Interview

Kommen die Briefe nun noch später? Verwaltungsratspräsident Urs Schwaller erklärt die «Herkulesaufgabe» der Post

Die Post will künftig mehr Briefe und Pakete zusammen zustellen. Zudem will sie im Geschäft mit sensiblen Daten mitmischen. Hat das Unternehmen eine Chance gegen die internationale Konkurrenz?

Stefan Ehrbar
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Urs Schwaller ist Präsident des Verwaltungsrat der Post.

Urs Schwaller ist Präsident des Verwaltungsrat der Post.

Sandra Ardizzone / CH Media

Die Post gibt sich eine neue Strategie. Sie führt die Brief- und Paketsparte zusammen und will online wachsen. Urs Schwaller, Präsident des Verwaltungsrats, erklärt die Post der Zukunft.

Die Post will die Paket- und die Brief-Infrastruktur zusammenlegen. Was versprechen Sie sich davon?

Urs Schwaller: Es geht darum, rund 20'000 Beschäftigte zusammenzuführen. Wir sehen grosse Synergien auf der letzten Meile der Zustellung zu den Haushalten. Schon heute werden etwa 25 Prozent der Pakete zusammen mit Briefen zugestellt. 

Wie hoch soll dieser Anteil steigen?

Wir werden nie alle Pakete zusammen mit Briefen zustellen. Ich denke, wir werden schlussendlich auf vielleicht 40 bis 45 Prozent kommen. Das ist eine Herkulesaufgabe, aber ich bin sicher, dass sich das lohnt. Wir haben bereits sehr grosse Investitionen in die Verteilzentren getätigt, die wir so besser nutzen können.

Heisst das im Umkehrschluss auch, dass die Briefpost künftig später verteilt wird, wenn es nur noch eine Zustellung gibt?

Es ist nicht die Idee, die Lieferung zu verschlechtern. Aber es kann sein, dass künftig nicht mehr der Pöstler um 8 Uhr mit den Briefen kommt und der Paketbote um 9 Uhr mit den Päckli, sondern um 9 Uhr ein Zusteller mit beidem. Wir wollen nicht grundsätzlich später zustellen und müssen sowieso Auflagen der Politik erfüllen. So müssen etwa Tageszeitungen bis halb ein Uhr am Mittag zugestellt sein. Gerade die Coronakrise zeigt uns aber, wie wichtig diese Zusammenlegung ist. Die gestiegene Paketmenge konnten wir nur bewältigen, weil wir die Infrastruktur der Briefpost nutzen konnten. 

Die Paketmengen werden auch nach Corona zunehmen. Wie wichtig ist dieser Trend für die Post?

Dass das Onlineshopping zunimmt, ist ein Fakt. Es werden immer mehr Pakete nach Hause gebracht. Gleichzeitig wollen unsere Kunden immer weniger physisch einzahlen, sondern digital. Deshalb müssen wir uns auch in diesem Bereich stärker aufstellen. Die Post muss nämlich wachsen, auch wenn uns die Briefmengen wegbrechen. Sonst können wir unseren Service Public nicht mehr in dieser Qualität bieten. Und dieses Wachstum wollen wir ohne Subventionen erreichen.

Die Bündelung der Kräfte auf der letzten Meile soll auch neue Dienste ermöglichen. Was ist darunter zu verstehen? Klingelt der Pöstler künftig und verkauft noch Produkte von Drittfirmen?

Welches andere Unternehmen hat täglich Kontakt zu allen vier Millionen Haushalten in der Schweiz? Diese Nähe bietet nur die Post. Wir wollen aber kein Gemischtwarenladen werden. Die Post wird allfällige Partnerschaften öffentlich ausschreiben. Es wird nicht zu einer Verzerrung des Marktes kommen. Ähnliches gilt für die Filialen, die wir für Dienstleistungen von Firmen und Behörden öffnen wollen. Auch dort werden wir mit öffentlichen Ausschreibungen arbeiten. 

Ende 2019 betrieb die Post 981 eigene Filialen. Nun soll sich der Bestand bei 800 einpendeln, das sah schon die bisherige Strategie vor. Halten Sie daran fest? Das hiesse, dass nun knapp 200 Filialen verschwinden.

Die Diskussionen, die wir derzeit mit den Gemeinden führen, werden wir weiter führen. Der Zielwert beträgt 800 eigene Filialen. Es wird also bis Ende 2021 noch zu weiteren Umwandlungen kommen. Aber wir schliessen nie eine Filiale ohne Alternative. Und viele Gemeinden verstehen das. Es bringt mehr, wenn die Post in einem Laden mit langen Öffnungszeiten präsent ist, als selbst eine Filiale zu betreiben, die von 40 Leuten täglich während weniger Stunden besucht wird. So stärken wir auch das lokale Gewerbe. Die meisten Gemeinden, in denen wir diese Lösungen eingeführt haben, wollen nicht mehr zurück. 

Investieren will die Post in der digitalen Kommunikation. Sie soll zu einem neuen Standbein werden. Was heisst das?

Wir sind als Unternehmen im Besitz des Bundes, das zudem vom Parlament kontrolliert wird, der richtige Partner für den Transport vertraulicher Daten. Das können Bankdaten sein, Daten von KMU, aber auch elektronische Patientendossiers. Zudem können wir Behörden Dienstleistungen des E-Government bis hin zum elektronischen Abstimmen anbieten. 

Befürchten Sie nicht, der Swisscom, die mehrheitlich ebenfalls dem Bund gehört, ins Gehege zu kommen? 

Nein, absolut nicht. Wir wollen keine Netze anbieten, sondern die Dienstleistungen, die darauf funktionieren. Ich sehe hier keine Konkurrenz zur Swisscom. 

Die Konkurrenz besteht aber aus Google, Amazon und Co. Diese IT-Riesen sind finanzstark, erfahren und weltweit tätig. Kann die Post gegen diese Konkurrenz nur mit dem Argument der Sicherheit und Swissness bestehen?

Nein, diese Argumente reichen nicht. Wir müssen durch Leistung überzeugen. Ich bin aber überzeugt: Viele wollen genau wissen, wer ihre Bank- und Gesundheitsdaten transportiert. Das können wir nicht einfach ausländischen Anbietern überlassen. Das ist eine Art Grundversorgung, die wir in der Schweiz behalten müssen. 

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