Behindertentheater
Matthias Brücker schnuppert Regisseursluft - aber im Herzen bleibt er Schauspieler

Das Bergdietiker Ensemblemitglied des Behindertentheaters Hora ist nun auch Regisseur.

Sophie Rüesch
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Matthias Brücker hat mit dem Theater Hora schon die halbe Welt bereist.

Matthias Brücker hat mit dem Theater Hora schon die halbe Welt bereist.

Chris Iseli

Es war von Beginn an ein hehrer Wunsch, den die Leiter des Theaterprojekts «Freie Republik Hora» dem Schauspieler Matthias Brücker als Bedingung für sein eigenes Regiestück auferlegten: «Die Hora-Schauspielerin Tiziana Pagliaro darf weder mitwirken noch als Figur auftauchen, noch namentlich erwähnt werden.» Auf den ersten Blick erfüllt der 25-Jährige, der seit sieben Jahren zum Ensemble des Zürcher Behindertentheaters gehört, diese Bedingung zwar. Doch daraus, dass sich eigentlich das gesamte Stück um das Leben seiner grosse Liebe Tiziana dreht, macht Matthias Brücker keinen Hehl.

«Ich sage kein Wort» in der Roten Fabrik in Zürich

Matthias Brückers Stück mit dem Titel «Ich sage kein Wort» wird am 4. Juni um 19 Uhr im Backstein in der Roten Fabrik in Zürich gezeigt. Er selbst beschreibt sein Stück als «Overkill an Beziehungsdrama zu Heavy-Metal-, Italo-Pop-, Boygroup- und Love-Musik, um Zorn, Liebe, Eifersucht und Sex, in dessen Zentrum eine Person steht, die nicht genannt werden darf.» Zwischen dem 29. Juni und dem
4. Juli werden zudem alle sechs Stücke, bei denen Schauspieler und -Schauspielerinnen des Theaters Hora im Rahmen der «Freien Republik Hora – Phase 3» Regie führen, noch einmal in einer grossen Retrospektive gezeigt. Diese Aufführungen finden jeweils um 20 Uhr im Fabriktheater bei der Roten Fabrik statt.

Eine Geschichte im herkömmlichen Sinn, darauf besteht er vehement, gibt es in seinem Stück «Ich sage kein Wort» nicht. Um Liebe soll es sich drehen, um Eifersucht, Sex und Gewalt und um die schwierige Frage, wie man mit einem behinderten Kind umgeht. Matthias Brücker, der wohlbehütet im Elternhaus in Bergdietikon aufgewachsen ist, will das Augenmerk auch auf weniger glückliche Schicksale behinderter Menschen richten. «Das zu zeigen, ist mir sehr wichtig», sagt er.

Projekt wird Forschungsobjekt

Sein Ansatz stiess auf Interesse: Das Konzept, das aus einer Reihe assoziativer Szenen besteht, vermochte eine Fachjury aus den Bereichen Theater, Kunst und Kultur genug zu beeindrucken, um ihm als einem von sechs Hora-Mimen den Zuschlag für ein eigenes Regieprojekt im Rahmen der «Freien Republik Hora» zu geben. Das «Langzeitexperiment» startete 2013 und durchläuft zurzeit seine dritte Phase. Diese ist zugleich Forschungsobjekt: Der Prozess vom Konzept bis nach der Aufführung wird von der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) im Rahmen des Forschungsprojekts «DisAbility on Stage» (zu Deutsch: Behinderung/Fähigkeit auf der Bühne) begleitet und später ausgewertet.

Die Regeln für die Regisseure sind einfach: Es gibt 5000 Franken Budget für die Umsetzung und das Engagieren von externen Theaterschaffenden, am Stück müssen ein bis drei nicht-Behinderte mitwirken und obendrauf gibt es eine individuelle Bedingung – in Matthias Brückers Fall wäre das eben das Tiziana-Verbot. Dazu dürfen keine sexuellen Übergriffe, Gewaltakte oder Sachbeschädigungen auf der Bühne stattfinden – «ausser man macht es vorher ab», wie Projektleiterin Nele Jahnke sagt.

Die individuellen Bedingungen sollten den Regisseuren einen künstlerischen Anreiz bieten und ihnen gleichzeitig zumindest einen minimalen Rahmen geben, so Jahnke. Ansonsten habe man ihnen die grösstmögliche Freiheit gewähren wollen; vor allem vom gängigen «Falsch» und «Richtig» des Theaters sollten sie sich nicht beirren lassen. Zuweilen war das ein ziemlicher Drahtseilakt: «Ihnen gewisse Instrumente aufzuzeigen und sie zugleich überhaupt nicht zu beeinflussen, war ziemlich hart für uns», so Jahnke – «eigentlich ist das ja unmöglich, da schon unsere reine Anwesenheit eine Art von Beeinflussung ist.»

Mit der «Freien Republik» beschreitet das Theater Hora Neuland, besonders auch, weil es sich um ein langfristiges Experiment handelt. Zwar gibt es in der Kulturlandschaft mittlerweile einen Platz für behinderte Schauspieler, auf den Regiesesseln sucht man behinderte Menschen jedoch vergebens – aus vermeintlich offensichtlichen Gründen. Doch es waren genau diese, die das Theater Hora am Projekt reizten: Leute mit einer geistigen Behinderung in eine leitende Position zu versetzen, erlaubt eine radikale Hinterfragung dessen, was im Theater – und im weiteren Sinne im Leben – als «normal» und akzeptabel gilt.

Kein Bedarf an Behinderten-Bonus

Die Rückmeldung auf das Dargebotene, so sieht es das Konzept vor, folgt in der «Freien Republik» denn auch unmittelbar. Im Anschluss an die Aufführung findet eine Diskussion mit dem Publikum statt. Diese scheut Matthias Brücker nicht. Nur eines würde ihm gar nicht passen: «Ich will bei der Bewertung keinen Behinderten-Bonus bekommen», sagt er. Möglicher negativer Kritik von den Zuschauern sieht er allerdings gelassen entgegen. «In diesem Stück mache ich, was ich will», sagt er. «Wenn die Meinung der Zuschauer nicht wie meine ist, ist das nicht mein Problem.»

Anders verhält es sich mit der Meinung seiner Kolleginnen und Kollegen vom Theater Hora: Auf deren Inputs werde er eingehen, wenn am Montag die Proben beginnen. «Wir werden gemeinsam erarbeiten, wie wir meine Ideen genau umsetzen», sagt er. Dafür plant er Improvisationsübungen, von denen die besten ins Stück aufgenommen werden. Als Regisseur will Matthias Brücker «kein Kommandant» sein, auch wenn ihm klar ist, dass er eine gewisse Verantwortung übernehmen muss. «Ich entscheide nicht gerne», gesteht er, «aber wenn es sein muss, kann ich es schon.»

Im Herzen, sagt er, ist und bleibt er Schauspieler. Selbst wenn er in die Schuhe des Regisseurs schlüpft: «Dann spiele ich ja auch: die Rolle, in der ich Regisseur bin», sagt er und lacht.

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