Interview

Brandauer: «Mit der Schweizer Armee möchte ich mich nicht anlegen»

Klaus Maria Brandauer sieht den «Fall Diggelmann» als Präzedenzfall für alle Staaten und fragt sich, ob man manchmal nicht einfach lügen muss.

Christian Berzins
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 Klaus Maria Brandauer als Selim, links, und Malin Hartelius als Konstanze, rechts.
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 Der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer.
 Der österreichische Schauspieler Klaus Maria Brandauer.
 Schauspieler Klaus Maria Brandauer als Ödipus.
 Klaus Maria Brandauer als Cyrano von Bergerac.
Klaus Maria Brandauer

Klaus Maria Brandauer als Selim, links, und Malin Hartelius als Konstanze, rechts.

Keystone

Herr Brandauer, Matthias Diggelmann wurde als Nestbeschmutzer beschimpft. Sein Buch «Das Verhör des Harry Wind» spielt im Kalten Krieg. Wind kommt darin wegen Landesverrat in die Fänge der Bundespolizei. Warum spielen Sie in dieser Produktion mit?

Klaus Maria Brandauer: Es geht um einen politischen Fall, der ein Präzedenzfall für alle Länder ist. Ich finde es hinreissend, diesen Fall in und an einem Paradies wie der Schweiz zu zeigen, auch wenn das Land mittlerweile ein paar Kratzer abbekommen hat. Ich weiss, wovon ich rede, denn mein Vater war ein die Schweiz Liebender. Er fand dieses Land fantastisch mit all seinen demokratischen Segnungen, obwohl es damals noch kein Frauenstimmrecht gab. Diggelmanns Buch hat mich fasziniert: Wir beschmutzen mit der Verfilmung kein Nest. Ich habe vor kurzem in der Schweiz ein Plakat mit lauter Gartenzwergen gesehen, da habe ich an unseren Film gedacht: ein Schweizer Film mit einem Schweizer Thema, aber das Thema geht die ganze Welt an.

In Diggelmanns Buch geht es um die Frage nach Wahrheit, nach der Lüge ...

... ist das nicht grossartig? Eine ewige Frage: Dürfen wir lügen, müssen wir manchmal nicht lügen? Das ist alles so schwierig.

Sie berühren mit dem Film sehr schweizerisches Gelände. Ist das nicht heikel?

Das schweizerische Gelände ist insofern heikel, als man das sehr schweizerisch, auf «Schwizerdütsch», machen würde. Das wäre nicht fein. Aber wenn man es wertfrei sieht, wirds nur ein Beispiel aus der Schweiz. Das ist nicht typisch Schweiz. Sie können ja nicht plötzlich sagen, der und der ist der Grösste, und dann ist der plötzlich der Teufel. Was hat man nicht alles über Putin gesagt? Verstehen Sie?

Nein.

Es ist ein Schweizer Film, ein Schweizer Thema, aber das Thema geht die Welt an: Die Welt ist nämlich sehr klein. Es gibt nichts typisch Schweizerisches. Na ja, vielleicht schon. Aber denken Sie an die verschiedenen Kantone, ob Sie aus dem Wallis, dem Bündnerland oder aus Zürich sind, ist entscheidend, denn alle sind etwas verschieden und doch gleich.

Der Film wird die Schweizer bewegen, es geht darin nämlich um eine heilige Kuh, die Armee.

Oh, mit der Schweizer Armee möchte ich mich nicht anlegen!

Die Schweizer reden zurzeit wieder viel über ihr Armeegewehr. Diese Waffen ...

... liegen zu Hause im Schrank. Bei meinem Onkel, dem Eddy Risch, war das auch so. Mein Grossvater arbeitete beim Badischen Bahnhof in Basel, aus diesem Grund ist mein Vater dort geboren. Es ist spannend für mich, dank dem Film noch einmal in die Nähe davon zu kommen.

Wir Schweizer finden ja die Desingmarke «Schweiz», die Swissness, wieder cool, aber wir nehmen dennoch Abstand von Patriotismus. Kein Mensch kann die Nationalhymne singen.

Wer kann denn die schon? Ich kann meine auch nicht, und schauen Sie sich die Fussballer an! «Gott erhalte Franz den Kaiser», das kann ich auswendig, obwohl ich kein Monarchist bin. Aber mit der neuen Hymne tu ich mich auch schwer: «Land der Berge, Land der Seen» (singt etwas quer und lacht heftig).