Filmkritik

Wenn das Pendel zwischen Wahrheit und Lüge schwingt

Pascal Verdosci und Alex Martin haben Walter Matthias Diggelmanns Roman «Das Verhör des Harry Wind» mit den Stars Klaus Maria Brandauer und Sebastian Koch in den Hauptrollen verfilmt. «Manipulation» - ein echter Schweizer Polit-Thriller.

Evelyne Baumberger
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Er ist ein brillanter Geschichtenerzähler, dieser Harry Wind, dazu sympathisch, gut aussehend und selbstbewusst. Der geborene PR-Fachmann Wind weiss ganz genau, wie er Menschen für ein Anliegen einnehmen kann. Das bleibt auch den politisch Mächtigen nicht verborgen. Die Schweiz leistet sich in der 2. Hälfte der 50er-Jahre das verhältnismässig grösste Heer Europas.

Doch das muss vor dem Volk gerechtfertigt werden: ohne Feind keine Angst, ohne Angst kein Grund, in die Armee zu investieren, und kein Geld, um insgeheim an einer eigenen Atombombe zu arbeiten. Harry Wind erfindet also einen Feind, erzählt dem Volk die Geschichte des bösen Russen, gegen den es sich zu verteidigen gilt.

Eröffnungsfilm an den Solothurner Filmtagen

Ein talentierter Erzähler ist auch Pascal Verdosci. Man hört dem Regisseur gern zu, wie er im Basler «Unternehmen Mitte», wo er auch sein Büro hat, von den Hintergründen seines Films spricht und über die literarische Vorlage von Walter Matthias Diggelmann (1927-1979) diskutiert. Dessen Roman «Das Verhör des Harry Wind» erschien 1962 und machte ihn schlagartig zu einem der bekanntesten und umstrittensten Autoren der deutschsprachigen Welt. Pascal Verdosci hat das Buch zusammen mit dem Drehbuchautor und Produzenten Alex Martin verfilmt.

«Manipulation» ist der Eröffnungsfilm der diesjährigen Solothurner Filmtage und, obwohl der Film in den späten 1950er-Jahren spielt, hochaktuell. Im Film oszillieren Wahrheit und Lüge, Realität und Fiktion, die Macht von Bildern und Worten wird ausgelotet. Die Enthüllungswebsite Wikileaks, der ausländische «Vergewaltiger» auf den SVP-Plakaten, Bilder aus dem Irak-Krieg schiessen einem durch den Kopf.

«Die Lüge gewinnt nicht immer»

«Für mich ist es wichtig, dass es die eine Wahrheit gibt», sagt Pascal Verdosci, «und es hat immer Konsequenzen, mit ihr zu spielen.» Als Beispiel nennt er den ehemaligen US-Aussenminister Colin Powell, der im Jahr 2003 vor den Vereinten Nationen behauptete, der Irak besitze Massenvernichtungswaffen, und für den Sturz Saddam Husseins plädierte. Viele Menschen haben im Irak-Krieg ihr Leben verloren, die Konsequenzen der falschen Behauptung waren verheerend. Zwei Jahre später entschuldigte sich Powell öffentlich für seine Rede. Und jetzt stehe der damalige US-Präsident George W. Bush als Verlierer da, sagt Verdosci: «Die Lüge gewinnt nicht immer.» Der 43-Jährige führt weitere Beispiele auf, wo die Wahrheit zwar aufgedeckt wurde, der Skandal jedoch ausblieb. «Meist interessiert es nach einer spektakulären Geschichte niemanden mehr, wenn die Wahrheit ans Licht kommt», sagt Verdosci. «Das Gerücht ist immer spannender.»

Auch um die Entstehung von «Manipulation» gab es Gerüchte: Nach den Dreharbeiten erschienen Medienberichte, in denen über einen Bruch zwischen Alex Martin und Pascal Verdosci berichtet wurde. Verdosci beschwichtigt: Er sei in der Postproduktion immer wieder hinzugezogen worden. «Ich stehe in Kontakt mit Alex Martin und auch hinter dem Film, so, wie er jetzt rauskommt.»

Die Wahrheit liegt woanders

Bereits vor 15 Jahren hatten Verdosci und Martin eine Verfilmung von «Das Verhör des Harry Wind» geplant. Das Projekt war jedoch zu weitläufig angelegt und scheiterte am Budget. Der ein Jahrzehnt später realisierte Film spielt im Gegensatz zur Erstversion praktisch ausschliesslich in den Verhörräumen der Polizei; das Studio dazu wurde in einem Lörracher Einkaufszentrum aufgebaut. In vielen Dialogen zwischen dem Ermittler Urs Rappold (grossartig: Klaus Maria Brandauer) und Harry Wind (Sebastian Koch) lichten sich die Nebel um den Selbstmord eines als Kommunist und Spion verdächtigten Radiojournalisten, mit dem der Film beginnt. Rappold muss sich eingestehen, dass er sich daran unwissentlich mitschuldig gemacht hat. Die Situation, die anfangs so klar schien, entpuppt sich als Zerrbild - die Wahrheit liegt woanders. Verdosci: «Für mich ist es eine tief psychologische Geschichte eines Polizisten, der erkennen muss, dass mit ihm in einem politischen Rahmen ‹gespielt› wurde.»

Für Pascal Verdosci sind Film und Literatur immer Metaphern. Geschichten, die man dem Publikum erzählt und hinter denen sich - um bei den Begrifflichkeiten rund um «Manipulation» zu bleiben - eine Wahrheit zeigt. «Im Film baut man Realitäten, das ist der Reizam Beruf des Regisseurs.» Auch wenn die filmischen Realitäten nicht unbedingt den physikalischen entsprechen, wie zum Beispiel in Verdoscis Erstling «Anjas Engel», wo ein verstorbener Mann (Anatole Taubman) seiner Ehefrau (Barbara Maurer) in Gestalt eines Engels beisteht.

Verdosci - der Pazifist

Übrigens war schon in diesem Filmdie Schweizer Armee ein Thema: Der Verstorbene ist in der Geschichte ein ehemaliger Pilot der Patrouille Suisse. Offenbar hegt Verdosci, der sich selbst als Pazifist bezeichnet und dessen Vater aus Italien stammt, eine Faszination fürs Militär? Er lacht, um gleich wieder ernst zu werden. «Eigentlich fasziniert mich nicht die Armee, schliesslich habe ich sie ja auch nicht besucht, sondern vielmehr die Gewalt.»

Gewalt sei Ausdruck eines mit friedlichen Mitteln nicht mehr lösbaren Konflikts, und insofern auch vom schweizerischen Standpunkt aus - etwa in Bezug auf den Einsatz der Swisscoy im Kosovo - ein Thema: «Da fasziniert mich die Armee, weil sie am Schnittpunkt der heute so aktuellen Frage steht: sich einmischen oder zuschauen?»