Profiboxerin Gabi «Balboa» Timar über einschneidende Momente: «Tiefschläge sollten verboten werden»

Die erste Basler Profiboxerin Gabi «Balboa» Timar redet im Nähkästchen über Schicksalsschläge, blaue Flecken und das Streben nach dem ewigen Gewinnen.

Lea Meister
Drucken
Teilen
Gabi «Balboa» Timar ist nicht nur Profiboxerin, sie hat auch Jura studiert und ist ausgebildete Nageldesignerin.

Gabi «Balboa» Timar ist nicht nur Profiboxerin, sie hat auch Jura studiert und ist ausgebildete Nageldesignerin.

Kenneth Nars

Welchen Begriff haben Sie aus dem Nähkästchen gezogen?

«Tiefschlag». Zuerst habe ich ans Boxen gedacht, wo es «Tiefschläge» gibt, die nicht erlaubt sind, aber passieren können. Dann habe ich aber auch ans reale Leben gedacht, wo es oft zu Tiefschlägen kommt.

Haben Sie Tiefschläge erlebt, die Sie auf eine Art und Weise weitergebracht haben?

Corona war für mich ein Tiefschlag, einerseits professionell, da ich nicht mehr kämpfen konnte. Trainings, Kämpfe, alles war abgesagt. Das war für mich sehr brutal. Acht Wochen habe ich mich auf einen Kampf im April vorbereitet, der dann im März abgesagt wurde. Die Vorbereitung war schon getan, die Belohnung dafür blieb aber aus. Corona hat mich auch persönlich getroffen. Mein Vater war sehr krank und ist gestorben. Ich konnte nicht zu seiner Beerdigung gehen wegen der Pandemie. Online an seiner Abdankung teilzunehmen, war sehr heftig. Ich spüre dieses Gefühl heute noch jeden Tag und bin sehr emotional dabei. Es ist jetzt vier Monate her, das Gefühl hat sich aber nicht verändert. Das Wort «Tiefschlag» geht mir also sehr nahe. Jeder sollte das Recht haben, sich zu verabschieden.

Das tut mir sehr Leid. Wann ging es wieder aufwärts für Sie?

Ich bin sehr stark, auch emotional. In den letzten 20 Jahren habe ich glaube ich nur einmal geweint, das hat mir mein Vater gelehrt. Er sagte mir immer, man müsse stark sein, niemand sei für einen stark, nur man selbst. Dieses Jahr habe ich aber sehr viel geweint. Jetzt ist es besser, ich habe wieder Hoffnung, auch für das Boxen. Ich bereite mich gerade wieder auf einen Kampf vor, der Ende November oder im Dezember stattfinden soll. Es ist jetzt wieder an der Zeit, etwas zu bewegen.

Haben Sie denn während des Lockdowns weniger trainiert?

Nein, ich musste mich einfach anpassen. Ich habe viel Laufarbeit, Konditionstraining und Schattenboxen gemacht, halt einfach keine Partnerübungen. Es war schwierig, mich zu motivieren, das war klar anders als sonst. Ich hatte kein Ziel, auf welches ich mich fokussieren konnte, das hat mich sehr aus dem Konzept gebracht, das war sehr schwierig. Mein Körper muss aber stets bereit sein, dann kommt auch das Mentale dazu. Zum Glück hatte ich Angelo, meinen Trainer, der mich gepusht hat.

Wann haben Sie mit dem Sport angefangen?

Mit 16, damals habe ich Bodybuilding gemacht. Fünfzehn Jahre lang habe ich mich in der Bodybuilding-Szene bewegt. Mein Vater war auch Bodybuilder. Die Leidenschaft für Sport kam von ihm. Er hat mich und meine Geschwister mehrmals pro Woche trainieren lassen. Zum Boxen gewechselt habe ich vor fünf Jahren.

Wie kam das?

Ich sage immer durch Zufall, aber eigentlich glaube ich nicht an Zufälle. Bodybuilding wurde irgendwann langweilig für mich, weil ich immer überall allein war. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Eigentlich wollte ich schon vor zehn Jahren anfangen zu boxen, mein damaliger Partner hat mich aber davon abgehalten. Er meinte, Boxen sei nichts für Frauen, ein sehr altmodisches Denken also. Vor fünf Jahren habe ich dann den richtigen Moment verspürt und mich dazu durchgerungen. Boxen war für mich «love at first sight». Das Puzzle wurde durch die Wahl des richtigen Ortes und das Treffen mit dem richtigen Trainer vervollständigt. Der Boxclub Basel verfügt nicht nur über die grösste Plattform für den Frauenboxsport in Europa, sondern auch über eine Umgebung, in der Frauen respektiert und ermutigt werden, in diese «Männerwelt» einzutreten. Mein Trainer Angelo Gallina war der einzige, der an mich geglaubt hat und der im Grunde alles für mich getan hat. Ohne ihn wäre ich heute nicht hier. Er ist mein Fels in der Brandung, wenn er sagt: «Ich bin stolz auf dich», dann ist es das alles wert.

Meine grösste Angst ist, mich nicht mehr weiterentwickeln zu können, nicht mehr zu wachsen und stehen zu bleiben.

Haben Sie Vorbilder?

Nein. Man kann so viel lernen von verschiedenen Boxern, aber ich will mich selbst sein. Boxen ist so attraktiv, weil es so viele Facetten hat und unheimlich ästhetisch ist.

Etwas wie ein Tanz...

...genau, ich sage immer: «We dance in boxing steps». Denn Boxen ist zu 80 Prozent Beinarbeit.

Wie ist es als Frau in der Boxerszene?

Ich bin froh, in einem Umfeld zu sein, in welchem Frauen genau gleich behandelt werden wie Männer. An anderen Orten ist es nicht so, es ist ein Männersport. Hier im Boxclub Basel spürt man das aber nicht, Frauen sind ganz klar gleichberechtigt. Ich habe den perfekten Ort gefunden, der mich inspiriert und zulässt, dass ich mich auf meine ganz eigene Art weiterentwickeln kann. Es wurde nie auf mich herabgeschaut.

Wie ist es in der Gesellschaft?

Dort kommt einem einfach oft Unverständnis entgegen. Warum ich als Frau boxe, verstehen viele nicht, da denken die Leute sehr altmodisch. Man hat da ein typisches Bild im Kopf, wie eine Boxerin aussehen muss. Viele glauben mir auch gar nicht, dass ich Boxerin bin, weil ich eher leicht und feminin bin. Die Menschen um mich herum verstehen mich und die Motivation hinter meinem Sport aber sehr gut. Im 20. Jahrhundert sollte man als Frau nicht gefragt werden, weshalb man boxt. Wir verfolgen dieselben Regeln, wir trainieren gleich, es gibt da keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen.

Es gibt nur zwei Profiboxerinnen in der Schweiz, gibt es einfach zu wenig Gute?

Ich wurde professionelle Boxerin, weil es im Amateurbereich zu wenig Gegnerinnen für mich gab. Wir sind nach Deutschland, Frankreich, Portugal, Irland etc. gereist, nur um passende Gegnerinnen zu finden. Deshalb bin ich professionelle Boxerin geworden.

Ich trainiere nur, um zu gewinnen.

Ist ein Kampf die Belohnung für das Training?

Ja, auf jeden Fall. Und für mich gibt es kein anderes Ergebnis als Gewinnen. Ich trainiere nur, um zu gewinnen.

Sind Sie auch im normalen Leben so? Wollen Sie immer gewinnen?

Ja, auf jeden Fall. Ich will immer mein Bestes erreichen, immer das Beste aus jeder Situation herausholen. Daraus ergibt sich auch meine grösste Angst: Mich nicht mehr weiterentwickeln, nicht mehr wachsen zu können.

Gibt es denn irgendwo ein «Stop-Schild» in Ihrem Bewusstsein?

Nein (lacht). Im Boxen arbeiten wir mit dem Körper, er ist unser Kapital. Das Alter arbeitet also sicher gegen mich.

...und gegen das Alter können Sie nicht gewinnen...

...nein, das ist es eben. Ich kämpfe, um fit und jung zu bleiben (lacht). Als Boxerin werde ich irgendwann aufhören müssen, um auf mich Acht zu geben. Im Leben entwickelt man sich aber einfach weiter, es ist eine Schule ohne Ende.

Gabi «Balboa» Timar im Ring des Boxclubs Basel.

Gabi «Balboa» Timar im Ring des Boxclubs Basel.

Kenneth Nars

Sie haben Jura studiert, wie kam es dazu?

Anfangs kam es mir einfach «cool» vor. Ich war damals 19 und zog nach Spanien, wo auch mein Vater lebte. Das Recht hatte mich schon immer begeistert. Wissen über das Recht gibt einem Kraft und einen Vorteil. Seit ich mit dem Boxen angefangen habe, arbeite ich nicht mehr in diesem Bereich.

Vermissen Sie es manchmal?

Vielleicht die professionelle Umgebung und das Büro. Auch etwas das Sozialleben, ich bin viel gereist und herumgekommen, der Lifestyle fehlt mir manchmal etwas, auch die Kleidung (lacht).

Ich bin beides, ich habe viele Anzüge und High Heels zu Hause, das ist meine feminine Seite, so bin ich.

Sie kleiden sich ja privat sehr chic.

Ja, ehrlich gesagt, gehe ich jeden Sonntag auf Erkundungstour und kleide mich dafür immer extra chic. Ich versuche jeden Sonntag, einen neuen Ort kennenzulernen, ein neues Café oder einen neuen Platz in der Natur. Da ich nie weiss, wo ich lande, kleide ich mich immer chic, um für jeden Fall gewappnet zu sein.

Ist es ein Ausgleich zum Boxen für Sie?

Auf jeden Fall. Es ist ein Ausgleich zwischen diesen beiden Welten. Ich bin beides, ich habe viele Anzüge und High Heels zu Hause, das ist meine feminine Seite, so bin ich. Andererseits bin ich sechs tage die Woche in Traningsklamotten anzutreffen, das muss ich ausgleichen.

Haben Sie oft blaue Flecken im Gesicht?

Ja, gerade in den letzten Wochen vor einem Kampf ist die Chance sehr gross, dass man mir den Sport ansieht.

Überdecken Sie blaue Flecken im Gesicht mit Make Up?

An Sonntagen schon, ja (lacht). Aber die Flecken sind für mich kein Problem, ich habe mir das Recht verdient, diese zu haben. Manchmal schauen Leute etwas komisch, wenn ich einkaufen gehe. Angesprochen hat mich noch niemand, aber ich werde komisch angeschaut. Ich habe da aber einen Trick, ich gehe oft mit den Shirts des Boxclubs einkaufen, dann ist der Fall klar.

Ihr Übername «Balboa» kommt von Ihrem Trainer, oder?

Genau. Er sagte, die Art, wie ich für meine professionelle Karriere gekämpft habe, sei vergleichbar mit derjenigen von Rocky Balboa. Wir hätten den gleichen Hunger. Ein Übername kommt immer vom Trainer, er «tauft» dich und gibt dir wie deine Boxer-Identifikation.

Gibt es noch etwas, was Sie über Tiefschläge sagen möchten?

Wie gesagt, Schläge unter die Gürtellinie sind im Boxen nicht erlaubt. Ich finde, das Gleiche sollte auch für das normale Leben gelten, Tiefschläge gehören verboten (lacht).