Huttwil

Mit der Zöliakie-Betroffenen Anita Baumgartner in der Jowa-Fabrik

Das Langenthaler Tagblatt war mit der Zöliakie-Betroffenen Anita Baumgartner zu Besuch in der glutenfreien Fabrik der Jowa. Seit einigen Wochen werden dort für die Migros glutenfreie Produkte hergestellt.

Jürg Rettenmund
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Anita Baumgartner

Anita Baumgartner

Zur Verfügung gestellt

«Eigentlich sollten wir die Mehrkosten der glutenfreien Nahrungsmittel über die Krankenkasse abrechnen können», sagt Anita Baumgartner überzeugt. Die 39-jährige Wyssacherin erhielt vor fünf Jahren die Diagnose, dass sie an Zöliakie leidet (vgl. Text unten). Seither muss sie alle Lebensmittel meiden, in denen Gluten enthalten sind. Jetzt begleitet sie das az Langenthaler Tagblatt in die Jowa in Huttwil. Seit ein paar Wochen werden dort für die Migros glutenfreie Produkte hergestellt.
Die Erwartung von Anita Baumgartner mag beim ersten Hören fremd klingen. Sie wird verständlicher, wenn man mit ihr und Standortleiter Christoph Keller vor den Backöfen im Herz des Betriebes steht. «Diese sind eine Spezialentwicklung», erklärt Keller. Sie haben auf zwei Seiten eine Tür. Durch die eine werden sie mit den maschinell hergestellten Teiglingen beschickt. Durch die andere gelangen die ofenfrischen Backwaren in einen Reinraum.
Für Allergiker
«Wir arbeiten für Allergiker, deshalb herrschen hier Bedingungen wie in der Medikamentenherstellung, erklärt Christoph Keller. Beim Backen werden die Teiglinge auch sterilisiert. Im Reinraum kühlen sie aus und werden verpackt. Erst wenn sie luftdicht verschlossen sind, verlassen sie diesen Richtung Spedition. «Nur wenn die Backwaren vom Backofen in reiner Luft in die Verpackung geraten, bleiben sie fünfzig Tage frisch», ergänzt Keller. Denn die Jowa arbeitet ohne Konservierungsmittel. Schon die kleinste Menge an Sporen könnte zu einem Schimmelpilz auswachsen. Deshalb herrscht im Reinraum ein dauernder Überdruck, und die Luft gelangt nur über Filter in den Raum. Die Jowa-Mitarbeitenden, die dort arbeiten, betreten den Raum über eine Schleuse, in der sie sich komplett neu einkleiden müssen.
Der Reinraum ist dabei nur die extremste Zone in der neuen Fabrik. Auch sonst wurden die Hygieneauflagen seit der Umstellung verschärft. So unterscheidet sich die glutenfreie Produktion schon in der Bekleidung von der konventionellen Senf-Produktion, die weitergeführt wird. Beim Senf sind die Schutzkleider grün, bei den glutenfreien Produkten weiss. Für die Znünipause müssen die Mitarbeitenden in den Pavillon wechseln. Denn in der Fabrik sind glutenhaltige Nahrungsmittel auch als Zwischenverpflegung tabu.
Der Backofen ist auch nicht die einzige Spezialentwicklung, welche die Jowa für die neue Fabrik beschaffte. Glutenfreie Teige kleben viel stärker als glutenhaltige und sind deshalb schwieriger zu handhaben. Selbst die Teigwarenmaschine, die vom bisherigen Betrieb übernommen wurde, musste für eine halbe Million Franken an die neuen Anforderungen angepasst werden.
Insgesamt investierte die Jowa 5,7 Millionen Franken in die glutenfreie Produktion. Eingeschlossen ist darin eine eigene Entwicklungsabteilung. «Wir stehen erst am Anfang», macht Christoph Keller klar.
Erst am Anfang ist die Jowa bezüglich der produzierten Mengen. Bereits arbeiten sechs temporäre Mitarbeitende neben der Stammbelegschaft in Huttwil. Keller hofft, diese schon bald fest anstellen zu können. Im Moment wird noch von Montag bis Freitag einschichtig gearbeitet. Möglich ist jedoch ein Vierschichtbetrieb an sieben Tagen in der Woche. Neben der Versorgung der Migros will die Jowa auch exportieren.
Erst am Anfang ist die Jowa jedoch auch bei der Produktentwicklung. Das Ziel sind glutenfreie Produkte, die geschmacklich möglichst nahe an jene Produkte herankommen, welche die Zöliakiebetroffenen nicht vertragen. «Ganz zum gleichen Preis wird dies nicht möglich sein», erklärt Christoph Keller. Denn die hygienischen Auflagen beginnen nicht erst an den Fabriktoren in Huttwil, sondern bereits auf dem Feld des Bauern. Dazwischen müssen ebenfalls spezialisierte Verarbeiter, zum Beispiel Mühlen, gefunden werden.
Auch Anita Baumgartner muss sich zu Hause an strenge Regeln halten: Messer und Schneidebrett muss sie wechseln oder waschen, wenn sie ihrem Mann ein Stück Zopf abschneidet und dann für sich ein Stück ihres Spezialbrotes. Obschon es zusätzliche Arbeit gibt, bäckt sie viel selbst. So sind die Backwaren jederzeit frisch, denn ohne Gluten trocknen sie rasch aus.
Deshalb ist Anita Baumgartner am Schluss des Fabrikrundgangs gespannt, wie die industriellen Backwaren schmecken. Christoph Keller ist das Problem des Austrocknens bekannt. Deshalb enthält ein Teil der Backwaren Körner. «Diese verstärken den Eindruck der Frische.» Anita Baumgartner beisst in ein Stück Toastbrot, kostet es und stimmt ihm zu.
Osterküchlein oder Lebkuchen
Noch ein Anliegen hat die Zöliakie-Betroffene: Dass es mehr Auswahl gibt, möglichst auch mit saisonalen Produkten, zum Beispiel gegenwärtig Osterküchlein oder in der Adventszeit Grittibänzen und Lebkuchen. «Das war eine der stärksten Einschränkungen, die ich nach der Diagnose erlebte: Nicht mehr aus der breiten Palette der normalen Produkte auswählen zu können.»
Christoph Keller nimmt die Anregung gerne auf. Denn auch bei der Breite des Sortiments ist die Jowa mit den acht Startprodukten erst am Anfang. «Für die Osterküchlein wird es aber 2013!», macht er klar.