Stadttheater
Emil Steinberger im Stadttheater Langenthal: «Drei Engel!» oder gelogen

Emil garniert vor ausverkauften Rängen Lügen-Geschichten mit kabarettistischer Erzählkunst. Der vitale 79-Jährige begeistert im Stadttheater Langenthal die Zuschauer vor vollem Haus.

Brigitte Meier
Drucken
Teilen
Emil – wie man ihn kennt – begeistert vor vollem Haus auch in Langenthal.

Emil – wie man ihn kennt – begeistert vor vollem Haus auch in Langenthal.

Niccel Steinberger

Emil Steinberger betritt die Bühne im anthrazitfarbenen Anzug und schwarzen Poloshirt. Unter dem Arm einige schmale Buchbände. Ab und zu streicht sich der vitale 79-Jährige durchs weisse Haar und entschuldigt sich für den blauen Däumling am rechten Mittelfinger: «Den habe ich beim Käseraspeln verletzt.»

Während seines 100-minütigen Programms «Drei Engel!» liest er «Wahre Lügengeschichten» aus dem gleichnamigen Buch. Wie anno dazumal sitzt Emil der Schalk im Nacken, wenn er seine Erlebnisse und Eindrücke schildert: «Wa isch, was?» - Kaum zu glauben, dass der Luzerner gut Dreivierteljahrhundert alt ist, wenn er im seit Wochen ausverkauften Stadttheater Langenthal voller Elan Geschichten aus seinem Prominentenalltag erzählt.

Via New York zurück auf Bühne

Schelmisch überlässt der unverwüstliche Emil das Rätseln dem detektivischen Spürsinn der Besucher, ob er nun Lügen auftischt oder nicht. Eine Geschichte ist nur dann ehrlich wahr, wenn Emil drei Finger erhebt und dazu «Drei Engel» sagt. Diese Abmachung habe er schon mit Sohn Philipp vereinbart, als er ihm als kleinem Jungen Geschichten erzählte.

«1987 beendete ich meine Karriere und übersiedelte sechs Jahre später nach New York. Dies, obwohl mir die meisten Kollegen abgeraten haben, und die Zeitung ‹Blick› deswegen sogar eine Leserumfrage startete: «54 Prozent sagten Ja, sonst wäre ich nicht gegangen», witzelte Emil am Mittwochabend. Nach der Heirat mit Niccel kehrte er in die Schweiz und auf die Bühne zurück; diesmal mit kabarettistischen Lesungen. Das Paar zog nach Montreux und publizierte seither im eigenen Verlag Edition E. die Bücher «Emil via New York» und «Wahre Lügengeschichten».

Emil unterstreicht seine Geschichten mit Mimik und Gesten

Die Erzählkunst des Wortakrobaten ist reich mit Mimik und Gesten unterstrichen. Unvergleichlich, wie Emil das Publikum mit strahlend blauen Augen fixiert, seine Augenbrauen hochzieht, die Stimme verstellt, andere kopiert oder das Sprechtempo variiert.

Wenn er die aus dem Leben gegriffenen Episoden theatralisch darstellt, bleibt kein Auge trocken. Charakteristisch ist auch, dass Emil selbst gegenüber den Figuren, über die man lacht, respektvoll bleibt. Sein Humor ist gefärbt mit Zwischentönen, aber nie verletzend.

Gut nachvollziehbar, wie mühsam das war, wenn Emil nach einer anstrengenden Talkshow etwa in Mainz noch auf ein Glas Wein ging und ihn der Wirt um einen Gästebucheintrag bat. Typisch Emilsche Reaktion: Er verewigte sich mit einem Rezept seiner Grossmutter und schrieb dazu «Emils Apfelrösti».

Emil streckt drei Finger in die Luft: «Nach einer Weile bat man mich in die Küche. Dort duftete es köstlich nach Apfelrösti, die der Koch namens Emil Steinberger für mich und das Team zubereitet hatte. - Unglaublich, aber wahr!» Das Publikum lacht herzhaft.

Ein Stück Schweizergeschichte

In sein Langenthaler Programm verflechtet Emil aber auch Aktuelles und lobt das schöne Theater: «Diese Stadt entwickelt sich prächtig, erst recht seit sie einen Bundesrat hat.»

Emil liest oft auswendig und scheint dabei alle Geschichten nochmals zu durchleben; nahtlos wechselt er von einer Anekdote zur anderen. Längst hat der perfekte Alleinunterhalter auch in Deutschland den Durchbruch geschafft.

Dies, obwohl es keineswegs einfach ist, Mundartgags in die Schriftsprache zu übersetzen: «Nach einer Lesung in Berlin erklärte mir eine Dame stolz, dass sie gar nicht gewusst habe, dass sie so gut Schweizerdeutsch verstehe.» - Emil fasziniert immer noch alle Altersgruppen.

Viele heutige Besucher haben seine Stücke noch im Radio gehört; andere sind mit seinen Geschichten aufgewachsen. Er verkörpert ein Stück Schweizergeschichte. So hats denn auch junge Leute und gar Kinder im Publikum. Im letzten Moment ergatterte ein Ehepaar aus Untersteckholz zwei Tickets für die hinterste Reihe: «Schön, dass das Stadttheater einen so grossen Künstler nach Langenthal bringt.»

«Das hingegen war gelogen»

Auch nach der 100-minüten Lesung wirkt Emil frisch und schreibt danach in das Buch, das Sibylla Friedli aus Bannwil gekauft hat: «Viel Spass bim Läse und ou im Läbe». Wie viel Humor Emil Steinberger besitzt, zeigt sich am Schluss, als er den blauen «Däumling» vom Finger zieht und mit lausbubenhaftem Lachen erklärt: «Das hingegen war gelogen.»

Aktuelle Nachrichten