ABGASSKANDAL: Razzia bei Audi

Die Affäre um manipulierte Schadstoffwerte von Dieselautos weitet sich aus. In Deutschland untersuchen Ermittler, ob Audi für die Betrugssoftware verantwortlich ist.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Eigentlich wollte Audi gestern an der Bilanzpressekonferenz optimistisch verbreiten, im Zusammenhang mit der Dieselaffäre sei das Schlimmste überstanden. Doch als Audi-Chef Rupert Stadler um 10 Uhr in Ingolstadt vor die etwa 100 Journalisten aus aller Welt trat, interessierten die Zahlen nur noch am Rande. Drei Stunden zuvor in aller Früh waren Dutzende Staatsanwälte und Ermittler am Hauptquartier des Premiumautobauers vorgefahren, um die Büros auf der Chefetage nach Dokumenten, Festplatten und Ordnern zu durchsuchen. Zeitgleich fuhren Ermittler auch bei der Zentrale der Audi-Muttergesellschaft Volkswagen in Wolfsburg und einem Audi-Werk in Baden-Württemberg vor. Sogar Privatwohnungen einiger Audi-Mitarbeiter wurden durchsucht. «Ich habe noch keinen Besuch gesehen», sagte Stadler vor der Presse: «Ich bin aber auch seit 7.30 Uhr hier, und meine Frau hat noch nicht angerufen.» Dann versuchte er das Gespräch auf die Betriebszahlen 2016 zu lenken.

Doch die Medien interessierten sich vor allem für die Razzia. Audi war in der öffentlichen Wahrnehmung bisher kaum Thema in der Dieselaffäre, obwohl auch die Ingolstädter im Spätherbst 2015 eingeräumt hatten, die Betrugssoftware in grossen 3-Liter-Dieselmotoren eingebaut zu haben. Im Fokus der Dieselaffäre standen stets VW und dessen aktuelle und frühere Vorstandsmitglieder. Von Audi sollen in den USA etwa 80000 Fahrzeuge betroffen sein, die mit dem manipulierten Motor aus der Audi-Werk ausgestattet waren, von VW waren nahezu 500000 Fahrzeuge alleine auf dem US-Markt betroffen. Audi hat bereits 1,8 Mrd. € zurückgestellt wegen der zu erwartenden Kosten. Die laufenden Ermittlungen stehen ausschliesslich im Zusammenhang mit Audi-Modellen, die auf dem US-Markt verkauft wurden.

«Sonst hätten sie ihren Job nachlässig gemacht»

«Die Razzia hat mich erschüttert», sagt Helmut Becker, Autoexperte am Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation, München. «Diese drastische Massnahme deutet darauf hin, dass Audi – anders als öffentlich verlautet – nicht in ausreichendem Masse mit den Behörden zur Aufarbeitung der Dieselaffäre kooperiert hat.» Der Druck auf Audi-Chef Stadler dürfte steigen, nachdem schon in jüngerer Vergangenheit der Verdacht laut geworden war, die manipulierten Motoren seien ursprünglich im Audi-Werk in Neckarsulm entwickelt worden. Das vermutet auch die Staatsanwaltschaft München: Die Ermittlungen sollen zeigen, «ob die Entwicklung der Software zur Manipulation von Abgaswerten in Deutschland stattgefunden hat» und möglicherweise «von der Audi AG gesteuert wurde». Der frühere Audi-Motorentwickler Ulrich Weiss beschuldigte jüngst Stadler konkret: Dieser habe von der Entwicklung der Schummelmotoren gewusst.

Sollte sich dieser Verdacht bestätigen, wird die Luft für den 53-Jährigen dünner. Experte Becker geht davon aus, dass Vorstände bei Volkswagen wie auch Stadler von der Betrugssoftware vor Auffliegen des Skandals im Herbst 2015 «gewusst haben müssen, sonst hätten sie ihren Job nachlässig gemacht». Vieles deute darauf hin, dass Audi die Software entwickelt habe. Becker schliesst nicht aus, dass die Razzia auf irgendeine Art von Ferdinand Piëch (79) ausgelöst worden ist. Der frühere Konzernpatriarch hatte im April einen internen Machtkampf gegen den damaligen Volkswagen-Konzernchef Martin Winterkorn verloren.

Wie dem auch sei: Audi-Chef Stadler betonte auch gestern, dass er keine persönliche Verantwortung für den Dieselskandal zu übernehmen bereit sei. Erst kürzlich habe sich der Aufsichtsrat hinter ihn gestellt. «Das muss ich nicht weiter kommentieren.»

Christoph Reichmuth, Berlin