30 Minuten statt eine Woche

2010 hat die Sika einen Partner gesucht zur Herstellung eines handgeführten Geräts, das Fahrzeugscheiben so kleben kann, dass Garagenkunden einen Mehrwert haben. Nun hat die Wattwiler Cekatec AG ein solches Gerät entwickelt.

Christof Lampart
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Sika-Projektleiter David Tobler (links) und Cekatec-Geschäftsführer Stefan Jud mit dem brandneuen Power Cure. (Bild: Christof Lampart)

Sika-Projektleiter David Tobler (links) und Cekatec-Geschäftsführer Stefan Jud mit dem brandneuen Power Cure. (Bild: Christof Lampart)

WATTWIL. Wenn Projektleiter David Tobler von der «revolutionären Anwendung» namens Power Cure Dispenser spricht, die auf dem Markt für einen Preis zwischen 800 und 1200 Fr. erhältlich ist, dann leuchten seine Augen. Das Projekt wurde von Tobler vor Jahren wesentlich mitinitiiert. «Da steckt schon ziemlich viel Herzblut von mir drin», sagt er.

Akkubetrieben und innovativ

Was macht das Werkzeug, das auf Unkundige wie eine überdimensionierte, futuristische Wasserpistole wirkt, so speziell? Es ist ganz einfach: das akkubetriebene Gerät ist mit gerade einmal 4,3 Kilo Gewicht ziemlich leicht und erlaubt dem Anwender dank der Kabellosigkeit eine grosse räumliche Flexibilität. Was noch wichtiger ist: In Zusammenarbeit mit Cekatec und Sulzer konnte der Sika-Konzern extra für dieses Gerät einen Zweikomponentenkleber entwickeln. Dieser hält nicht nur sehr gut, sondern hat vor allem die Trocknungszeit massiv verkürzt. Jene Zeit also, die eine Fahrzeugscheibe braucht, um nicht nur fest im Autorahmen zu sitzen, sondern diesem auch die gewünschte originale Steifheit zurückgibt, die das Fahrzeug vor der Scheibenreparatur hatte. Denn in modernen Fahrzeugen ist es nicht, wie Laien annehmen könnten, der Rahmen, welcher der Scheibe den Halt verleiht, sondern umgekehrt. «Wenn Sie aus einem Auto die Windschutzscheibe herausnehmen, wird die ganze Karosserie instabil. Das ist dann in etwa so, wie wenn man aus einem Wandschrank die Rückwand heraustrennt. Er kracht dann fast von alleine zusammen», sagt Stefan Jud, Geschäftsführer der Cekatec AG.

Mehr Komfort und Sicherheit

Mit Power Cure ist den Entwicklern ein grosser Schritt zu mehr Sicherheit im Strassenverkehr gelungen – auch wenn einem dies im ersten Moment gar nicht in den Sinn käme. Denn für Branchenfremde schützt jede neu eingesetzte Windschutzscheibe gleich gut. Doch das ist eine irrige Annahme. Denn die komplette Trocknung einer Scheibe und die damit verbundene maximale Erreichung der Karosseriesteifheit kann heute gut eine Woche dauern. Das wiederum bedeutet, dass sich eine Autokarosserie, in der soeben eine neue Scheibe eingesetzt wurde, ziemlich leicht verziehen kann. Da genügt es unter Umständen schon, wenn man das Auto schräg auf dem Randstein abstellt. «Das kann im Extremfall dazu führen, dass die verzogene Karosserie auf die neue Scheibe einen solchen Druck ausübt, dass diese bereits wieder beschädigt wird», sagt Jud.

Nur zwei Prozent Wasser

Mit Power Cure wird jedoch die sogenannte sichere Wegfahrzeit nach gerade einmal 30 Minuten erreicht. Ein Kunde muss also nicht länger als bei einem Reifenwechsel warten, bis er sein Auto wieder voll funktionstüchtig in Empfang nehmen kann.

Diese massive Zeitreduktion gelingt dadurch, dass dem Klebstoff mit dem von Cekatec entwickelten Applikationsgerät ganz wenig Wasser, nämlich 2%, beigemischt wird. Diese minime Menge reicht, um das verklebte Fahrzeug innert 30 Minuten betriebssicher zu machen und den Klebstoff innert nur 60 Minuten komplett auszuhärten und somit die originale Karosseriesteifheit wiederherzustellen. Bei herkömmlichen Klebern kommt das Wasser für die Aushärtung aus der Umgebungsluft, das dann den Klebstoff von aussen nach innen abreagiert – das zieht den Härtungsprozess massiv in die Länge. «Das ist ein Meilenstein der Entwicklung», sagt Tobler. Denn bereits nach total 60 Minuten könnte man das Auto problemlos mittels Kran und Saugnäpfen an der Scheibe in die Höhe heben.

In China keine Chance

Bis Sika diese Neuheit präsentieren konnte, vergingen über fünf Jahre. Die Zusammenarbeit zwischen Cekatec, Sika und Sulzer sei vorbildlich gewesen. «Wir haben mit Cekatec einen Geschäftspartner gefunden, der sehr erfahren ist in der Entwicklung innovativer Maschinen und mit dem wir uns dank der räumlichen Nähe intensiv austauschen konnten», sagt Tobler. «Ein solches Projekt, bei dem die Zusammenarbeit so eng war, hätten wir mit einem Partner beispielsweise in China nicht durchführen können.» Seit Mai läuft nun die Power-Cure-Produktion in Wattwil bei der Cekatec. Angestrebt werden für die erste Zeit monatliche Verkäufe in dreistelliger Höhe. Gegenwärtig testen diverse Anbieter in Belgien, Schweden und demnächst auch in der Schweiz das Klebesystem für Fahrzeugscheiben.