259 Stellen in Steinach in Gefahr: Werk von TE Connectivity steht vor Schliessung +++ Definitiver Entscheid im August erwartet +++ Steinachs Gemeindepräsident: «Ich habe grösstes Mitgefühl mit den Angestellten»

Weil sich der Autozulieferer TE Connectivity reorganisiert, steht das Steinacher Werk des Technologieunternehmens vor der Schliessung. Damit droht 259 Arbeitsplätzen das Aus. Alexander Filz, Sprecher des Unternehmens, sagt: «Es läuft jetzt ein Konsultationsverfahren.» Steinachs Gemeindepräsident Michael Aebisegger zeigt sich schockiert über die Nachricht.

Kaspar Enz und Rudolf Hirtl
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Das Steinacher Werk des Technologie Unternehmens TE Connectivity steht vor der Schliessung.

Das Steinacher Werk des Technologie Unternehmens TE Connectivity steht vor der Schliessung.

Bild: Luca Linder

Schon letztes Jahr schwächelte die Autoindustrie, und die Coronakrise gab der Branche noch einmal einen Schlag. Das scheint nun auch in der Ostschweiz Opfer zu fordern. «TE Connectivity sieht sich gezwungen, an ihrem Standort in Steinach über Entlassungen nachzudenken, um die Wettbewerbsfähigkeit und den Fortbestand in Europa zu sichern», teilte der Industriekonzern gestern mit.

Kurz zuvor wurden gestern Nachmittag die Mitarbeitenden informiert, dass ein Konsultationsverfahren eröffnet wurde. 259 Miztarbeitende der Produktion im Steinacher Werk könnten betroffen sein. Man strebe für die Betroffenen eine massgeschneiderte Lösung an. Die Arbeit der Mitarbeitenden in Steinach werde geschätzt.

Entscheid ist noch nicht gefallen

Alexander Filz, Sprecher von TE Connectivity.

Alexander Filz, Sprecher von TE Connectivity.

Bild: PD

Von einer Schliessung will Alexander Filz, Sprecher des Unternehmens, aber nicht sprechen. «Es läuft jetzt ein Konsultationsverfahren. Wir müssen prüfen, ob es möglich ist, den Standort aufrechtzuerhalten.» Dafür hoffe man auch auf Vorschläge der Mitarbeitenden bis Ende Juli. Ein Entscheid sei noch nicht gefallen, betont Filz. «Das Verfahren ist ergebnisoffen.» Was das Ergebnis sei, werde erst im August klar.

Eine Überprüfung des Standorts sei aber nötig. Das Werk in Steinach sei auf die Massenproduktion von Steckverbindungen für Autos spezialisiert. Doch dies sei immer weniger gefragt. Mit neuen Mobilitätskonzepten und dem Trend zu Elektroantrieben würden vermehrt komplexere Teile in kleinerer Stückzahl nachgefragt. Ausserdem seien in der Industrie kürzere Lieferwege gefragt. «Man muss in die Nähe der Kunden, auch geografisch», sagt Filz. Und die Wachstumsmärkte seien zurzeit eher in Asien, den USA oder Osteuropa.

Administrationsjobs sollen erhalten werden

Während den 259 Produktionsmitarbeitern der Jobverlust droht, sollen die 37 Mitarbeiter der Administration weiter beschäftigt werden. Ob diese aber weiterhin in Steinach oder an einem anderen Standort arbeiten werden, sei vom Ausgang des Konsultationsverfahrens abhängig, sagt Filz.

Weltweit beschäftigt TE rund 80'000 Mitarbeiter – 259 davon in Steinach.

Weltweit beschäftigt TE rund 80'000 Mitarbeiter – 259 davon in Steinach.

Bild: PD

Das Werk des internationalen Industriekonzerns TE Connectivity in Steinach existiert seit 1986. Es produziert Steckverbinder für Kabelverbindungen in Autos. Es ist mit knapp 300 Mitarbeitern das grösste Werk des Konzerns in der Schweiz. Zuletzt wurden 2016 in Steinach rund 13 Millionen investiert. Bereits letzten August wurden in Steinach aber 50 Stellen abgebaut. TE Connectivity hat seinen Hauptsitz in Schaffhausen, ist aber an der New Yorker Börse kotiert. Die rund 80000 Mitarbeiter weltweit stellen Komponenten für Autos und Flugzeuge, für die Industrie, aber auch für medizinische Anwendungen her.

Gemeindepräsident zeigt sich bestürzt

«Ich wurde von TE Connectivity heute Mittag informiert und hatte noch nicht wirklich Zeit, diese schlechte Nachricht zu verdauen», sagt Steinachs Gemeindepräsident Michael Aebisegger, der sich auf Anfrage schockiert zeigt. «Wir alle hoffen und sind zuversichtlich, die Krise, die Corona ausgelöst hat, unbeschadet zu überstehen. Umso bestürzender ist die Nachricht über diese mögliche Standortschliessung.»

Michael Aebisegger, Gemeindepräsident von Steinach

Michael Aebisegger, Gemeindepräsident von Steinach

So ein Ereignis habe nicht nur in Steinach selbst, sondern in der ganzen Region Auswirkungen, zumal es Firmen dieser Grössenordnung hier ja nicht wie Sand am Meer gebe.

«Ich würde es mir wünschen, dass während des Konsultationsprozesses eine Lösung gefunden wird»

, sagt Aebisegger. «Ich habe grösstes Mitgefühl mit den Angestellten und kann nur erahnen, was in ihnen jetzt vorgeht.» Auch wenn der Gemeinderat die Geschehnisse nur zur Kenntnis nehmen und wenig bewirken könne, so werde er sie am kommenden Montag besprechen.

Er räumt aber ein, dass es ihm Sorge bereite, wie sich eine tatsächliche Schliessung in der ganzen Region auswirken würde. «Ich habe grösstes Mitgefühl mit den Angestellten und kann nur erahnen, was in ihnen nun vorgeht», sagt er hörbar niedergeschlagen. Auch wenn der Gemeinderat die Geschehnisse nur zur Kenntnis nehmen und wenig bewirken könne, so werde er sie am kommenden Montag besprechen.

Drohende Schliessung für Tübachs Gemeindepräsident ein katastrophales Zeichen für die ganze Region

Tübachs Gemeindepräsident Michael Götte.

Tübachs Gemeindepräsident Michael Götte.

Bild: Michel Canonica

Total geschockt zeigt sich Tübachs Gemeindepräsident Michael Götte, der sich selbst als Ursteinacher bezeichnet. «Ich bin in Steinach aufgewachsen und habe die Entwicklung der Firma hautnah miterlebt. Viele der Führungspersonen waren Stammgäste im Restaurant meiner Eltern. Als Schülerbub war die Ansiedlung von Tyco Electronics, wie TE Connectivity damals noch hiess, ein spannender Prozess. Ich habe bis heute Kontakt zu Leuten, die von Anfang an dabei gewesen sind.»

Die genaue Anzahl könne er nicht sagen, doch Fakt sei, so der SVP-Politiker, dass einige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von TE Connectivity auch in Tübach wohnen würden, was seine Betroffenheit noch grösser mache. Die drohende Schliessung sei allerdings ein katastrophales Zeichen für die ganze Region am See. Er habe sich regelmässig bei der Firma erkundigt, wie es läuft.

«Ich habe gewusst, das TE Connectivity schon vor Corona Kurzarbeit hatte, doch mit einer eventuellen Schliessung habe ich nicht gerechnet, da die Firma in der Vergangenheit schon mehrmals Schwierigkeiten gemeistert hat.»

Ein global aktiver Konzern

(T.G.) Das Werk Steinach gehört zum US-Konzern TE Connectivity Solutions. Dieser beschäftigt weltweit fast 80'000 Mitarbeitende, darunter über 8000 Ingenieurinnen und Ingenieure in der Entwicklung, und setzt rund 13 Milliarden Dollar im Jahr um. Das Unternehmen beliefert Kunden in 150 Ländern mit Produkten der Verbindungstechnik, beispielsweise Stecker, Kabel, Antennen und Sensoren. Diese finden Verwendung in zahlreichen Branchen wie Industrie, Transport, Energie, Medizintechnik, Autobau, Datenkommunikation, Heimanwendungen usw.

Im zweiten Quartal (per Ende März) des laufenden Finanzjahrs hat TE Connectivity 3,2 Milliarden Dollar umgesetzt, 6 Prozent weniger als in der Vorjahresperiode. Für das laufende dritte Quartal hat TE Connectivity einen Umsatzeinbruch um 25 Prozent gegenüber dem Vorquartal als Folge der Coronakrise prognostiziert. Der Konzern verfüge über liquide Mittel von über 2 Milliarden Dollar.

Ende April verwies Konzernchef Terrence Curtin im Zusammenhang mit Corona auf das diversifizierte Portfolio, die globale Produktionsstrategie und frühe Schritte zur Kostenreduktion. Übersetzt heisst das, die einzelnen Standorte stehen noch stärker unter Beobachtung und auf dem Prüfstand. Vergangenes Jahr etwa hat TE Connectivity im Rahmen eines Optimierungsprogramms ein Werk in der Ukraine mit 800 Beschäftigten stillgelegt, das während zehn Jahren Kabel für 30 Autobauer hergestellt hatte.

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