Vorfasnacht

Seit Jahren prägt er die Vorfasnacht: Roland Herrmann, der Mann hinter dem Klischee

Roland Herrmann prägt seit Jahren die Vorfasnacht mit. Zu seinem Beruf hat er ein gespaltenes Verhältnis.

Benjamin Rosch
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Wer hat Angst vor dem Baselbieter? Roland Herrmann am diesjährigen Pfyfferli. (zvg)

Wer hat Angst vor dem Baselbieter? Roland Herrmann am diesjährigen Pfyfferli. (zvg)

Foto Mimmo Muscio Basel

Vor einem Wald aus Rotstäben steht ein Mann in schwarzen Kleidern, schwarzen Schuhen und schwarzem Hut, auf dem ein dürftiger Maien sitzt. Der Lieschtler Banntägler trifft auf einen Vertreter des Basler Daigs und zündet ihn so richtig an. Die Nummer aus dem diesjährigen Pfyfferli ist maximal klischierter Stadt-Land-Graben, ein Wiedergänger der Basler Vorfasnacht. Der Mann mit dem kantigen Gesicht unter dem Hut heisst Roland Herrmann und mimt seit Jahren den personifizierten Baselbieter in Basel. Auch wenn er sich das nie so ausgesucht hat.

Roland Herrmann kam 1967 zur Welt und wuchs in Reigoldswil auf. Früh fantasierte der Junge mit den guten Noten im Kopfrechnen und schlechter Konzentration von einem Leben auf der Bühne. Er eiferte den Stars in Hollywood nach. Man kann sich vorstellen, wie schlecht solch mondäne Träume in die bäuerliche Idylle des Oberbaselbiets passten. «Schauspieler wurde man einfach nicht in Reigoldswil», sagt Herrmann, «Schauspieler wurden andere.»

Lange sah es so aus, als würde aus Roland Herrmann gar nichts. Zumindest sagten das die Lehrer, sogar am Elternabend, vor allen. «Dabei hatte ich keine schlechten Noten. Ich war einfach sehr faul», erinnert sich Herrmann und fügt an: «Vielleicht wurde ja wirklich nichts aus mir.» Das ist natürlich Koketterie. Hermann weiss, dass er seinen Weg gegangen ist.

Er mag die Bühne, aber nicht das Rampenlicht

Vor allem anderen ist Roland Herrmann nämlich stur. Damals wie heute gilt: Hat er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt, dann zieht er das durch. Neben seiner Lehre zum Kellner nahm er Gesangsunterricht und setzte so einen Fuss auf die Bühne. Er begann, in Musicals aufzutreten. Nach und nach erweiterte er sein Repertoire, bis er eines Tages an einem Casting auf Marco Rima traf. Der filmende Comedian empfahl den Baselbieter weiter und so kam es, dass Herrmann schweizweit Kontakte in der Kleinkunstszene knüpfte.

Wenig später kreuzte Herrmann zum ersten Mal die Pfade der Familie Rasser. Es ging um die Theaterproduktion «Demokrat Läppli». Herrmann übernahm mehrere kleine Rollen. Das war 1996. Als die Rassers vergangenen November den Läppli wieder aufführten, besetzte Roland Herrmann die Figur des kumpelhaften Miisli.

Auf den «Demokrat Läppli» folgte die vielleicht berühmteste Zeit von Roland Herrmann: Neun Jahre stand er als Kellner Kurt für die Sitcom «Café Bâle» vor der Kamera. Die Chance aufs Fernsehen wollte er sich trotz gleichzeitigem Theater-Engagement nicht verbauen, weshalb er an vielen Tagen bis um vier Uhr morgens im Café Huguenin drehte. Die Serie lief im nationalen TV, wie auch «Lüthi und Blanc». In der Schweizer Schoggi-Soap schlüpfte Herrmann in die Haut des rechtsextremen Soldaten Nyffenegger. «Damals kam es selbst im hintersten Grachen der Schweiz vor, dass ich angesprochen wurde», erzählt Herrmann. Recht war ihm dies nicht. Er mag die Bühne, aber das Rampenlicht weniger. «Ich hoffe immer, dass mich niemand erkennt.»

Die Gefahren der Schauspielerei

Wahrscheinlich ist es deshalb so gekommen, dass Herrmann auch auf der Bühne Aussenseiter bleibt: Die Eigenbrötler und Sonderlinge ziehen sich wie ein roter Faden durch seine schauspielerische Vita. Herrmann weiss gar nicht mehr, ob er sich selber in diese Charaktere schickte, oder ob es auf Druck geschah: «Sicher ist, dass ich mich für die tragikomischen Figuren interessiere.»

Für Herrmann ist das aber auch immer mit einem persönlichen Risiko verbunden. Schnell steigere er sich in eine Rolle hinein, übernehme die Gefühlswelt des Protagonisten im Stück. Mehrmals stand Herrmann vor einem Burn-out. Und als er einmal einen Amnesie-Patienten gab, vergass er regelmässig den Text.

Auf die grosse Leinwand hat es Hermann nicht geschafft

Herrmann, das wird deutlich, liebt seinen Beruf, aber er pflegt auch ein zwiespältiges Verhältnis dazu. «Die Bühne kann eine Sucht sein», sagt er. Er meint damit nicht den Applaus, der ist ihm oft egal. Vielmehr spricht Herrmann von der Selbstaufgabe, die es braucht, um jemand anderes zu werden. Die gleichzeitig Erfüllung bedeutet, aber auch viel Emotionalität abverlangt. Heute sagt Herrmann: «Meine Kinder haben mich gerettet.» Mit ihnen – er ist Vater von sechsjährigen Zwillingen und einem Kleinkind – erlebt er Emotionen wieder tiefer und bringt das auf die Bühne.

Dennoch: Nach «Lüthi und Blanc» hatte Herrmann ein bisschen gehofft, auch in grossen TV-Produktionen mitzuwirken, vielleicht sogar in einem Kino-Film. Er reiste nach Berlin und Los Angeles und besuchte einen Schauspielkurs. «Aber die Angebote blieben aus», sagt Herrmann mit hörbarem Wehmut. Inzwischen kann er trotzdem vom Schauspiel leben.

Seit Jahren ist er Teil des Fauteuil-Ensembles, das Caroline Rasser führt. Zu Herrmanns Portfolio zählen aber auch Werbespots für Selmoni, Möbel Märki oder die Pax-Versicherung. Immerhin gehören jene Zeiten der Vergangenheit an, in denen er neben der Schauspielerei einen Gelegenheitsjob an den anderen reihte, «manchmal nur wenige Wochen», um sich über Wasser zu halten.

Der Bruder und die Kulturdebatte

Auch zu seinem Baselbieter Bühnen-Alter-Ego hat Herrmann eine differenzierte Meinung. «Ich wurde ein bisschen in diese Rolle reingedrückt», sagt er Bezug nehmend auf den Typus tollpatschiger Baselbieter, wie er im Fauteuil, Charivari und auf anderen Kleinbühnen auftritt. Er verstehe den Lokalpatriotismus und wie er entstehen kann. «Lebt man lange am gleichen Fleck, kann das schon passieren», sagt er. «Aber wenn man den Horizont etwas öffnet, verblassen viele solche Denkmuster.» Er selber wohnt als Baselbieter in Basel, «und eigentlich bin ich gebürtiger Berner». Deswegen möchte er sich selber gar nicht so genau verorten. Am ehesten vielleicht als Schweizer. «Ich könnte überall wohnen.»

Ohnehin überlässt Roland Herrmann die Politik seinem Bruder Michael, von 2012 bis Präsident der Baselbieter FDP und während zweier Legislaturen Landrat. Als solcher setzte er sich für die Kürzung von Kultursubventionen in Basel-Stadt ein – just einem Thema also, welches das Verhältnis zwischen Stadt und Land in jüngster Vergangenheit belastet und damit Persiflagen wie den Banntägler am Pfyfferli den Weg geebnet hat.

«In diesem Thema sind wir uns nicht einig», gibt Roland Herrmann unumwunden zu. Schliesslich sei es hier um sein Herzblut gegangen. Ansonsten hält er sich aber mit seiner politischen Meinung zurück: «Ich habe eine und ich gehe auch immer gerne abstimmen.» Öffentlich äussern würde er sie aber nicht. Zu sehr käme das seiner Rolle in die Quere.
Roland Herrmann bleibt auch dann Schauspieler, wenn er nicht auf der Bühne steht.