Abschied auf einem Höhepunkt

Nach exakt neun Jahren als Chef der Helvetia tritt Stefan Loacker zurück. Die Strategie steht, die Nationale Suisse ist quasi integriert. Als einen grossen Trend in der Versicherungsbranche sieht er die Digitalisierung.

Thomas Griesser Kym
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«Wir erwarten, dass der Helvetia auch in den kommenden Jahren Akquisitionen gelingen»: Stefan Loacker. (Bild: Urs Bucher)

«Wir erwarten, dass der Helvetia auch in den kommenden Jahren Akquisitionen gelingen»: Stefan Loacker. (Bild: Urs Bucher)

Herr Loacker, nach 19 Jahren bei Helvetia, davon neun als Konzernchef, treten Sie per Ende August zurück. Amtsmüde?

Stefan Loacker: Nein, das ist nicht der richtige Ausdruck. Aber ich habe nun auch Lust auf die Welt ausserhalb der Helvetia. Ich bin sehr stolz auf das Erreichte. Aber man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.

Am schönsten inwiefern?

Loacker: Die Helvetia hat einen guten Drive. Die Integration der übernommenen Nationale Suisse ist weitgehend abgeschlossen; materiell sind wir sehr deutlich über dem Berg. Unsere neue Strategie «Helvetia 20.20» ist aufgesetzt, es geht dem Unternehmen sehr gut. Insofern ist es ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. Ich bin bereits mit 38 Jahren Konzernchef geworden und wusste von Anfang an, dass ich nicht in dieser Aufgabe pensioniert werde. Ich stehe jetzt in der Mitte meines Lebens und bin froh, dass ich nun unter vielen neuen Möglichkeiten abwägen kann.

Was steht zur Diskussion?

Loacker: Ich lasse mir etwas Zeit zur Bestimmung meines weiteren beruflichen Wegs. Ich habe einige Ideen im Kopf. Eine neue operative Tätigkeit ist nicht ausgeschlossen, aber auch Verwaltungsratsmandate finde ich grundsätzlich interessant.

Seit dem Tod des langjährigen Helvetia-Chefs und -Präsidenten Erich Walser präsidiert der frühere Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz den Helvetia-Verwaltungsrat. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit diesem Alphatier?

Loacker: Unsere Zusammenarbeit war stets konstruktiv. Ich erlebe Pierin Vincenz als starken Impulsgeber, der eine grössere Gruppendynamik im Verwaltungsrat entfacht hat.

Unter Ihrer Führung hat die Helvetia die Rentabilität gesteigert und die Prämieneinnahmen von 5 Milliarden Franken auf gut 8,2 Milliarden erhöht. Ziel bis 2020 sind 10 Milliarden. Das wird auch weitere Akquisitionen erfordern.

Loacker: Wir setzen weiterhin vor allem auf organisches Wachstum und wollen die Möglichkeiten der verschiedenen Vertriebskanäle und der zunehmenden Digitalisierung nutzen. Aber die Konsolidierung im europäischen Versicherungsmarkt hält an. Wir haben uns diesen Trend in den vergangenen Jahren zunutze gemacht und bereits eine gute Handvoll Versicherer übernommen. Wir erwarten daher, dass der Helvetia auch in den kommenden Jahren Akquisitionen zur Ergänzung gelingen.

In der Schweiz ist die Helvetia dank der Nationale-Übernahme zur Nummer drei aufgestiegen. Im Ausland haben Sie noch Nachholbedarf.

Loacker: In Österreich und in Italien sind wir im Nichtleben-Geschäft in den Top Ten. Das ist schon sehr gut.

In anderen Auslandmärkten ist die Helvetia ein kleiner Fisch.

Loacker: Das ist relativ. In Spanien zum Beispiel sind wir etwa Nummer 20, aber es gibt dort noch immer rund 150 Versicherer. Insofern sind wir bei den grössten 10 Prozent dabei. Aber es stimmt: Gerade in Spanien und in Deutschland sind wir im Nichtleben an weiteren Zukäufen interessiert.

Von welchem Zeitraum sprechen wir da?

Loacker: Vom Zeitraum bis 2020. Kurzfristig müssen erst die Integrationen der übernommenen Nationale Suisse und Basler Österreich vollständig abgeschlossen und zu 100 Prozent zum Erfolg geführt werden. Akquisitionen kann man auch nur bedingt planen. Es kommt immer darauf an, welche Gelegenheiten sich ergeben und ob diese zu uns passen.

Geht es dabei nur um Versicherer im klassischen Sinn oder auch um mehr?

Loacker: Unsere Strategie ist auch offen für Investitionen in neue Geschäftsmodelle mit Versicherungsbezug. Wir sind interessiert an Innovationen betreffend Vertriebskanäle, Datenmanagement, Fintech, Prozesse usw. In diesem Zusammenhang kommen auch strategische Partnerschaften oder der Erwerb von Start-ups in Frage; alles, was unserem Geschäft mehr Breite und Reichweite gibt und bessere Kundenerlebnisse ermöglicht.

Die Digitalisierung ist auch in der Versicherungsbranche ein grosses Thema. Wie sieht die Helvetia-Strategie hier aus?

Loacker: Wir transformieren unser Geschäftsmodell auf drei Schienen: Erstens mit Online-Services und -Vertrieb. Zweitens mit Smart Data, also der Datennutzung in versicherungstechnischen Fragen. Drittens in der Prozessautomatisierung.

Was bringt das den Kunden?

Loacker: Die Kunden verhalten sich zunehmend hybrid. Das heisst, in der Beratung oder zur Schadenregulierung setzen weiterhin viele Kunden auf den persönlichen Kontakt. Andere Elemente dagegen werden zunehmend direkt online organisiert. Hier ist es von Vorteil, dass wir mit der Nationale Suisse auch Smile Direct erworben haben, den Schweizer Marktführer bei Online-Versicherungen. Das hilft uns, die Helvetia digitaler zu machen und auch Angebote für reine Online-Kunden offerieren zu können.

Hilft die Digitalisierung auch der Helvetia in der Preisgestaltung?

Loacker: Ja. Wenn zum Beispiel Gütertransporte in Containern mit Messsensoren und Computerchips ausgerüstet werden oder Autofahrer es erlauben, dass ihr Smartphone die Fahrten aufzeichnet, lässt das eine viel feinere Risikoanalyse zu. Das wiederum ermöglicht ein viel adäquateres Pricing und somit personalisierte Lösungen. Die Datennutzung muss natürlich im Einklang stehen mit dem Datenschutz.

Die Zinsen sind tief, viel Kapital fliesst auf der Suche nach Anlagechancen in die Versicherungswirtschaft, und auch Branchenfremde wie etwa Hedge-Fonds versuchen sich als Versicherer. Das übt Druck aus auf die Prämien. Was tun?

Loacker: Den Margendruck spüren wir vor allem bei Grossrisiken, also in der Rückversicherung oder bei internationalen Deckungen von Unternehmensrisiken. Doch die Versicherer müssen versicherungstechnisch vernünftig kalkulieren, weil sie auf ihren Kapitalanlagen derzeit auch geringere Renditen erwirtschaften. Im Privatkundengeschäft herrscht nach wie vor Disziplin, hier gibt es keine Prämienspirale nach unten. Denn die Schäden kommen, früher oder später, und müssen durch ausreichende Prämien finanziert werden können.

Einige Versicherer durchleuchten ihre Prozesse, um einfachere Arbeitsschritte zu identifizieren, die in kostengünstigere Länder verlagert werden könnten. Ist das bei der Helvetia ein Thema?

Loacker: Die Automatisierung und Effizienzsteigerung von Prozessen ist eine ständige Aufgabe. Aber deswegen Arbeitsplätze von der Schweiz ins Ausland zu verlagern, steht nicht auf der Agenda. Wir haben die jeweiligen Wertschöpfungsketten in unseren einzelnen Ländermärkten und arbeiten vor Ort an der Effizienz.

Was lässt sich schon über die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2016 sagen?

Loacker: Wir sind im Rahmen unserer Erwartungen gut unterwegs.

Sie übergeben per 1. September die Konzernleitung an Philipp Gmür. Er ist ein paar Jahre älter als Sie und ein paar Jahre länger bei der Helvetia. Aus Ihrer Sicht Ihr Wunschnachfolger?

Loacker: Ja. Wir arbeiten seit 20 Jahren zusammen. Als Leiter der Helvetia Schweiz und Mitglied der Geschäftsleitung ist Philipp Gmür einer meiner engsten Mitstreiter. Das Unternehmen bleibt bei ihm in sehr guten Händen.

Während unseres Gesprächs ist bei Ihnen auch Wehmut spürbar. Verlassen Sie die Helvetia mit einem lachenden und einem weinenden Auge?

Loacker: Ich erlebe sehr intensive Tage, seit wir Ende Juni meinen Rücktritt angekündigt haben. Ich habe sehr viele persönliche Rückmeldungen bekommen und werde mir bewusst, dass ich neben meiner Arbeit auch viele menschliche Beziehungen aufgebe, die mir dann fehlen werden. Aber die Wachablösung hat begonnen, und es ist wichtig, dass es nun einen zügigen Wechsel gibt.