Abstimmungskampf

Der Zoo Zürich weibelt für den Wolf

Für das Ökosystem und Nutztiere könnte das neue Jagdgesetz ein Nachteil sein, sagt Zoo-Kurator Pascal Marty. Am 27. September wird darüber abgestimmt.

Matthias Scharrer
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Der Zoo Zürich schaltet sich in den Abstimmungskampf über das neue Jagdgesetz ein: Er empfiehlt, die vom Bund und den eidgenössischen Räten erarbeitete Vorlage am 27. September abzulehnen, wie Zoo-Kurator Pascal Marty am Mittwoch vor den Medien sagte. Der Grund ist die darin vorgesehene neue Abschussregel für Wölfe. Demnach könnten die Kantone einzelne Wölfe präventiv zum Abschuss freigeben, wenn diese sich auffällig verhalten oder gefährlich werden. Mit der Nein-Parole folgt der Zoo Zürich dem Dachverband Zoo Schweiz.

«Es bringt nichts, wenn gewisse Kantone mehr Wölfe abschiessen lassen», sagte Marty. Schon heute ist es mit behördlicher Bewilligung zulässig, Problemwölfe zu töten, wenn sie viele Nutztiere gerissen haben. Das Abschusskriterium «verhaltensauffällig» sei hingegen zu schwammig, so Marty.

Für das Ökosystem könne das neue Gesetz sogar schädlich sein. Denn der Wolf als Raubtier an der Spitze der Nahrungskette spiele eine wichtige Rolle: Er reguliere die Wildbestände. Dies führe dazu, dass Rehe und Hirsche weniger junge Bäume vernichten. Gerade in Bergregionen, wo die Schutzwälder Lawinenabgänge und Bergrutsche verhindern, sei dies wichtig.

Studien hätten zudem gezeigt, dass auch an den Flussufern die Vegetation dank der Präsenz des Wolfes wieder zunehme, weil weniger Sträucher abgefressen würden. Dies sei für Fische und Reptilien von Vorteil. Der Wolf reguliere aber auch seine eigenen Bestände: «Wenn andere Wölfe durchs Revier eines Wolfsrudels ziehen, werden sie verjagt oder vom Rudel getötet», so Marty.

Probleme würden vor allem vereinzelte Wölfe machen, die sich auf einfache Beute wie Schafe stürzen. Der Abschuss solcher Problemwölfe sei aber schon mit dem bisherigen Gesetz möglich.

Rudel hingegen würden primär Wildtiere jagen. Vermehrte Abschüsse in einzelnen Kantonen bringen laut Marty auch deshalb höchstens zusätzliche Probleme, weil dies die vermehrte Zuwanderung einzelner Wölfe aus benachbarten Gegenden zur Folge hätte. «Eine wolfsfreie Zone zu schaffen geht nicht», sagte Marty. Dafür habe sich der Wolf auch in Nachbarländern wie Deutschland und Italien bereits zu sehr ausgebreitet.

Auch durch den Kanton Zürich streifen Wölfe

In der Schweiz war der Wolf seit 1871 über ein Jahrhundert lang ausgerottet. Ab 1995 siedelte er sich hierzulande wieder an. Seine Ausbreitung erfolgte zunächst langsam: Bis 2012 wurden nie mehr als 13 Wölfe in der Schweiz gezählt. Dann begann das Calandarudel sich im Grenzgebiet zwischen Graubünden und St. Gallen fortzupflanzen. Aus einem Rudel wurden 2015 zwei. Heute gibt es laut der Koordinationsstelle für Grossraubtiere (Kora), die im Auftrag des Bundes ein Wolfs-Monitoring betreibt, schweizweit acht Wolfsrudel. 2019 zählte Kora in der Schweiz 77 Wölfe, Tendenz steigend.

Laut Zoo-Kurator Marty vertrüge die Schweiz gegen 300 Wölfe. Allerdings könnte es schwierig werden, Problemwölfe zu erkennen und abzuschiessen, je mehr Wölfe unterwegs seien. Menschen griffen die scheuen Raubtiere seit ihrer Rückkehr in die Schweiz gemäss Marty nie an.

Auch im Kanton Zürich wurden in den letzten Jahren wiederholt vereinzelt Wölfe oder Wolfsspuren gesichtet. Gemäss Kora-Monitoring war dies von Januar bis März 2020 zweimal am linken Zürichseeufer und einmal im Tösstal der Fall; letztes Jahr gab es kantonsweit zehnmal Hinweise auf Wölfe. 2014 kam ein Wolf bis nach Schlieren. Dort endete seine Wanderung: Er wurde von einem Zug überfahren.