Auch Privatkunden sind willkommen: Abholgrossmärkte sind für alle da

Konsumenten können sich bei Prodega, TopCC oder Aligro mit Lebensmitteln eindecken. Den Grossmärkten sind in der Coronakrise die  Beizen als Hauptkundensegment weggebrochen.

Thomas Griesser Kym
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Abholgrossmärkte begrüssen auch Privatkunden, manche generell, manche temporär.

Abholgrossmärkte begrüssen auch Privatkunden, manche generell, manche temporär.

Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

Die meisten Konsumenten nehmen normalerweise kaum Notiz von ihnen, den Abholgrossmärkten. Das sind Läden, in denen sich Grossverbraucher mit Lebensmitteln eindecken. Klassische Klienten sind Restaurants, Hotels, Kantinen, Mensen, Spitäler, Heime, Gefängnisse und Detailhändler, aber auch Handwerker, Landwirte, Vereine oder Ärzte haben Zugang.

Der Schweizer Markt wird dominiert von drei Anbietern: Prodega mit 31 Märkten, die Teil ist der Coop-Tochter Transgourmet, der Spar-Tochter TopCC mit elf Standorten und Aligro. Diese gehört der Westschweizer Familie Demaurex, ist aber seit 2017 stärker in der Deutschschweiz präsent. Denn damals übernahm Aligro von der Migros alle neun Standorte des Gossauer Abholgrosshändlers CCA Cash+Carry Angehrn, wodurch das Aligro-Netz auf einen Schlag von fünf auf 14 Läden wuchs.

Take-away und Heimlieferservice machen den Braten nicht feiss

Während der Lebensmitteldetailhandel teils gar profitiert, weil viele Angestellte im Homeoffice arbeiten und die Beizen zu sind, ist den Abholgrossmärkten ein Gutteil ihres Geschäfts weggebrochen. Prodega-Sprecherin Christine Strahm spricht von «massiven Auswirkungen» der Coronakrise: Wegen der vom Bund verordneten Schliessungen der Gastronomiebetriebe «fällt das Hauptkundensegment weg». Konkret sind das Restaurants, aber auch der Verkauf an Hoteliers läuft schlechter. Denn Hotels dürfen zwar offen haben, doch es fehlt an Gästen.

Als Folge sind nicht nur die meisten Restaurants geschlossen, sondern auch viele Hotels, wie sowohl Strahm als auch Hansjörg Ruh weiss, Marketingchef von Aligro. «Der Umsatz, den wir normalerweise mit den Profikunden generieren, hat sich stark reduziert», sagt Ruh. Immerhin haben einige Restaurants entschieden, Take-away oder gar einen Heimlieferservice zu offerieren. «Diese Anbieter kommen weiterhin einkaufen», sagt Ruh. Allerdings macht dies die Umsatzausfälle durch die Schliessungen bei weitem nicht wett. Und TopCC-Geschäftsleiter Dominic Möckli sagt:

«Die Verluste in der Gastronomie sind enorm, wir verzeichnen einen Umsatzrückgang von 60 bis 70 Prozent.»

Geschäftskunden kommen in grösserer Zahl

Aber es gibt auch Grosskunden, von denen zumindest ein Teil öfter und mehr einkauft. Strahm sagt: «Detailhändler, die in ländlichen Gebieten eine wichtige Versorgungsfunktion haben, kaufen teils vermehrt bei Prodega ein.» Und auch Ruh sagt, «die Detailhändler kommen weiterhin, da ihre Geschäfte offen sind». Möckli berichtet daneben von mehr Geschäftskunden, vor allem Selbstständigerwerbenden, die bei TopCC einkaufen. Deren Zustrom sei in den ersten drei Wochen des Lockdowns derart gross gewesen, dass er die Gastronomieausfälle mehr als kompensiert habe. Inzwischen habe sich der Anstieg des Gesamtumsatzes verlangsamt, und dieser liege nur noch leicht über Vorjahr.

Wie erklärt sich Möckli den verstärkten Zustrom von Geschäftskunden? «Meine Mutmassung ist, dass viele bisher im Ausland eingekauft haben oder auch bei anderen Händlern in der Schweiz.» Doch nun seien die Grenzen für Einkaufstouristen dicht, und ein grossflächiger Abholgrossmarkt mache es mit bis zu zwei Meter breiten Gängen einfach, Abstand zu halten und sicher einzukaufen.

Prodega und TopCC öffnen temporär für jedermann

Was auffällt: Auf der Website von TopCC ist zu lesen:

«Wir öffnen temporär für alle.»

Und auch bei Prodega gilt eine «temporäre Marktöffnung für Privatkunden», jedoch «nur während der aktuellen Notlage». Strahm erklärt den Entscheid mit einer «Optimierung der Versorgung». Einerseits wolle man einen Beitrag leisten zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und den Endkonsumenten eine zusätzliche Einkaufsmöglichkeit zum Detailhandel bieten.

Andererseits wolle Prodega die Rotation für Frischprodukte und andere Sortimente sichern. Das heisst, nach dem weitgehenden Ausfall der Gastronomie sollen neue Kunden dazu beitragen, dass die Ware nicht zu lange liegen bleibt, ständig abverkauft wird und durch Nachschub ersetzt werden kann. «Primär geht es um die Grundversorgung», sagt Strahm. Dies auch im Interesse anderer Profikunden, die weiterhin in den Abholgrossmärkten einkaufen, beispielsweise Spitäler, Heime, Betriebskantinen oder die Armee, wie Strahm sagt.

Privatkunden sollen Profis nicht stören

Möckli sagt, TopCC habe über die vergangenen Jahre als Folge des Beizensterbens Umsatz verloren mit der Gastronomie. «Also haben wir auch andere Kunden angesprochen.» Dazu gehören vor allem Selbstständigerwerbende, aber auch Private, die schon bisher nach einer Prüfung eine Einkaufskarte bei TopCC für gewisse Märkte erhalten haben. Die Anzahl Privatkunden in der Coronakrise nennt Möckli «erfreulich», doch sei ihr Anteil gemessen am Gesamtumsatz «relativ klein».

Auch Strahm sagt, der Zuspruch der Privatkunden «ist auf geringem Niveau stabil». Die Prodega-Märkte sind ausserdem unter der Woche jeweils bis 11 Uhr Profis vorbehalten. Damit wolle man diesen einen von Privaten ungestörten Einkauf wie normal ermöglichen, sagt Strahm.

Aligro hat schon vorher keine Restriktion gekannt

Kein Hinweis auf eine temporäre Öffnung für Privatkunden findet sich auf der Aligro-Website. Das hat einen einfachen Grund, wie Ruh sagt. Die Aligro-Märkte stehen nämlich als Teil der Strategie generell Privatkunden offen. Hat Corona deren Verhalten geändert? Ruh sagt:

«Die Privatkunden kommen weiterhin zum Einkaufen, aber unser Wachstum in diesem Kundensegment hat sich in den letzten Wochen verlangsamt.»

So hätten nach den ersten Restriktionen des Bundes, die begleitet waren von Hamsterkäufen im Detailhandel, die Aligro-Märkte «eine Spitze mit grossen Umsätzen bei den Privatkunden erlebt, die dann aber abflachte». Und: «Die Privatkunden kommen weniger häufig, kaufen aber grössere Mengen.» Die Preise sind für Privatkunden etwas höher als für Profis, aber etwas tiefer als im Detailhandel, wie Ruh sagt.

Fragt sich, ob wegen des Coronavirus vermehrt Grossverbraucher auf den Einkauf im Abholgrossmarkt verzichten und die Ware lieber ins Haus liefern lassen. Strahm, die neben Prodega auch für den Coop-Belieferungsgrossisten Transgourmet spricht, verneint: «Es haben keine nennenswerten Verschiebungen innerhalb der beiden Absatzkanäle stattgefunden.»

Das beherrschende Trio im Abholgrosshandel

Die Coop-Tochter Prodega als Nummer eins in ihrem Segment führt 31 Abholgrossmärkte in der ganzen Schweiz, darunter aber nur einen in der Ostschweiz, in St.Gallen. Für 2017 wird der Umsatz mit 1,5 Milliarden Franken angegeben. Prodega zählt über 100'000 Kunden aus Gastronomie, Detailhandel und Gewerbe und bietet über 25'000 Produkte.

Aligro hat 14 Abholgrossmärkte in der Schweiz, davon vier in der Ostschweiz in Gossau, Frauenfeld, Sargans und Rapperswil. Diese sind 2017 zur Westschweizer Gruppe gestossen, als Aligro alle neun Märkte der Gossauer CCA Cash+Carry Angehrn übernahm. Verkäuferin war die Migros, die 2006 bei CCA mit 30 Prozent eingestiegen war und sich 2012 CCA ganz einverleibte. Fünf Jahre später stiess die Migros CCA an Aligro ab. Begründung: Zwischen dem CCA-Abholgrosshandel und dem Belieferungsgrosshandel der Migros-Tochter Saviva gebe es zu wenig Synergien.

TopCC, die Tochter der Spar-Schweiz-Gruppe mit Sitz in St.Gallen, hat elf Abholgrossmärkte in der Deutschschweiz, davon vier in der Ostschweiz in St.Gallen, Zuzwil, Buchs und Diessenhofen. Das Sortiment besteht aus bis zu 30'000 Artikeln. Die Muttergesellschaft von Spar Schweiz, Spar Südafrika, gibt den TopCC-Umsatz für das Geschäftsjahr 2019 (per Ende September) mit knapp 300 Millionen Franken an. (T.G.)