194 neue Züge im Wert von 1,5 Milliarden Franken für die Schweiz: Stadler wird ohne Zweifel mitmischen

SBB, Thurbo und RegionAlps wollen fast 200 einstöckige S-Bahn-Triebzüge beschaffen. Dass der Schienenfahrzeughersteller Stadler versuchen wird, sich diesen Auftrag auf seinem Heimmarkt zu krallen, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Schliesslich ist Stadler Hoflieferant der Ostschweizer Regionalbahn Thurbo und ein wichtiger Lieferant der SBB.

Thomas Griesser Kym
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Ein Thurbo-Regionalzug aus dem Hause Stadler auf der Strecke zwischen St.Gallen und Romanshorn.

Ein Thurbo-Regionalzug aus dem Hause Stadler auf der Strecke zwischen St.Gallen und Romanshorn. 

Bild: Ralph Ribi

Noch steht das Verfahren ganz am Anfang: Am Montag haben die SBB gemeinsam mit der Ostschweizer Regionalbahn Thurbo und der Walliser Regionalbahn RegionAlps 194 einstöckige S-Bahn-Triebzüge ausgeschrieben. Die drei Bahngesellschaften wollen mit dem neuen Rollmaterial primär einstöckige S-Bahn-Triebzüge ersetzen, die ausrangiert werden müssen. Und sie möchten ihre Flotten standardisieren. Sie rechnen mit einem Bestellvolumen von maximal 1,5 Milliarden Franken.   

Das ist ein dicker Fisch, der in der Branche unzweifelhaft auf grosses Interesse stossen wird. Die Beschaffung durchläuft ein mehrstufiges Verfahren. Ende 2020 soll entschieden werden, welche potenziellen Lieferanten zu einer zweiten Stufe der öffentlichen Ausschreibung zugelassen werden.

70 neue Züge für Thurbo

Konkret werden die drei Bahngesellschaften bis Ende 2020 im Rahmen einer Vorqualifikation in einem ersten Schritt die Eignung möglicher Hersteller prüfen. Zur zweiten Stufe der Ausschreibung will man jene drei Hersteller zulassen, «deren bestehende Fahrzeugplattform die Anforderungen aus den Angebots-, Infrastruktur- und Fahrplankonzepten bestmöglich erfüllen».  

Diese drei Anbieter werden dann eingeladen, eine detaillierte Offerte einzureichen. 2022 soll der Auftrag vergeben werden, so dass die ersten neuen Züge ab Fahrplan 2026 einsetzbar sind. Kriterien bei der Vergabe sind der Preis, die Wirtschaftlichkeit, die Erfüllung der technischen Anforderungen usw. Die 194 Züge sollen sich wie folgt aufteilen: 106 für die SBB, 70 für Thurbo und 18 für RegionAlps.

Stadler ist mit den SBB schon dick im Geschäft

Stadler wird sich gegen namhafte Konkurrenz behaupten müssen. Alstom, Bombardier, Siemens oder CAF sind ein paar der wichtigsten Mitbewerber. Gegen Bombardier hat Stadler den Milliardenauftrag für die neuen doppelstöckigen Fernverkehrszüge auf der Ost-West-Achse verloren. Allerdings haben die Bombardier-Züge den SBB und ihren Passagieren wegen jahrelanger Verzögerung und wegen Problemen mit der Wanktechnik erhebliche Sorgen bereitet. 

Doch Stadler hat mit den SBB auch grosse Erfolge gefeiert. So zum Beispiel mit dem Hochgeschwindigkeitszug Giruno für den Nord-Süd-Verkehr durch den neuen Gotthardtunnel. Oder mit den milliardenschweren Doppelstöckern für die Zürcher S-Bahn. 

Thurbo setzt bisher voll und ganz auf Stadler

Bei Thurbo ist Stadler gar als einziger Bahnbauer drin. Die Ostschweizer Regionalbahn verfügt über 120 Fahrzeuge des Typs Gelenktriebwagen (GTW) in zwei Längen. Die meisten davon, 80 Stück, hat Stadler zwischen 2003 und 2007 ausgeliefert. Thurbo ist ein Unternehmen der SBB mit Beteiligung des Kantons Thurgau.

RegionAlps wiederum muss ihre Flotte anderer Hersteller ersetzen, die aus 13 Triebzügen des Typs Domino und vier des Typs Nina besteht. Die Dominos verkehren im Tal zwischen Brig und St-Gingolph und die Ninas als St-Bernard-Express in den Bergen zwischen Martigny und Orsières/Le Châble.

St-Bernard-Express im Wallis zwischen Martigny und Orsières/Le Châble.

St-Bernard-Express im Wallis zwischen Martigny und Orsières/Le Châble.

Bild: PD

Stadler hat mit einstöckigen Regional- und S-Bahn-Zügen jede Menge Erfahrung

SBB, Thurbo und RegionAlps fordern von den Herstellern keine Neuentwicklung, sondern im Gegenteil «ein bereits in einem europäischen Land bewährtes Fahrzeugkonzept». Stadler könnte hier neben dem GTW auch den ebenfalls einstöckigen Regionaltriebzug Flirt in die Waagschale werfen. Beide Fahrzeugtypen sind in zahlreichen Ländern im Einsatz. Stadler-Sprecher Andreas Petrosino hält sich bedeckt: «In Sachen SBB-Ausschreibung äussern wir uns derzeit nicht.»

Die neuen Züge sind primär als Ersatz vorgesehen für bisherige Züge, die bis 2035 ihre Lebensdauer erreicht haben werden. Das sind 270 Stück, darunter auch Stadler-Flirt, die von den SBB bis 2011 beschafft worden waren. 194 neue Züge werden dafür nicht genug sein. Die Bahnen benötigen denn auch voraussichtlich mindestens 100 weitere Züge. Nicht nur als Ersatz für das alte Rollmaterial, sondern auch um ihr Angebot ausbauen und die erwarteten Verkehrszunahmen bewältigen zu können.

Vor diesem Hintergrund sind Optionen für insgesamt 316 Fahrzeuge ausgeschrieben, die in den nächsten Jahren je nach Entwicklung der Mobilität flexibel eingelöst werden sollen.