen. Laut Nafta müssen bisher mindestens 62,5% aller in Fahrzeugen verbauten Teile aus Nafta-Ländern (USA, Kanada Mexiko) stammen. Das wäre nicht unbedingt dramatisch, sondern könnte sogar noch weitere Zulieferer nach Mexiko locken. Dramatischer wäre, wenn Trump die angekündigten Strafzölle einführt. «Die Zollfreiheit war der Schlüssel für die Entwicklung Mexikos zum Automobilstandort», sagt der auf die Autoindustrie spezialisierte Anwalt Manuel Padron. Seit 1994 haben sich die mexikanischen Autoexporte in die USA verdreifacht; mehr als 45 Mrd. $ an Investitionen sind in diese Branche geflossen. Zwischen den beiden Ländern hat sich eine komplexe Arbeitsteilung eta­bliert – manches wird in den USA vorproduziert und dann in Mexiko verbaut oder umgekehrt.

Solche Produktionsketten zu zerschlagen wäre auch für die US-Autoindustrie, die ohne mexikanische Löhne nicht wettbewerbsfähig wäre, ein Todesurteil, warnen Spezialisten. Ein 35%- Strafzoll würde im Falle Fords zu zusätzlichen Abgaben von 2,8 Mrd. $ jährlich führen, hat «CNN Money» errechnet – mehr als ein Quartalsgewinn. Doch noch entscheidender wäre, ob US-Konsumenten bereit sind, im Schnitt 3000 $ mehr pro Auto zu zahlen – das wäre der Aufpreis für eine reine US-Produktion.

Nicht alle malen schwarz: Sollte Trump seine Ankündigungen umsetzen, müsse Mexiko seinen Binnenmarkt entwickeln und nach Asien und Lateinamerika schauen, sagt Ökonom Cesar Roy. Das wäre ein erster Schritt zur Diversifizierung der einseitig auf Nordamerika ausgerichteten Wirtschaftsbeziehungen.