Smaragd-Gebiet

Jeder zweite Bauer im Smaragd-Gebiet hat schon einen Gülleunfall erlebt

«Dialog Umwelt», eine Kommunikationsfirma aus Biel, die im Auftrag des Vereins Smaragd-Gebiet Oberaargau eine Informations- und Sensibilisierungskampagne durchführt, hat Ende vergangenen Jahres 60 Landwirte aus der Region zum Thema Gülle befragt.

Christoph Neuenschwander
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Für das Ausbringen von Gülle gibt es etliche Vorschriften.Archiv/OM

Für das Ausbringen von Gülle gibt es etliche Vorschriften.Archiv/OM

Es ist ein Dilemma: Fast jeder Bauer ist sich bewusst, dass Gülle Gefahren für Mensch und Tier birgt und Gift für die Gewässer ist. Aber auf sie angewiesen sind eben dennoch die meisten. «Dialog Umwelt», eine Kommunikationsfirma aus Biel, die im Auftrag des Vereins Smaragd-Gebiet Oberaargau eine Informations- und Sensibilisierungskampagne durchführt, hat Ende vergangenen Jahres 60 Landwirte aus der Region zum Thema Gülle befragt.

«90 Prozent gaben an, dass sie Gülleunfälle im Zusammenhang mit Gewässern als grosses oder sehr grosses Problem sehen», sagt Oliver Graf, der für die Güllekampagne zuständig ist. Mehr als die Hälfte habe schon Unfälle mit «Bschütti» erlebt, entweder im Einsatz als Feuerwehrleute oder im eigenen Betrieb. 20 Prozent der Befragten haben Gülleunfälle mit Gewässern erlebt – als Verursacher oder als Helfer, Nachbar, Feuerwehrmann. Die Zahlen sind beachtlich, entsprechend hoch auch das Interesse der Landwirte am Thema.

Dass man sich mit einer Infokampagne der Sache annehme, habe für viele positive Reaktionen gesorgt, berichtet Graf. «Ich war davon überrascht, da man oft den Eindruck hat, dass das Thema sehr heikel ist.» Aber wenn man die Bauern nicht anfeinde, sondern sachlich diskutiere, stosse man durchaus auf Zustimmung.

Richtiges Verhalten bei Unfällen

Smaragd-Gebiet

«Ich bin sehr zufrieden», sagt Werner Stirnimann vom Verein Smaragd-Gebiet Oberaargau. Das Projekt sei in voller Fahrt. Auf der Homepage des Vereins wurden Ende Februar Infos zu etlichen bedrohten Tier- und Pflanzenarten sowie über die entsprechenden Fördermassnahmen veröffentlicht. Es sei schon einiges passiert, erklärt der Verantwortliche für Sekretariat und Begleitkommunikation des Vereins.

Eine der vorgestellten Arten ist etwa das Bachneunauge, eine «urtümliche Spezies», die «neben den Fischen als eigene Tierklasse angesehen wird», so heisst es im Dossier. Im Oberaargau komme das Tier nur noch in einem Waldbach bei Lotzwil und in der Önz vor.

Gefährdet wird die Art, wie auch Dohlenkrebse und diverse Fische, durch chemische und organische Verunreinigungen des Wassers. Eine nach wie vor akute Gefahr gehe etwa von Gülle aus. Diese gerate trotz Vorsicht seitens der Landwirte im Mittelland vielerorts in kleineren und grösseren Mengen in Fliessgewässer.

Die Informations- und Sensibilisierungskampagne «Gülle - aber sicher! Für Mensch, Tier und Natur» soll dem Abhilfe verschaffen (siehe Haupttext). Nach einem ungeglückten Start und resultierendem Ärger zwischen der damaligen Kampagneleiterin und den Landwirten hat
«Dialog Umwelt» 2011 die Kampagne übernommen. (cnd)

Wenn man Gülle ausbringe, dann zur richtigen Zeit, rät der Flyer, der in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft (BUL) entstanden ist, ausserdem. Wenn der Boden gefroren, zu nass oder zu trocken sei, dann könne die Gülle oberirdisch abfliessen und so in offene Gewässer gelangen. Im Weiteren solle man beim «Bschütten» den Mindestabstand zu Gewässern einhalten.

«In diesem Zusammenhang haben wir bei den Landwirten nachgefragt, ob sie die gesetzliche Regelung dazu kennen», sagt Graf. «Einige haben aber die Abstände durcheinandergebracht.» Die Regelung sei jedoch kompliziert, da es je nach Art des Geländes unterschiedliche Vorschriften gebe, ergänzt Graf diplomatisch. Grundsätzlich seien die meisten Landwirte aber gut informiert. «Unsere Arbeit ist nur ein Reminder.»

Einige Tropfen können tödlich sein

Der Flyer macht ebenfalls auf die Giftigkeit von Gülle aufmerksam. Das Gas in Güllegruben sei schon in kleiner Konzentration tödlich. Und auch bei Gewässern können wenige Tropfen Gülle pro Liter Wasser bei Fischen zum Tod führen. Besonders bei kleinen Bächen mit geringer Fliessgeschwindigkeit sei schnell eine hohe Konzentration erreicht.

«Es braucht sehr wenig», betont Graf. Dies müsse allen klar werden. Eine umfassende Sicherheitskultur, egal ob es um Personen, Tiere oder Gewässer gehe, müsse in der Aus- und Weiterbildung von Landwirten daher noch stärker verankert sein, findet Graf. Darin liege nicht zuletzt auch die Zukunft von ökologischen Projekten wie dem Smaragd-Gebiet. Denn damit die Gewässerschutzmassnahmen des Oberaargauer Vereins nachhaltig bleiben, muss das Bewusstsein im Umgang mit «Bschütti» gefördert werden.

Dazu gehöre auch das Analysieren von Schwachstellen auf Bauernhöfen. Derzeit werden schweizweit alle Güllegruben auf ihre Dichtigkeit überprüft. «Aber es kann auch Defekte im Pumpsystem geben. Oder die Kapazität einer Güllegrube ist ungenügend, was dazu führen kann, dass die Grube überläuft», weiss Graf.

Als problematisch können sich auch Teerplätze rund um eine Güllegrube erweisen, da allenfalls überlaufende Gülle abfliesst und schlimmstenfalls in einem Gewässer landet. Unter anderem für solche Szenarien will die Güllekampagne die Landwirtschaft sensibilisieren.