Interview
40 Millionen Euro in der Krisenkasse +++ Holidaycheck trotzt der Krise +++ Erste Massnahmen schon im Januar: «Dann ging es Schlag auf Schlag»

Das Bottighofer Reise- und Bewertungsportal Holidaycheck will gestärkt aus der Coronakrise hervorgehen.

Stefan Borkert
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Bei Holidaycheck ist man sich sicher, dass wieder bessere Zeiten kommen.

Bei Holidaycheck ist man sich sicher, dass wieder bessere Zeiten kommen.

Bild: Getty

Die Holidaycheck AG hatte 2019 mit den Insolvenzen der Fluglinie Germania und der Thomas Cook Group zu kämpfen, aber dennoch zugelegt.

Eigentlich hat Holidaycheck ein relativ gutes Jahr hinter sich. Wann war für Sie klar, dass 2020 ein aussergewöhnliches Jahr werden wird, Stichwort Coronavirus?

Christoph Ludmann: Um Weihnachten herum habe ich die Ereignisse bereits verfolgt, bin aber zu dem Zeitpunkt noch nicht von einer Bedrohung für den Tourismus ausgegangen. Wir hatten uns auch gerade erst von der Thomas-Cook-Krise erholt und auf ein deutlich besseres Reisejahr gehofft. Die ersten acht Wochen des Jahres liefen ja sehr vielversprechend. Dennoch, als es Mitte Januar den ersten Todesfall in China gab und sich die Hinweise verdichteten, dass Corona über die Grenzen Chinas hinaus Tragweite bekommen würde, war uns klar, dass es Auswirkungen auf die Touristik haben wird.

Wie und wann haben Sie reagiert?

Ende Januar haben wir bereits angefangen, Krisenszenarien zu entwickeln, aber waren uns immer noch nicht klar darüber, wie ernst und gross die Sache für uns werden könnte. Dann ging es Schlag auf Schlag und mit dem sprunghaften Anstieg der Neuinfektionen im Februar sind auch die Buchungen massiv zurückgegangen. Zeitgleich stiegen die Stornierungsanfragen.

Verfügt Holidaycheck über Reserven, um die Krise zu bewältigen?

Die Holidaycheck Group verfügt zum gegenwärtigen Zeitpunkt über liquide Mittel in Höhe von rund 40 Millionen Euro. Das ist eine gute Ausgangslage. Da aber keiner vorhersagen kann, wie lange es dauern wird, bis sich der Reisemarkt erholt, haben wir umgehend weitere Massnahmen ergriffen.

Das wären?

Um die Liquidität des Unternehmens soweit möglich und sinnvoll zu schonen, haben wir umfangreiche Einsparmassnahmen zur Kostensenkung eingeleitet. Marketingaktivitäten wie TV-Werbung wurden auf ein nötiges Minimum reduziert. Ferner wurden gezielte Massnahmen zur spürbaren Senkung der Personalkosten in die Wege geleitet. Dazu zählt ein Verzicht auf Gehaltserhöhungen, die Einleitung von Kurzarbeit in weiten Teilen des Unternehmens sowie ein teilweiser Gehaltsverzicht des Vorstands.

Christoph Ludmann, CEO Holidaycheck AG, Bottighofen

Christoph Ludmann, CEO Holidaycheck AG, Bottighofen

PD

Müssen Mitarbeiter um ihren Job fürchten?

Wir legen grossen Wert darauf, einen Mitarbeiterabbau zu vermeiden, um nach der Krise zügig zur vollen Leistungsfähigkeit zurückkehren zu können.

Welche Massnahmen haben Sie zum Schutz der Mitarbeiter getroffen?

Wir haben als Allererstes die Teilnahme an der internationalen Tourismusmesse ITB abgesagt, der wichtigsten Messe für uns. Darüber hinaus haben wir jegliche Reisen von Mitarbeitern und Meetings mit externen Partnern untersagt.

Homeoffice ist sicher auch ein Thema?

Wir haben eine Taskforce aufgesetzt, die sich nur um die Bedürfnisse der Mitarbeiter kümmert, vom IT-Equipment fürs Homeoffice, bis hin zur Unterstützung bei der Kinderbetreuung. Bei uns steht der Urlauber immer an erster Stelle, aber in dieser allumfassenden Krise war es mir extrem wichtig, auch unsere Mitarbeiter zu schützen. Da wir schon immer viel im Homeoffice gearbeitet hatten und zudem auch gut vorbereitet waren, konnten wir Anfang März ohne Probleme mit unseren gut 400 Mitarbeitern ins Homeoffice wechseln und die Büros in Bottighofen, München, Warschau und Poznań schliessen. Sogar unsere Reisebüromitarbeiter, die telefonische Urlaubsberatung machen, konnten die zum Höchststand 21500 E-Mails von Urlaubern aus dem Homeoffice zügig abarbeiten.

Gibt es manchmal Probleme?

Aktuell dreht sich bei uns viel darum, wie wir die Mitarbeiter im Homeoffice unterstützen können, denn das ist für uns alle keine einfache Situation und sie wird auch noch eine Weile anhalten. Wir lassen uns viel einfallen. Aber auch unsere Mitarbeiter sind äusserst kreativ und vernetzen sich umso mehr miteinander.

Sind Mitarbeiter von Holidaycheck aktuell irgendwo auf der Welt in einer Destination gestrandet?

Nein, zum Glück nicht, und wir konnten auch alle Kunden, die mit unserem Veranstalter Holidaycheck Reisen unterwegs waren, wieder wohlbehalten zurückholen.

Wie sehen die Buchungen und Anfragen auf dem Portal derzeit aus?

Das kann ich leider nicht schönreden. Aktuell sehen wir eine deutliche Buchungszurückhaltung unserer Kunden. Unser Kerngeschäft ist die Pauschalreise und solange weltweite Reisewarnungen bestehen bleiben, sind alle Veranstalter dazu verpflichtet, gebuchte Reisen in diesem Zeitraum zu stornieren. Aktuell also bis Ende April. Da ungewiss ist, ob die Reisewarnung verlängert wird und auch, wie es sich in den Zielgebieten entwickelt, sind Feriengäste natürlich verunsichert. Alles in allem hoffen wir und die gesamte Branche aber darauf, dass sich die Situation zum Sommer hin massiv bessert.

Bewerten Kunden auch Hotels, Veranstalter, Reiseunternehmen je nach Reaktion auf das Virus?

Mir liegt dazu noch keine Auswertung zum Thema Corona vor, aber während der Thomas-Cook-Krise haben Kunden in ihren Hotel-Bewertungen oftmals darüber geschrieben, wie hilfsbereit oder eben nicht Hoteliers sich gezeigt haben. Wer sich hier solidarisch gezeigt und sich für seine Gäste eingesetzt hat, hat jede Menge loyale Kunden dazugewonnen.

Was melden Feriengäste?

Wir bekommen Rückmeldungen von Reisenden über unsere 220 Kollegen im Reisecenter. Sie reichen von Unverständnis über Frustration und Angst bis hin zu totaler Verunsicherung.

Was überwiegt?

Die Verunsicherung ist massiv. Die Informationslage war und ist phasenweise katastrophal, auch für uns. Urlauber wussten zum Beispiel nicht, ob sie eine Reise am nächsten Tag antreten oder zu Hause bleiben sollten. Bekomme ich mein Geld, wenn ich nicht zum Flughafen fahre, oder muss ich vor Ort in Quarantäne? Auch die Veranstalter hatten Schwierigkeiten, mit den sich überschlagenden Ereignissen klarzukommen. Aber wie schon in der Thomas-Cook-Krise hat sich auch hier gezeigt, wer ein gutes Krisenmanagement hat und wer nicht. Und das wird sich auch in der Loyalität der Kunden niederschlagen.

Sie haben Thomas Cook erwähnt. Tritt das jetzt in den Hintergrund?

Das ist richtig. Viele Destinationen bzw. die dortige touristische Infrastruktur haben massiv unter der Thomas-Cook-Pleite gelitten. Die gesamte Branche hat daher auf ein erfolgreiches 2020 gehofft und in den ersten Wochen des Jahres standen die Zeichen auch gut. Die Coronakrise ist noch mal deutlich grösser als Thomas Cook. Diese Krise wird eine neue Welt schaffen und höchstwahrscheinlich den Tourismusmarkt grundlegend verändern.

Welche Vorteile verspricht sich Holidaycheck beim Ende der Krise?

Unsere erste Priorität ist es, diese Krise mit all unseren Mitarbeitern zu überstehen. Wenn uns das gelingt, wovon wir ausgehen, werden wir ein noch besseres Team sein. Krisen schweissen zusammen und wir werden auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen. Darüber hinaus erwarten wir einige Veränderungen im Marktumfeld in Bezug auf Anbieter und Wettbewerb. Wir sind zuversichtlich, dass wir weitere Marktanteile hinzugewinnen können. Mit Sicherheit werden wir die Augen nach neuen Möglichkeiten, gerade für unseren Veranstalter Holidaycheck Reisen, offenhalten.