Interview
SRF-Chinakorrespondent Pascal Nufer: «Es ist eine extreme Gratwanderung»

Pascal Nufer war fünf Jahre lang SRF-Chinakorrespondent. Im Interview spricht er über die journalistische Arbeit unter dem kommunistischen Regime und über den Optimismus im Reich der Mitte.

Jonas Keller
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Als Korrespondent in China war Pascal Nufer stets im Spannungsfeld zwischen Repression und journalistischer Ethik. Bild: zvg

Als Korrespondent in China war Pascal Nufer stets im Spannungsfeld zwischen Repression und journalistischer Ethik. Bild: zvg

Von Schanghai nach Effretikon: Wie gross ist der Kulturschock?

Pascal Nufer: Der ist riesig – im Positiven wie im Negativen. Es gibt natürlich viel, das ich hier wieder sehr schätze – vor allem die Freiheit. Man kann sagen, was man will, und hat die Chance, Dinge zu ändern, die einem nicht passen. In China ist man der Regierung ausgeliefert. Auf der anderen Seite fällt mir hier im Westen eine grosse Orientierungslosigkeit auf. Wir wissen nicht wohin und alle haben Angst, etwas zu verlieren. Das ist in China momentan ganz anders. Die Jungen sagen: Das 21. Jahrhundert gehört uns. Dieser Optimismus ist ansteckend.

Gibt es eine Trennlinie zwischen dem politischen und dem privaten China?

Man denkt bei China oft nur an das kommunistische Regime. Was dabei aber untergeht, sind die 1,4 Milliarden Menschen, die damit umgehen müssen und die alle ihr eigenes Leben führen. China ist nicht einfach nur dieser gleichgeschaltete Monolith. Es gibt sehr viele Menschen, die genau wissen, was vor sich geht. Wenn man privat mit ihnen spricht, dann sind sie auch sehr offen.

Ab 2020 werden alle Bürger ständig überwacht und bewertet. Verschwindet damit diese Grenze zwischen dem Politischen und dem Privaten?

Das wird sicher einschneidende Folgen haben. Während der Kulturrevolution in den Sechzigern und Siebzigern hat auch schon jeder jeden bespitzelt. Dadurch ist in der Gesellschaft viel kaputt gegangen. Das Vertrauen untereinander ist weg. Mit dem sozialen Kreditsystem wird das jetzt institutionalisiert und digitalisiert – das können wir uns noch gar nicht richtig vorstellen. Von der Geburt an ist man suspekt, ist immer unter Beobachtung und muss ständig beweisen, dass man unschuldig ist. Wenn man zu Unrecht in die Fänge des Systems gerät, hat man zudem keinen Ort, an den man sich wenden kann. Diese Umkehr der Unschuldsvermutung ist bedenklich.

Ich kann zum Glück sagen, dass alle, die wegen uns verhaftet wurden, wieder freigekommen sind.

(Quelle: Pascal Nufer)

Wie fest war der Machtausbau von Präsident Jinping spürbar?

Er hat die Uhren massiv zurückgedreht. Gerade als Journalist hat man das sehr stark gemerkt. Die Zahl der Personen, die mit einem sprechen, hat sich Jahr um Jahr verringert, weil die Leute Angst haben. Der grösste Teil der Arbeit ist nun, überhaupt noch Leute zu finden, die bereit sind, vor der Kamera etwas zu sagen.

Ist journalistisches Arbeiten so überhaupt noch möglich?

Das Narrativ, dass die ausländischen Medien China schaden wollen, verfängt sehr stark. Das macht die journalistische Arbeit brutal schwierig. Grundprinzipien – wie mehrere unabhängige Quellen zu haben – können kaum eingehalten werden. Oft werden Personen, mit denen man gesprochen hat, danach auch vom Staat drangsaliert – und das möglichst öffentlich als Warnung für andere.

Was war Ihr schlimmstes Erlebnis in dieser Hinsicht?

Ich habe mehrmals einen ehemaligen Soldaten interviewt, der 1989 beim Massaker auf dem Tiananmen-Platz dabei gewesen ist und der das unterdessen als Künstler zu verarbeiten versucht. Plötzlich war er verschwunden. Niemand wusste, wohin – auch seine Familie nicht. Später erfuhren wir, dass die Regierung ihn wegen unserer Gespräche in eines der Geheimgefängnisse gesteckt hatte. Solche Dinge sind mehrmals passiert. Ich kann zum Glück sagen, dass alle, die wegen uns verhaftet wurden, wieder freigekommen sind. Aber die Regierung weiss natürlich ganz genau, dass uns das zu schaffen macht und dass wir uns dann zweimal überlegen, ob wir solche Geschichten bringen sollen. Das ist eine extreme Gratwanderung und mit ein Grund, warum ich nach über fünf Jahren nicht mehr in China bleiben mochte.

Welche Momente haben Sie positiv berührt?

Die Aufbruchstimmung, die trotz der Repression herrscht, hat mich angespornt. Wahnsinnig spannend fand ich zum Beispiel den Besuch in der südchinesischen Stadt Shenzhen. Ursprünglich wurden dort vor allem Billigprodukte hergestellt. Unterdessen ist das Durchschnittsalter 29 und die Stadt wandelt sich zu einer Art Silicon Valley von China. Es wird viel getüftelt und geforscht. An jeder Ecke ist ein Start-up, das etwas auf die Beine stellt. Dieser Groove ist mitreissend. Was China ausserdem ausmacht, ist eine riesige kulturelle und kulinarische Vielfalt, die man bei uns noch nicht so wirklich wahrnimmt.

Die kulturelle Vielfalt ist allerdings unter Druck. Besonders muslimische Minderheiten werden verfolgt.

Aus Sicht des Regimes ist die Vielfalt natürlich eine grosse Gefahr. Die Regierung hat Angst, dass es keine nationale Identität mehr gibt und dass das Land auseinanderfällt. Mit Nationalismus und gemeinsamen Feindbildern soll es zusammengehalten werden. Dabei greifen sie zu übelsten Mitteln wie eben, muslimische Minderheiten zur «Umerziehung» in Camps zu stecken. Ich glaube, das ist eine Bankrotterklärung für das Land und zeigt die Angst der Regierung, ihre Macht zu verlieren.

China gewinnt international an Einfluss. Wird sich das Land damit mehr öffnen?

Aus wirtschaftlicher Sicht müsste es das eigentlich. Aber die grosse Frage ist, ob das mit der Agenda der jetzigen Regierung vereinbar ist. Ich bin da sehr skeptisch für die nächsten fünf bis zehn Jahre.

Als Bangladesh 2017 die eigene muslimische Minderheit gewaltsam vertrieb, hat China eine entschiedene internationale Reaktion verhindert. Zeigt das die Gefahr dieses wachsenden Einflusses auf?

Wahrscheinlich schon. Aber es geht wohl nicht anders, als zu akzeptieren, dass China in der Region eine Rolle als Ordnungskraft spielen wird. Wichtig ist, das in internationale Regeln einzubinden. Die UNO muss da wieder eine grössere Rolle spielen. Je mehr man auf Konfrontation setzt, umso mehr wird China seine Interessen einfach im Alleingang durchsetzen. Machen werden sie es so oder so. Die Frage ist also: Wie schaffen wir es, da einen Konsens zu finden und China in die Pflicht zu nehmen?

Ist es nur die Politik, oder ist China auch kulturell inkompatibel mit dem westlichen Individualismus?

Dieses Gefühl habe ich nicht. Gerade die jüngeren Chinesen – die Einzelkinder der Ein-Kind-Politik – sind Individualisten sondergleichen. Ich glaube, es wird schwierig, mit dieser Generation den Konformismus aufrechtzuerhalten.

Sind der Unmut und der Wunsch nach Freiheit, die zu den Protesten in Hongkong geführt haben, auch im Rest Chinas spürbar?

Das kann man nicht vergleichen. Die Jungen, die in Hongkong auf die Strasse gehen, sind aufgewachsen, als die Region so frei war wie noch nie. Sie realisieren jetzt, dass ihre Rechte als Sonderverwaltungszone nicht von Dauer sind. Spätestens 2047 laufen die auf dem Papier garantierten Freiheiten ab und China wird wieder die volle Kontrolle übernehmen. Der Hintergrund ist von daher ganz anders als in Festlandchina. Dass der Funke überspringt, denke ich deshalb eher nicht – auch wenn die Regierung natürlich Angst hat davor.

Wird China auch weiter zu Ihrem Leben gehören?

Ich hoffe es. Besonders die persönlichen Geschichten, die in der täglichen Berichterstattung zu kurz kommen, interessieren mich nach wie vor stark. Ich fliege deshalb in dieser Woche zurück für einen Dokumentarfilm. Mit etwas Abstand zurückzukommen, finde ich auch wieder schön. Die Türe zuschlagen möchte ich auf keinen Fall.

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