Schlieren

«In diesem Kessel herrscht eine irre Atmosphäre»

Nach einem Jahrzehnt öffnet ein Künstler wieder die Türen des Gasometers

Alex Rudolf
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«Deus in Machina» oder das Gaswerk hat an zwei Wochenenden geöffnet
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In Dreiergruppen finden die Besucher eine skurrile Welt im Inneren des Gasometers vor.
Ein Blick in die Tiefe verrät, was einen erwartet
Vor anderthalb Jahren warf der Künstler Sander erstmals ein Auge auf das Schlieremer Wahrzeichen.
Kunst Gasometer Schlieren Im Schlieremer Gasometer stellt Lukas Sander vom Theater Gessnerallee an zwei Wochenende seine Installation "deus en machina" aus. Nur in Dreiergruppen kann das Publikum das Schlieremer Wahrzeichen besteigen und in eine mysthische, fast unheimliche Welt abtauchen.
Erinnerungen an die Zeiten, als das Gaswerk noch in Betrieb war, werden wach.
Trittsicheres Schuhwerk wird den Besuchern empfohlen.
Das Spiel aus Rauch und Klang erzeugt eine skurrile Stimmung.
Scheinbar endlos geht der Gasometer in die Tiefe.
Die Macher: Lukas Sander (rechts) und Christian Berkes.

«Deus in Machina» oder das Gaswerk hat an zwei Wochenenden geöffnet

Sandra Ardizzone

Lässt man die grüne Plache, den Eingang, hinter sich und schreitet über den schmalen, etwa zehn Meter über einer von Nebel bedeckten Wasseroberfläche schwebenden Steg, merkt man schnell: Man ist in einer anderen Welt. Alte Stiefel und schmutzige Werkzeuge liegen rum. Es ist dunkel und dumpfe Klänge, die lauter und dann wieder leiser werden, wechseln sich ab. Was wie ein Unort, der besser nicht aufgesucht werden sollte, oder wie eine Horrorfilmszene anmutet, ist derzeit im Inneren des Gasometers Nummer 1 in Schlieren zu sehen. Der letzte der vormals vier Gasbehälter mit Baujahr 1899 dient ab heute bis zum 5. November an insgesamt acht Tagen als Schauplatz der szenografischen Inszenierung «Deus in Machina» von Lukas Sander, die er in Kooperation mit dem Theater Gessnerallee Zürich geschaffen hat.

Die Arbeit des gebürtigen Berliners ist alles andere als eine Grossveranstaltung oder eine herkömmliche Gasi-Führung. Idealerweise betritt man den Kessel allein: «Zu viele Menschen sollten sich nicht im Gasometer aufhalten, da die Stege schmal sind und sich durch viel Publikum auch die Erfahrung verändern würde», sagt Sander. Daher finden Begehungen gestaffelt in Dreiergruppen statt. Diese werden per Auto am Bahnhof Altstetten abgeholt, der Fahrer erzählt den Besuchern während ein paar Minuten Wissenswertes aus der industriellen Vergangenheit der Stadt und lädt sie vor dem imposanten Zeitzeugen ab. Dann dürfen sich die drei Besucher für etwa eine halbe Stunde frei im Gasometer bewegen und auf Entdeckungsreise gehen.

Referenz zu Arbeitsbedingungen
Schon in der Vergangenheit suchte sich Sander solche vergessenen und verborgenen Orte für seine Arbeiten aus. Auf den Gasometer stiess er bei einer seiner Fahrradtouren, woraufhin er spontan bei den Verantwortlichen des Gasi-Museums nach Einlass fragte. Sein erster Eindruck: «In diesem Kessel herrscht eine irre Atmosphäre – visuell wie auch akustisch.»

In der Tat: Zurück beim Gang durch «Deus in Machina» im Gasometer lässt sich Surreales beobachten. Baugerüste, auf denen ebenfalls Stiefel und Unrat herumliegen, grenzen an den Steg und bilden einen Turm zum Wasser hinunter. Wer sich über die schmalen Treppenstufen hinunter begibt, wird immer wieder von rumorenden Geräuschen unterbrochen. Die dimmenden Lichter verwirren und ein modriger Geruch steigt in die Nase. Der Besucher befindet sich in einem Unterwelt-Szenario. Unten angekommen, wird das Erlebnis noch skurriler. Nicht zuletzt wegen des Abstiegs in die Tiefe sollte auf trittsicheres Schuhwerk nicht verzichtet werden.

Was möchte Sander den Besuchern seiner Arbeit mit auf den Weg geben? «Einerseits verstärke ich mit der Ausstattung des Ortes die Eindrücke, die ich bei meiner ersten Begehung selber hatte.» Er nennt diesen Vorgang Eigenblut-Doping der Realität. Andererseits bilde er ein Stück weit die Bedingungen ab, unter welchen die Angestellten des Gaswerks damals zu arbeiten hatten. So sei er während seiner Recherche über die Geschichte des Bauwerks auf zahlreiche Schätze gestossen. «Für die Ausstattung des Raums nutzten wir etwa Kessel, Thermometer und Werkzeuge, die sonst im Gasi-Museum ausgestellt sind.» Und Christian Berkes, der für die Vertonung des Raums verantwortlich zeichnet, ergänzt, dass ein Grossteil der Geräusche von der ebenfalls im Museum stehenden Dampfmaschine stammen. Auf diese Weise liess man ein Stück industrielle Vergangenheit in das Werk einfliessen. Doch will es Sander nicht als eine erzählte Geschichte sehen: «Bei der ortsspezifischen Installation passiert bei den Besuchern viel mehr aufgrund der Atmosphäre des Ortes.»

Erstmals offen seit 10 Jahren
«Eine der offensichtlichsten und wichtigsten Handlungen eines ortsspezifischen Installationskünstlers ist es, einen Ort überhaupt zugänglich zu machen», sagt Sander. Dieser Aspekt hat einen hohen Stellenwert bei einem der wohl wichtigsten Wahrzeichen der Stadt: So ist der Gasometer seit über einem Jahrzehnt nicht mehr begehbar. Nach der Anfang 2005 abgeschlossenen Sanierung wurden einige Führungen angeboten. Doch bereits 2006 wurde der dafür verantwortliche Verein inaktiv, wie Barbara Truog, Präsidentin der Stiftung Gasometer Schlieren, auf Anfrage sagt. Seit drei Jahren prüft die Stiftung das weitere Vorgehen sowie Sanierungsmöglichkeiten, so Truog weiter.

Zwischen 26. und 29. Oktober und vom 2. bis 5. November finden zwischen 17 Uhr wochentags und 15 Uhr an Wochenenden jede halbe Stunde Begehungen statt. Tickets gibt es online unter www.starticket.ch