A wie Autonomie

Minergie hat einen neuen Standard lanciert. Er soll künftig Nullenergiehäuser auszeichnen, die ihren Energieverbrauch massiv senken und den Rest aus erneuerbaren Quellen selber erzeugen.

Elena Ibello
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Bau eines Minergie-Hauses in der Ostschweiz: Das Dach aus Fertigelementen wird aufgesetzt. (Bild: Trix Niederau)

Bau eines Minergie-Hauses in der Ostschweiz: Das Dach aus Fertigelementen wird aufgesetzt. (Bild: Trix Niederau)

Luzern. Ein neues Label zeichnet ab sofort Neubauten aus, die ohne Energie von aussen auskommen. Das Label Minergie-A erhalten Gebäude, die fast keine Energie brauchen und ihren minimalen Energieaufwand vollumfänglich aus erneuerbaren Energien decken; etwa durch Sonnenenergie und Biomasse, durch Erdwärme und Wärme aus der Aussenluft.

Minergie-A heisst Autonomie: Ein Haus produziert mehr Energie, als es braucht. Für die Gebäudehülle gelten die üblichen Anforderungen, die der Minergie-Basisstandard stellt; die Wärme muss also gedämmt werden. Gleichzeitig muss ein Minergie-A-Haus auch die Anforderungen eines besonders niedrigen Energieverbrauchs von Minergie-P erfüllen. Dazu kommt nun die Energiebilanz, die am Ende eines Jahres mit einer Null abschliessen muss. Das enthält auch Regelungen für die Graue Energie und den Haushaltsstrom.

Anreiz für Bauherren

Angesichts der neuen Vorgaben, die ab 2020 für EU-Staaten gelten und die für Neubauten einen Energieverbrauch von fast Null verlangen, agiert Minergie mit dem neuen Label in einer bereits vorgegebenen Richtung. Doch Minergie geht noch etwas weiter – und setzt die neuen Ziele vor allem schneller um. Der Zuger Regierungsrat und Minergie-Präsident Heinz Tännler betonte letzte Woche an der ersten Minergie-Messe in Luzern, die Vorgaben ab 2020 erforderten ein hohes Tempo bei der Umsetzung.

Aber braucht es ein solches Label überhaupt? Weist die Entwicklung nicht ohnehin in Richtung Nullenergiehäuser? «Solche Labels sind eine wichtige Motivation und Aufforderung zum nachhaltigen Bauen. Darum sind sie wichtig», kontert Tännler. Er äussert sich überzeugt, ein zusätzlicher Anreiz sei nach wie vor nötig, da viele Bauherren nicht von sich aus nachhaltig bauten.

Dass die Lancierung eines neuen Minergie-Labels das Angebot noch unübersichtlicher macht, dessen ist sich Tännler bewusst. Es gibt von Minergie bereits das Basis-Minergie-Label, Minergie- P, Minergie-ECO und Minergie P-ECO. Und neben den Minergie-Labels gibt es national und international noch rund 100 andere. «Wir müssen aufpassen, dass es keinen Label-Salat gibt», räumt Tännler ein. Darum hat sich eine Gruppe von Fachleuten zusammengetan. Sie will die Entwicklung koordinieren und darauf reagieren, dass immer mehr Labels auch aus dem Ausland in die Schweiz drängen. «Alle haben ein ähnliches Ziel. Es geht überall um nachhaltiges Bauen. Da macht es Sinn, dass man die Köpfe zusammensteckt. Und vielleicht resultieren daraus auch Kooperationen», sagt Tännler.

Klarer Katalog von Kriterien

Trotz der Gefahr eines Label-Salats erklärt Minergie, mit dem neuen Label etwas Ordnung schaffen zu wollen: «Es gibt viele Projekte, die in diese Richtung arbeiten. Wir wollen die Kräfte fokussieren und eine unnötige Vielfalt der Begriffe vermeiden», sagt Ruedi Kriesi, Mitgründer und Vizepräsident von Minergie. Mit den Projekten meint Kriesi Bauten, die unter Begriffen wie Nullenergie oder Plusenergie bekannt wurden. Bastian Burger, der das Minergie-A-Label mitentwickelt hat, ergänzt: «Bei den bisherigen Begriffen war nie richtig klar, welche Kriterien die Bauten explizit erfüllen. Nun haben wir einen klaren Kriterienkatalog, und alle, die von Minergie-A sprechen, sprechen vom Gleichen.»

Der Bedarf für ein neues Label entstand laut Kriesi auch durch den bisherigen Erfolg: Etwa ein Viertel aller Neubauten werden nach Minergiestandards gebaut. Die staatlichen Vorschriften nähern sich immer mehr den Kriterien für die herkömmlichen Labels an. «Der Schritt zwischen vorschriftsgemässem Bauen und der Zertifizierung durch Minergie wird immer kleiner», beobachtet Kriesi. Nun müsse man sich noch mehr anstrengen, um das Minergie-A-Label zu erreichen.