ABB-Mitarbeiter nervös: Morgen wird bekannt, was der neue Chef abstossen will – aber das Turbolader-Geschäft bleibt

Morgen Donnerstag erfahren die ABB-Mitarbeiter, welche Unternehmensteile der neue Chef Björn Rosengren verkaufen will.

Daniel Zulauf und Niklaus Vontobel
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Was wird verkauft? Bei ABB steht ein Investorentag an.

Was wird verkauft? Bei ABB steht ein Investorentag an.

Melanie Duchene / KEYSTONE

Der 61-jährige Manager Björn Rosengren hat vor knapp neun Monate beim Elektrotechnikunternehmen übernommen. Neben den Mitarbeitern warten auch Investoren und auch die Konkurrenz gespannt auf wichtige Neuigkeiten.

Der äussere Anlass dazu ist der sogenannte Kapitalmarkttag. In der Einladung zu dieser virtuellen Konferenz mit Finanzanalysten verspricht ABB «weitere Details zur Evolution unseres Portfolios». In der Finanzpresse und von Analysten wurde das Geschäft mit Turboladern als Verkaufskandidat gehandelt. Wie CH Media aus gut unterrichteter Quelle erfahren hat, ist diese Geschäft jedoch nicht betroffen. Die Mitarbeiter in der Fabrik in Baden können aufatmen, vorerst.

Denn strategisch bewegt sich ABB in Richtung Industrie 4.0. Damit sind die industrielle Automation und die digitale Vernetzung von Produktionswerken zu sogenannt «intelligenten Fabriken» gemeint. In dieser Strategie gibt es im Prinzip auch für die Turbolader-Fabrik in Baden keinen Platz mehr. Die Turbolader nutzt die Abgase beispielsweise von grossen Schiffsmotoren, um deren Leistung zu steigern.

Die Badener Fabrik zählt gut 800 Mitarbeitende, besitzt eine hervorragende Marktstellung auf dem globalen Markt für Schiffsmotoren und ist finanziell überaus erfolgreich. Mit einem Verkauf könnte sich ABB derzeit einen attraktiven Erlös sichern. Mit einem Eigentümerwechsel würde die ohnehin schon grosse Verunsicherung am Industriestandort Aargau weiter zunehmen. Doch offenbar wurde die Option verworfen.

Alle Welt rechnet mit weiteren Verkäufen

Hingegen gilt es als sicher, dass morgen weitere Veräusserungen bekannt gegeben werden. Damit rechnet alle Welt nach dem Verkauf der Stromübertragungssparte an Hitachi im Dezember 2018. Diesem Moment sehen Tausende von Angestellten mit grossem Unbehagen entgegen.

Gerade in der Schweiz können sie am Schicksal ihrer ehemaligen Kollegen vom Turbinenbau erleben, welchen Schaden ein fehlgeleiteter Eigentümerwechsel anrichten kann. Die französische Alstom war eine schwache Eigentümerin dieses Geschäftszweiges, der schon seit Jahren einer dringenden Neuausrichtung bedurft hätte. In den noch schwächeren Händen von General Electric ist das Flaggschiff der einstigen Brown Boveri gerade dabei endgültig zu zerfallen.

Viele Finanzinvestoren können den Verkauf weiterer Betriebsteile bei ABB aber kaum erwarten. In Vorwegnahme solcher Ankündigungen ist der Aktienkurs auf den höchsten Stand seit fast drei Jahren gestiegen. Rosengren hat diese Erwartungen in den vergangenen Monaten mit entsprechenden Aussagen in verschiedenen Medien selbst geschürt.

Der Londoner «Financial Times» sagte er im Juni, er wäre «überrascht», wenn ABB am Kapitalmarkttag nicht den Verkauf von Betriebsteilen im Wert von einer bis zu fünf Milliarden Dollar verkünden könnte. Solche Versprechen sind de facto unwiderruflich, zumal, wenn sie auf dem Altar der internationalen Finanzgemeinde abgegeben wurden.

Verkauf der Elektrifizierungs-Sparte wurde erwogen

Welche Betriebsteile ABB verkaufen könnte ist seit Monaten Gegenstand von Spekulationen. Aus gutinformierter Quelle ist zu erfahren, dass im vergangenen Jahr noch auf höchster Ebene der Verkauf der ganzen Elekrifizierungs-Sparte erwogen worden war. Dabei handelt es sich um eine der vier Divisionen, die nach dem Mitte Jahr abgeschlossenen Verkauf des Stromübertragungsgeschäfts noch bei ABB verblieben sind.

Von einer solchen Zäsur, mit der sich der Umsatz von ABB um mehr als 40 Prozent auf etwa 16 Milliarden Dollar und die Zahl der Angestellten um die Hälfte auf 52'000 geschrumpft wäre, ist man inzwischen aber offensichtlich wieder abgekommen.

Stattdessen werden Verkäufe einzelner der 18 Sub-Divisonen erwartet, die Rosengren im Zug seiner Dezentralisierungsstrategie in operativ selbständige Einheiten mit eigener Ergebnisverantwortung umgebaut hat. Im Rahmen des neuen Betriebsmodells «ABB Way» verlagert der Schwede derzeit 18'000 Mitarbeitende mit zentralen Konzernfunktionen auf in diese 18 operativen Einheiten. In der Zentrale sollen weniger als 1000 Mitarbeitende verbleiben.

Die Leistungsmessung der operativen Einheiten erfolgt mit Hilfe eines Punktsystems, das 15 Kriterien enthält. Bleibt eine Einheit hinter den Leistungszielen drohen ihr Sanierung, Verkauf oder gleich beides nacheinander. Auch die strategische Bedeutung ist ein wichtiges Kriterium dafür, ob eine Geschäftseinheit im ABB-Verbund bleiben soll oder nicht.

Bei Rosengren gilt: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Von Investitionen hört man den Manger kaum einmal sprechen, umso mehr aber von Desinvestitionen. Offiziell sagt Rosengren, ABB müsse zuerst neu aufgestellt werden bevor man wieder an Investitionen denken könne. Vieles deutet indessen darauf hin, dass der Konzern gar nicht mehr richtig investieren, sondern seine Dividendenfähigkeit verbessern will.

In der Ära von ABB-Chef Joe Hogan (2008 bis 2013) und teilweise auch in der Zeit seines Nachfolgers Ulrich Spiesshofer investierte ABB mehr als 11 Milliarden Dollar für Akquisitionen, die dem Ausbau von Marktanteilen, Kundenbeziehungen und Fertigungskapazitäten nutzen.

Seit 2018 ist die Investitionsbilanz negativ. Die knapp acht Milliarden Dollar aus dem Verkauf der Stromübertragung werden vollumfänglich an die Aktionäre zurückbezahlt. Und es ist davon auszugehen, dass für die Erlöse künftiger Desinvestitionen der gleiche Verwendungszweck vorgesehen ist.

Der nächste Wallenberg-König

Dies hat viel mit der grössten Aktionärin, der alteingesessenen schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg zu tun. Mit dem Rauswurf Spiesshofers haben die Wallenbergs die Macht bei ABB zurückerlangt. Zwar mussten sie dafür einen Pakt mit der «neureichen» schwedischen Investmentgesellschaft Cevian eingehen. Doch die Interessen der beiden Aktionärsgruppen haben sich im Lauf der vergangenen Jahre angeglichen.

Cevian ist als Managerin grosser institutioneller Vermögen von Dritten (z.B. Pensionskassen) naturgemäss an einer Strategie der Risikominderung und der Dividendenmaximierung interessiert. Und in diese Richtung bewegen sich zunehmend auch die Wallenbergs. Der Familienclan ist gerade dabei den Übergang in die sechste Generation vorzubereiten. Dort warten 31 Erben und Nachkommen auf direkter Linie zu den jetzigen Machthabern Markus, Peter und Jacob Wallenberg auf ihre Chance den Thron besteigen zu können.

Doch auf den nächsten Wallenberg-König wartet eine eher undankbare Aufgabe. Um das Familienimperium mit Hilfe neuer Investitionen weiter ausbauen und gestalten zu können bedarf es eines Konsens. Diesen zu finden wird schwieriger, je mehr die Familie wächst. Deshalb steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Wallenbergs zunehmend auf das Verteilen und nicht mehr aufs Investieren konzentrieren.

Für ABB könnte dies bedeuten, dass der Konzern zu einer Milchkuh bzw. zu einer Dividendenmaschine umfunktioniert werden soll. Die Mitarbeitenden in der Badener Turbolader-Fabrik werden in den nächsten Jahren immer wieder über ihr Zukunft rätseln müssen. Rosengren ist der Mann, dem die Wallenbergs vertrauen.