Schlieren
Schriftsteller Albert Bächtold wurde zur Mundart verknurrt

Die Regisseurin Christina Ruloff verfilmt das bewegte Leben von Schriftsteller Albert Bächtold.

Sophie Rüesch
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Regisseurin Christina Ruloff verfilmt das Leben von Schriftsteller Albert Bächtold
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Making Of
Titel des Films «In Kiev redt me Mundaart – Albert Bächtolds phantastische Reise» - und genauso phantastisch sind auch die Inszenierungen.
Ivana Martinovic, als reiche Freundin, und Diego Häberli, als Freund Bächtolds, in romantischer Umgebung.
Mara Amrita Thurnheer als Irina.
Für die Kostüme sorgten Kostümbildnerinnen Anna Schneider und Monika Stahel.
Thomas Messerli als Vetter (rechts).
Albert Bächtold (links, gespielt von Bernhard Schneider) kehrt als gemachter Mann aus Amerika zurück.
Crew vor Antiquariat Harsch in Winterthur

Regisseurin Christina Ruloff verfilmt das Leben von Schriftsteller Albert Bächtold

Ilja Tschanen. MODULE+.

Die gelben Handschuhe haben die Wilchinger Albert Bächtold nie verziehen. Seine Heimkehr aus Amerika hatte der junge Mann schon anmassend genug inszeniert: Wie der Messias segelte er, nach seinen Auslandreisen ein gemachter Mann, im Zweisitzer auf einen Wilchinger Acker hernieder. Und als würde die pompöse Geste allein nicht ausreichen, waren da eben noch die gelben Handschuhe, die keinen Zweifel daran lassen sollten, welch ein Kosmopolit sich hier in der Provinz die Ehre gibt.

Nun auch ein Bächtold-Fan: die Schlieremer Regisseurin Christina Ruloff.

Nun auch ein Bächtold-Fan: die Schlieremer Regisseurin Christina Ruloff.

Sophie Rüesch

Das Requisit, das den Wilchingern in den 1920er-Jahren solchen Eindruck gemacht hat, sitzt fest an Bernhard Schneiders Händen, als Christina Ruloff «Action» ruft. Die Schlieremer Regisseurin widmet dem Schaffhauser Original Bächtold, der später für seine Mundartdichtung bekannt werden sollte, einen experimentellen Dokumentarfilm — und da muss jedes Detail sitzen. Der Film soll vor allem eines: Bächtold und sein Werk vor der Vergessenheit bewahren. Denn so unbestritten seine Bedeutung für die Schweizer Mundartliteratur — Adolf Muschg nannte ihn einst «den Faulkner der Schweiz» —, so wenig ist der 1981 verstorbene Bächtold einer Öffentlichkeit jenseits seines Heimatkantons heute noch ein Begriff.

Auch Ruloff hatte noch nie etwas von ihm gehört, als sie sich im Frühling auf die Ausschreibung von Initiant und Produzent Beat Toniolo meldete. Ähnlich wie Bächtold damals kehrte sie gerade vom Ausland zurück ins heimische Schlieren, im Gepäck ein frisches Masterdiplom von der renommierten London Film School und der Hunger, sich nach zweieinhalb Lehrjahren in die Arbeit zu stürzen. Bächtold zog Ruloff bei der Recherche sofort in ihren Bann. «Auch wenn ich den Regieposten nicht bekommen hätte, wäre allein die Entdeckung dieser grossartigen Biografie eine grosse Bereicherung gewesen», sagt sie. Doch Toniolo hat sie angestellt — und ihr neben der Regie für den halbstündigen Kurzfilm auch Drehbuch, Co-Produktion und Schnitt in die Hände gelegt.

Schwarzmarkt und Revolution

Albert Bächtold (links 1912, rechts ca. 1944) Hier geht's zu seinen Tonaufnahmen.

Albert Bächtold (links 1912, rechts ca. 1944) Hier geht's zu seinen Tonaufnahmen.

albertbaechtold.ch

Stoff hätte Bächtolds Leben, das er in zehn weitgehend autobiografischen Erzählbänden festgehalten hat, genug für einen mehrstündigen Spielfilm geboten: 1891 in arme kleinbäuerliche Verhältnisse geboren, zieht es Bächtold nach zwei Jahren als Landschullehrer in Schaffhauser Merishausen in die weite Welt. Mit 22 bricht er nach Kiew auf, damals noch Teil des russischen Zarenreichs. Auch hier bringt ihm das Lehrerdasein nicht die erhoffte Befriedigung, obschon ihn die unberührte Natur und die fremdartigen Bräuche der ländlichen Bevölkerung faszinieren. Er siedelt nach Moskau über, wo er als Kaufmann arbeitet und die Anfänge der russischen Revolution miterlebt. Mit viel Glück gelingt ihm 1918 nach einer Verhaftung — nicht, weil er mittlerweile auf dem Moskauer Schwarzmarkt tätig war, sondern weil er den Pass zu Hause vergessen hatte — die Flucht in die Schweiz.

Mit 22 bricht er nach Kiew auf und siedelt dann nach Moskau über, wo er als Kaufmann arbeitet und die Anfänge der russischen Revolution miterlebt.
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Mit viel Glück gelingt ihm 1918 nach einer Verhaftung — nicht, weil er mittlerweile auf dem Moskauer Schwarzmarkt tätig war, sondern weil er den Pass zu Hause vergessen hatte — die Flucht in die Schweiz.
Mit einem Köfferchen voll Dias aus Russland und der Schweiz bricht der Abenteurer nach Nordamerika auf.
Mehr als für seine Dias interessierte er sich aber sehr bald für die tragbaren Kinoapparate der Firma De Vry. Als er 1921 damit nach Zürich kommt, verdient er ein Vermögen.

Mit 22 bricht er nach Kiew auf und siedelt dann nach Moskau über, wo er als Kaufmann arbeitet und die Anfänge der russischen Revolution miterlebt.

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Doch das konnte es noch nicht gewesen sein, denkt sich der 29-Jährige, und bricht mit einem Köfferchen voll Dias aus Russland und der Schweiz nach Nordamerika auf. Was als Vortragsreihe beginnt, endet für Bächtold im Geldsegen. Schnell interessiert er sich weniger für die armen Russlandschweizer, für die er mit seinen Diavorträgen Geld sammeln sollte, und mehr für die tragbaren Kinoapparate der Firma De Vry. Als deren offizieller Vertreter zieht er 1921 nach Zürich und verdient ein Vermögen mit dem «Kino in der Westentasche», wie die «NZZ» damals berichtet.

Doch die Finanzkrise und das Aufkommen des Tonfilms machen ihm bald einen Strich durch die Rechnung. Gescheitert und verarmt, versucht er sich als Journalist, bevor er Mitte der 30er-Jahre endlich zur Schriftstellerei findet. Ihr bleibt Bächtold, der Lebensentwürfe wechselt wie andere Menschen ihre Socken, bis zu seinem Tod treu.

Mit Bächtolds Eigenschaft, sich immer wieder neu zu erfinden, konnte sich Ruloff, die erst nach einem abgeschlossenen Studium in Geschichte und Wirtschaftsgeschichte zum Film fand, gut identifizieren; die lebhafte Sprache seiner Texte, die trotz reichlich Lokalkolorit universelle Themen behandeln, halfen ihr dabei zusätzlich. Mit Bächtolds genauso unverwechselbaren wie für Nicht-Wilchinger sperrigen Dialekt musste sich die Schlieremerin aber zuerst anfreunden. Denn neben Bernhard Schneider, der den jungen Bächtold gibt, und Andrea Zogg, der den Antiquar in der Rahmenhandlung im Winterthur der Gegenwart spielt, ist sie die eigentliche Hauptdarstellerin: Die Wilchinger Mundart, in der Bächtold sein Leben niederschrieb und die natürlich auch im Film gesprochen wird. Viel Platz wird ihr in den Szenen im Ausland eingeräumt, die nicht gefilmt, sondern illustriert sind — im Off Bächtolds Erinnerungen im Wilchinger O-Ton.

«E richtig Toodesurteil isch es gsii»

Dabei traf Bächtold die Entscheidung, Schweizerdeutsch zu schreiben, nicht unbedingt freiwillig. «Zur Mundart verknurrt» worden sei er, an diesem verhängnisvollen Abend im September 1937, als seine hochdeutsche Lesung im Rabenhaus am Zürcher Hechtplatz so schlecht ankam wie sein in Mundart vorgetragener Text hervorragend. Geradezu genötigt worden sei er zum literarischen Bekenntnis zum Dialekt, wie er sich selbst erinnert: «E richtig Toodesurteil isch es gsii, wos ghaasse hat[...]: Bächtold, Si töörffed nie nüüt me anders schriibe weder Dialäkt; da ischt vo iezt aa Iri Ufgoob, und Sie sind de Maa derzue!»

Weil die Sprache bei Bächtold so zentral ist, heisst der Film auch «In Kiev redt me Mundaart – Albert Bächtolds phantastische Reise». Anfang November soll er an Schweizer und internationale Filmfestivals verschickt werden. Einer breiteren Distribution setzt das Medium Kurzfilm — «ein verschupftes Kind», wie Ruloff es nennt — seine Grenzen. Die junge Regisseurin hofft jedoch, dass ihrem ersten Werk nach abgeschlossener Ausbildung auch ein Leben jenseits der Festivals beschieden ist, etwa in Schulen und Universitäten: Als Zeuge eines Lebens, das zu grandios ist, um nicht erinnert zu werden.

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