Verdingkind

«Ich habe mein Leben lang darunter gelitten»

Als Kind wurde Gisela W. fremdplatziert – nun erzählt sie von ihren Erlebnissen als Verdingkind. Lesen Sie hier von den Erlebnissen von Gisela.

Katharina Schwab
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Gisela W., einstiges Verdingkind, erzählt. Hansjörg Sahli

Gisela W., einstiges Verdingkind, erzählt. Hansjörg Sahli

Solothurner Zeitung

Gisela W. sitzt am Esstisch in ihrer Wohnung, faltet die Hände und sagt: «Manchmal weiss ich nicht weiter.» Die Abendsonne scheint ihr durch die weissen Vorhänge auf den Rücken. Im Alter von viereinhalb Jahren wurde Gisela W. fremdplatziert. «Es war Krisenzeit, kurz nach dem Börsencrash, an allen Orten fehlte das Geld», blickt Gisela W. zurück. Die Behörden beschlossen, sie und ihre sechs Geschwister den Eltern wegzunehmen und zu verdingen, denn der Vater hatte keine Arbeit.

«Unsere Eltern waren wohl überfordert. Trotzdem wäre es besser gewesen, wenn sie von der Gemeinde unterstützt worden wären, anstatt uns wegzunehmen.» Sie kam mit ihrer jüngsten Schwester – die damals dreijährig war – in ein Übergangsheim in Bern. Von dort wurden Familien für sie gesucht. Zuerst kam Gisela W. zu einer Familie in Thun, die eine Tochter hatte: «Wir sollten wohl Gespielinnen werden, aber die Tochter schikanierte mich dauernd.» Die Schokolade beispielsweise erhielt nur das eigene Kind, und wenn Gisela W. trotzdem ein bisschen davon ass, gab es «eins mit dem Lederriemen».

Im Wald gefürchtet

Als die Familie merkte, dass es mit der eigenen Tochter nicht ging, wurde Gisela W. weggeschickt zu einer Bauernfamilie. Wieder musste sie sich an neue Gesichter, an neue Namen, an eine neue Schule und an die neue Umgebung gewöhnen: «Jedes Mal musste ich mich wieder neu orientieren und zurechtfinden.» Nun war sie in der Nähe von Neuenegg verdingt und musste durch den Wald zur Schule gehen. «Ich bin in der Stadt geboren und fürchtete mich wahnsinnig vor dem Wald und seinen Geräuschen. Das verstanden die nicht.»

Und deshalb habe es häufig Schläge gegeben oder sie sei an den Ohren gezogen worden. Gisela W. greift an ihr Ohrläppchen, als würde sie die Strafe noch heute spüren. Damals musste die kleine Gisela W. auf dem Bauernhof auch viel arbeiten: Körbe voller Äpfel schleppen, Kartoffeln waschen; sie sei dieser körperlichen Arbeit nicht gewachsen gewesen, sagt Gisela W. heute.

Mehr Zuchthaus als Heim

Als der Sohn der Bauernfamilie eigene Kinder bekam, war sie wieder zu viel. Einmal mehr wurde sie umplatziert – gerade, als sie in die vierte Klasse kam.

Die nächste Station für das Verdingkind Gisela W. war das Heim Steinhölzli in Bern. Heute wird dort jungen Erwachsenen mit einer Lernbeeinträchtigung eine berufliche Ausbildung geboten. Doch als Gisela W. dorthin verfrachtet wurde, sei es mehr ein Zuchthaus gewesen, so die heute 82-Jährige. «Es gab nur Verbote, ausser für den Gottesdienst am Sonntagmorgen durften wir das Heim nicht verlassen, und dauernd wurde über uns verfügt.»

Ihre Brüder hätten sie manchmal besucht, aber das habe die Heimvorsteherin überhaupt nicht gemocht. Ihre Mutter hat sie, wenn überhaupt, einmal pro Jahr gesehen; «ich konnte keine Beziehung zu meinen Eltern aufbauen – darunter habe ich mein Leben lang gelitten».

Der Brand schwelt

Mit 16 Jahren ging Gisela W. ins Welschland. Eigentlich wollte sie Handarbeitslehrerin werden, aber ihr Vormund habe ihr gesagt: «Dieser Beruf ist nur für reiche Töchter.» Also ging sie nach Wynigen und lernte Verkäuferin. Dort hat sie denn auch ihren Mann kennen gelernt. Er sei ein guter Mann gewesen und der erste Mensch, «der mich so gern hatte, wie ich war». Mit ihm hat sie zwei Kinder grossgezogen, mehr Kinder wollte sie nicht. Denn sie war sich sicher, dass sie für zwei würde sorgen können. Damit bestand auch nicht die Gefahr, dass man auch ihr die Kinder wegnehmen würde.

Noch immer lebt Gisela W. heute in Wynigen. Seit 35 Jahren ist sie Witwe und wohnt alleine – ihre Kinder sind schon längst aus dem Haus. Mit ihrem Mann habe sie «die schönste Zeit ihres Lebens» verbracht, sagt sie. Es fällt ihr schwer, zurückzublicken. Manchmal kann sie die Tränen nicht mehr zurückhalten, alte Erinnerungen und Demütigungen kommen hoch. «Ich habe lange nie über meine Zeit als Verdingkind geredet», und noch heute falle es ihr sehr schwer. Ihre Nachbarn und ihr Umfeld wüssten nichts von ihrer Vergangenheit. Deshalb will sie auch für diese Geschichte anonym bleiben.

«Das war die damalige Zeit»

Dass dieser Tage das Thema Verdingkinder vermehrt in der Öffentlichkeit diskutiert wird (vgl. Kasten), findet Gisela W. gut. Aber: «Uns ist damit nicht geholfen.» Man habe ihr immer das Gefühl gegeben, dass sie selber schuld an der Situation sei. «In mir schwelt ein Brand, der von nichts und niemandem gelöscht werden kann.» Verarbeiten werde sie das alles wohl nie können. Trotzdem ist Gisela W. niemandem böse. «Das waren die damalige Zeit und die damit verbundenen Umstände.»