40 Säckli und nicht mehr

Detailhändler in der EU dürfen die dünnen Plastiksäckli an der Kasse bald nicht mehr gratis abgeben. In der Schweiz will das Bundesamt für Umwelt noch einen Schritt weitergehen.

Fabian Fellmann
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Die Behörden in der EU und der Schweiz haben den Plastiksäckli den Kampf angesagt. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Die Behörden in der EU und der Schweiz haben den Plastiksäckli den Kampf angesagt. (Bild: ky/Martin Rütschi)

BRÜSSEL. Schluss mit den Raschelsäcken an der Ladenkasse: Die EU-Länder wollen bis in drei Jahren den Verbrauch der kleinen Plastiksäcke halbieren und bis in fünf Jahren um 80% senken. Maximal 40 Säcke soll ein Europäer dann pro Jahr noch verbrauchen. Heute sind es in Ländern wie Portugal, Polen und der Slowakei weit über 400 pro Kopf und Jahr. Insgesamt sind es europaweit rund 100 Mrd. Stück jährlich. Wie die EU-Länder ihr Ziel erreichen wollen, sollen sie selbst entscheiden. Verfehlen sie es aber, müssen sie bis 2018 eine Gebühr für Säcklein mit einer Dicke von weniger als einem Zwanzigstel Millimeter einführen. Auf diese Lösung haben sich die EU-Länder gestern geeinigt; formell werden Ministerrat und Parlament die Lösung in den nächsten Wochen besiegeln.

Die Schweiz plant weiter

In der Schweiz plant das Bundesamt für Umwelt (Bafu), deutlich weiterzugehen. Es will die Einweg-Säcke aus Plastik ganz verbieten, wie aus seinem Vorschlag von Ende Oktober hervorgeht. Ausgenommen würden nur Hygiene-Säcke, etwa für Obst und Gemüse. Auch Mehrweg-Tragtaschen etwa im Kleiderladen sollen künftig etwas kosten.

Widerstand der Wirtschaft

Die Wirtschaft sträubt sich allerdings gegen diesen Vorschlag. In einem Positionspapier von dieser Woche kritisiert die Interessengemeinschaft Detailhandel den Verbotsplan als unverhältnismässig und ineffizient. Wenn nur Plastiksäcke verboten würden, wichen die Anbieter auf andere Materialien aus, die für die Umwelt noch schädlicher seien, heisst es darin. Zudem würde die Schweiz mit einem Verbot schärfere Vorschriften beschliessen als die EU, womit der Schweizer Wirtschaft Wettbewerbsnachteile drohten. Der Detailhandel fordert, die Gratisabgabe von Säcken aus allen möglichen Materialien zu untersagen. Das sei eine liberale, marktwirtschaftliche Lösung.

Wirksame Steuer in Dänemark

In der Tat geht die Lösung der EU deutlich weniger weit als die Vorschläge des Bafu. Die EU-Variante hat denn auch einen eigentümlichen Weg hinter sich. Das EU-Parlament und die EU-Länder hatten einen Vorschlag der alten EU-Kommission stark abgeändert und sich auf die aktuelle Lösung geeinigt. Nun ist die neue Kommission ihr Amt, und ihr Verantwortlicher zur Reduktion der Bürokratie, Vizepräsident Frans Timmermans, kritisierte den Kompromiss prompt. «Ich bin bei dieser Plastiksack-Diskussion nicht sicher, ob der Vorschlag immer noch erreicht, was wir zu Beginn wollten. Das ist so kompliziert geworden, dass ich Stunden brauchte, bis ich es verstand», sagte Timmermans. Diese Woche lenkte die Kommission indes ein: Da sich Parlament und Länder einig seien, was selten genug der Fall ist, werde sie kein Veto einlegen.

Die Unterschiede, wie die EU-Länder mit den Säcklein umgehen, sind in der Tat gross. Viele haben schon vor mehr als zehn Jahren Massnahmen gegen die Plastiksäcke unternommen. Dänemark etwa hat es mit Hilfe einer Steuer auf den dünnen Säcken fertiggebracht, den Konsum auf vier Stück pro Kopf und Jahr zu reduzieren. Auch in Finnland sind die Raschelsäcke praktisch verschwunden.

Bedrohung für die Umwelt

Dünne Einweg-Plastiksäcke gelten ökologisch als Gefahr, da sie an Land und im Ozean jahrhundertelang bestehen. 70% der Meeresverschmutzung gehe zurück auf Plastiksäcke, schätzen Umweltschützer. Kleinste Plastikteilchen werden zudem von Tieren aufgenommen und gelangen so in die Nahrungskette; 95% der Eissturmvögel in der Nordsee sollen Plastik im Magen haben. Einweg-Plastiksäcke sind daher in vielen Ländern Afrikas und Asiens seit Jahren verboten oder einer Abgabe unterworfen.