Lichtverschmutzung

Kanton missachtet eigene Regeln: Aargau beleuchtet seine Schlösser illegal

Seit mehreren Jahren hält der Kanton die Vorschriften seines eigenen Umweltrechts gegen Lichtemissionen nicht ein. Mit der Umrüstung bei den Schlössern will die Regierung warten, bis die Beleuchtung ohnehin ersetzt werden muss.

Fabian Hägler
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Schloss Lenzburg wird täglich von 19.00 bis 0.30 Uhr beleuchtet.

Schloss Lenzburg wird täglich von 19.00 bis 0.30 Uhr beleuchtet.

Emanuel Per Freudiger

«Beleuchtungsanlagen, die Aussenbereiche erhellen oder Kulturgüter beleuchten, sind so einzurichten, dass sie ausserhalb ihres Bestimmungsbereichs keine störenden Immissionen verursachen.»

Das ist unter Paragraf 27 im kantonalen Umweltrecht festgehalten – doch der Kanton selber missachtet diese Vorschrift. Dies zeigt die Antwort des Regierungsrats auf einen Vorstoss der GLP-Fraktion im Grossen Rat. Diese hatte der Regierung mehrere Fragen zur Lichtverschmutzung gestellt.

Wie hell dürfen die Aargauer Schlösser in der Nacht noch leuchten?
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Heute wird Schloss Habsburg von 19 bis 1 Uhr beleuchtet – eine Reduktion um eine Stunde würde Fr. 51.80 pro Jahr einsparen. ala/az-Archiv
Schloss Lenzburg: Beleuchtung von 19 bis 0.30 Uhr, 1950 Stunden jährlich, 19 500 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr.
Schloss Hallwyl: Beleuchtung von 6 bis 7 Uhr und von 19 bis 22 Uhr / SA und SO von 19 bis 7 Uhr, 2288 Stunden jährlich, 1441 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr.

Wie hell dürfen die Aargauer Schlösser in der Nacht noch leuchten?

Aargauer Zeitung

Unter anderem wollten die Grünliberalen wissen, ob die heutige Beleuchtung von Kulturdenkmälern im kantonalen Eigentum – also Schlösser, denkmalgeschützte Kirchen, Türme usw. – den gesetzlichen Vorgaben entspreche.

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Nur Liebegg korrekt beleuchtet

In seiner Antwort listet der Regierungsrat die beleuchteten Gebäude im Kantonsbesitz und die Beleuchtungszeiten auf (siehe Tabelle unten). Dazu hält die Regierung fest, mit Ausnahme von Schloss Liebegg, wo die Fassadenbeleuchtung in den Jahren 2016/17 ersetzt worden sei, erfüllten die übrigen Gebäude die gesetzlichen Vorgaben nicht. Das heisst konkret: Nur gerade eines von sieben Kunstdenkmälern ist korrekt beleuchtet.

Barbara Portmann, Fraktionspräsidentin der GLP im Grossen Rat, zeigt sich auf Anfrage der AZ erstaunt über die Antwort des Regierungsrats. «Dass der Kanton bei der Beleuchtung der Schlösser seine eigenen Gesetze nicht einhält, ist aus meiner Sicht stossend», sagt Portmann. Es gehe den Grünliberalen nicht darum, nun ein vollständiges Lichterlöschen bei den Schlössern im Aargau zu verlangen, schliesslich sei die Beleuchtung etwas Schönes und wecke positive Emotionen.

«Es kann aber auch nicht sein, dass der Regierungsrat den heutigen Zustand, der offenbar schon jahrelang herrscht und dem geltenden Umweltrecht widerspricht, einfach tatenlos hinnimmt», betont die Grossrätin.

Dark-Sky Switzerland: Beleuchtung seit Jahren unverändert

Wie stark und wie lange die Aargauer Schlösser beleuchtet werden, war in den letzten Jahren mehrfach ein Thema im Kanton. 2014 machte die Organisation Dark-Sky Switzerland, die sich gegen Lichtverschmutzung einsetzt, diverse Vorschläge dazu. Mit den aktuellen technischen Möglichkeiten liesse sich die Schlossbeleuchtung zum Beispiel an einem Tag pro Woche ausschalten, nur zu speziellen Anlässen einschalten, mit Rücksicht auf Vogelzug oder Witterung regeln – und so auch Strom sparen.

Museum Aargau konterte die Vorschläge. Die Schlösser seien Wahrzeichen des Kantons und verdienten eine angemessene Beleuchtung. Ausserdem steige die Gefahr von Einbrüchen oder Vandalenakten, wenn die Gebäude nicht beleuchtet würden. 2011 beantwortete der Regierungsrat einen Vorstoss zur Schlösserbeleuchtung. Ein Blick in die Antwort zeigt: Die Beleuchtungszeiten haben sich seither nicht verändert. (fh)

Regierung will abwarten

In ihrem Vorstoss fragte die GLP-Fraktion, ob die Regierung bei der Beleuchtung der Schlösser Handlungsbedarf sehe. Dies ist offenbar nur teilweise der Fall, wie es in der Antwort heisst. Der Ersatz der Beleuchtungen für Lenzburg und Wildegg sei budgetiert und werde realisiert, wenn die Stiftungsräte die Projekte bewilligten, schreibt die Regierung.

Bei den übrigen vier Objekten werde eine neue, gesetzeskonforme Beleuchtung «unter Berücksichtigung der Lebenszyklus- sowie Wirtschaftlichkeitsbetrachtung budgetiert und unter Einbezug naturschutzfachlicher Aspekte umgesetzt». Dabei werde auch eine Verkürzung und Vereinheitlichung der Beleuchtungsdauer angestrebt – dies in Übereinkunft mit den jeweiligen Nutzern.

Die komplizierte Formulierung lässt erahnen, dass es wohl länger dauern dürfte, bis alle Schlösser im Aargau gesetzeskonform beleuchtet werden. Portmann geht das zu langsam, sie fordert die Regierung auf, die heutige Situation mit Experten anzuschauen und Verbesserungen zu prüfen. Dabei gehe es einerseits um die Beleuchtungsart, andererseits auch um die Beleuchtungsdauer, die möglicherweise verkürzt werden könnte.

Das sind die Aargauer Schlösser:

Das Schloss Lenzburg zählt zu den bedeutendsten Höhenburgen der Schweiz.
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Nach der Eroberung des westlichen Aargaus durch die Stadt Bern 1415 diente das Schloss Lenzburg als Sitz der Berner Landvögte...
... bis es 1804 in den Besitz des Kantons Aargau gelangte.
Das Schloss Hallwyl ist eines der bedeutendsten Wasserschlösser der Schweiz.
Schloss Hallwyl befindet sich auf zwei Inseln im Aabach, nahe des Hallwilersees. Es liegt im Gemeindegebiet von Seengen
Seit 1925 ist es öffentlich zugänglich, seit 1994 im Besitz des Kantons.
Schloss Habsburg: Die um 1030 gegründete Doppelburg ist der namensgebende Stammsitz der Habsburger, die nach ihrem glänzendem Aufstieg im Spätmittelalter ein Weltreich beherrschten.
Heute beherbergt das Schloss Habsburg eine kleine Ausstellung zur Bau- und Siedlungsgeschichte und Räumlichkeiten für ein Restaurant.
Seit 1804 ist die Habsburg im Besitz des Kantons.
Schloss Wildegg steht rund achtzig Meter oberhalb von Wildegg.
Zuvor war es im Besitz der Familienkiste Effinger. Die Letzte der Linie, Julie von Effinger, starb 1912 ohne Nachkommen und vermachte das Schloss der Eidgenossenschaft.
Seit Anfang 2011 ist es im Besitz des Kanton Aargau.
Schloss Bellikon: Erbaut wurde es im 14. Jahrhundert. Es befindet sich in einer ausgedehnten Parkanlage, hoch über dem Reusstal auf einer Terrasse des Heitersbergs.
Schloss Hilfikon: 1290 wurde es erbaut. Es ist nur selten öffentlich zugänglich.
De Unternehmerin Louise Schellenberg kaufte das Schloss 1961. Ihr gehört es auch heute noch. (Archivbild)
Schloss Rued in Schlossrued steht nordöstlich des Dorfzentrums auf einer Hügelkuppe. Im Frühling 2018 wurde die jüngste Sanierung abgeschlossen.
Schloss Wildenstein ist das Wahrzeichen von Veltheim (Bezirk Brugg)
Schloss Wildenstein aus der Vogelperspektive – es liegt rund 1,5 Kilometer südlich des Dorfkerns.
Seit 2010 ist der Suhrer Unternehmer Samuel Wehrli Eigentümer von Schloss Wildenstein.
Der Hof von Schloss Wildenstein.
Wehrli liess das Schloss umfassend sanieren und will es der Öffentlichkeit zugänglich machen.
Schloss Böttstein ist seit 1. Juli 2017 in Privatbesitz. Die Axpo hat es an Pearl Anthony Lauper verkauft.
Der bekannteste Schlossherr war National- und Ständerat Karl von Schmid
Schloss Klingnau festlich geschmückt. Das Schloss, einst eine Burg, wurde nach Gründung der Stadt (1239) erbaut. Beim grossen Städtlibrand 1586 brach das Feuer im Schloss aus und wurde auch zerstört.
Das Schloss wurde im 19. und 20. Jahrhundert zwischenzeitlich als Fabrik genutzt - auch ein Hochkamin stand hier. Auch italienische Gastarbeiter wohnten im 20. Jahrhundert zeitweise hier. Ende des 20. und Anfang des 21. Jahrhunderts befand sich im Schloss der Polizeiposten.
Die feierlichen Räume im Schloss sind ein beliebter Ort für Hochzeiten, der Rittersaal bietet sich für die folgenden Feierlichkeiten an.
Schloss Zurzach im Oktober 2019: Da wurde bekannt, dass es das Bauunternehmen Birchmeier von der August-Deusser-Stiftung gekauft hat.
Nach einer Aussensanierung hat die Fassade eine andere Farbe auf diesem Archivbild. Der Park ist nicht öffentlich zugänglich.
Im Schloss wurden jahrelang Werke des deutschen Künstlers August Deusser ausgestellt.
Bis 2009 gab es noch ein Café im Schlosspark.
Das Schloss heisst auch Villa Zuberbühler oder Villa Himmelrych und wurde erbaut von 1899 bis 1904 vom Textilfabrikanten Jakob Zuberbühler.
Das Schloss Kasteln (Gemeinde Oberflachs) ist seit über 150 Jahren ein Heim für Kinder.
Die Stiftung etuna besitzt neben dem Schloss Kasteln auch den unmittelbar dahinter liegenden Bauernhof Kasteln, der verpachtet ist.
Die Bruchsteinmauern um das Schloss Kasteln sind das grösste Ensemble von Trockensteinmauern in der Deutschschweiz.
Hoch oben thront das Schulheim Schloss Kasteln.
Schloss Liebegg aus der Luft.
Am 22. März 2018 wurde hier das Hexenmuseums eröffnet.
Der Innenhof: Links liegt der Eingang des Hexenmuseums.

Das Schloss Lenzburg zählt zu den bedeutendsten Höhenburgen der Schweiz.

Chris Iseli/AZ