Essen der Zukunft
Ernährungssouveränität: Geht das ohne Abschottung?

Bringt die Initiative für Ernährungssouveränität mehr Fairness und Transparenz, oder schafft sie Staatsbauern und Planwirtschaft? An einem Podium in Aarau gingen die Meinungen weit auseinander.

Nora Güdemann
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Ein kontroverses Podium: Beat Flach, Nationalrat GLP, Alois Huber, Präsident Bauernverband Aargau, Balthasar Glättli, Nationalrat Grüne, Moderator Fabian Hägler, Eva Gelinsy, semnar.ch und Christine Badertscher, swissaid (von links).

Ein kontroverses Podium: Beat Flach, Nationalrat GLP, Alois Huber, Präsident Bauernverband Aargau, Balthasar Glättli, Nationalrat Grüne, Moderator Fabian Hägler, Eva Gelinsy, semnar.ch und Christine Badertscher, swissaid (von links).

Sandra Ardizzone

«Zuletzt habe ich mit Balthasar Glättli zusammen gegen die Aufweichung der Regeln beim Waffenexport gekämpft, aber bei diesem Thema sind wir definitiv anderer Meinung.» Das sagte GLP-Nationalrat Beat Flach am Podium zur Ernährungssouveränitäts-Initiative im Naturama Aarau. Flach war in der Diskussion der einzige Gegner der Initiative, entsprechend vehement vertrat er seinen Standpunkt. Es sei überheblich, wenn die Schweizer glaubten, nur sie wüssten, welche Vorgaben für Tierhaltung oder Gemüseproduktion richtig seien und diese der ganzen Welt vorschreiben wollten. «Bei einem Ja drohen Staatsbauern und Planwirtschaft, wie früher in der DDR», sagte Flach.

Grünen-Nationalrat und Mitinitiant Glättli entgegnete, die Initiative sei ein Gegenprojekt zur heutigen neoliberalen Agrarpolitik. Sie wolle die Schweiz nicht abschotten, bringe aber eine neue Vision, bei der nicht Geld, sondern der Mensch im Zentrum stehe. Die Initianten um die Bauerngewerkschaft Uniterre wollten mehr Fairness und Transparenz, leisteten Widerstand gegen die globalisierte Lebensmittelindustrie und forderten ein Gentechverbot, führte Glättli aus.

Die Gentechnologie sei heute beim Saatgut ein grosses Problem, hielt Eva Gelinsky fest. Die grossen Firmen würden zum Beispiel keine Genpflanzen entwickeln, die gegen die Dürre resistent seien, sondern solche, die auf Spritzmittel desselben Konzerns angepasst seien. Zudem gebe es gentechnisch entwickelte Pflanzen, aus denen Bauern kein Saatgut mehr gewinnen könnten, was die Abhängigkeit von den Grosskonzernen noch verstärke.

EU-Poulets in Afrika verkauft

Auf andere absurde Auswüchse der heutigen Landwirtschaftspolitik wies Christine Badertscher vom Hilfswerk Swissaid hin. Bei ihren Besuchen in afrikanischen Ländern habe sie gesehen, wie gefrorene Poulets oder Milchpulver aus der EU dort zu sehr niedrigen Preisen auf lokalen Märkten verkauft worden seien. Die subventionierten Produkte hätten einheimische Landwirte aus dem Markt gedrängt, kritisierte Badertscher. Agrarfreihandel sei problematisch, vielmehr solle jedes Land das Recht haben, die Landwirtschaftspolitik selber zu gestalten.

Vorbehalte bei den Bauern

Alois Huber, SVP-Grossrat, Landwirt und Präsident des Aargauer Bauernverbandes, konnte sich nicht zu einem Ja zur Initiative durchringen. Viele Bauern befürchteten massiven Mehraufwand und viele zusätzliche Kontrollen, sagte Huber. Aus seiner Sicht wäre der Verkauf ab Hofladen optimal, weil der Bauer so direkt mit den Konsumenten in Kontakt komme und auf dessen Wünsche eingehen könne. «Aber die grosse Mehrheit der Landwirte kann nicht vom Direktverkauf leben.»

Auf dem Podium, das von Fabian Hägler, Ressortleiter Aargau der Aargauer Zeitung, geleitet wurde, gab die konkrete Umsetzung der Initiative zu reden. GLP-Nationalrat Flach sagte, das Volksbegehren bringe nur etwas, wenn genau kontrolliert werde, nach welchen Kriterien ausländische Produkte hergestellt würden. Swissaid-Vertreterin Badertscher entgegnete, es gebe schon Label wie Max Havelaar oder die Bio-Knospe, der Bund müsse keine weiteren Kontrolleure einstellen.

Glättli hielt fest, zwischen den DDR-Visionen von Beat Flach und dem heutigen grenzenlosen Agrarfreihandel mit Tausenden von nichtsaisonalen Produkten in Supermärkten müsse es mit der Initiative einen Mittelweg geben.

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