Ein unglücklicher Fehler: Darum sind Schinkli, Löckli und Fee tot

Ein Jäger erschiesst in Lostorf statt Wildschweinen drei Wollschweine. Dies hat ein Nachspiel – für ihn, für die Jagdgesellschaft und für die Schweinebesitzer.

Silvana Schreier
Drucken
Teilen
Die drei Wollschweine lebten in einem Gehege am Waldrand in Lostorf. Da der Akku des Elektrozauns leer war, konnten sie durch den Wald spazieren. (Bild: zvg)

Die drei Wollschweine lebten in einem Gehege am Waldrand in Lostorf. Da der Akku des Elektrozauns leer war, konnten sie durch den Wald spazieren. (Bild: zvg)

An diesem Morgen, es ist der 12. Januar 2019, liegt Schnee. Die Temperaturen liegen knapp über null Grad. Hunde bellen, Männer stapfen durch den Wald. Plötzlich wird der Hund eines Jägers nervös. Er hat ein Tier gewittert. Er prescht los. Durch den Wald, weg von seinem Halter. Der Jäger wartet. Dann hört er seinen Hund, der die Beute in seine Richtung jagt. Der Mann nimmt die Tiere ins Visier, drückt ab. Drei Schüsse, drei Treffer, drei tote Tiere.

Silvan Vanhouteghem schläft an diesem Sonntagmorgen ein wenig länger – obwohl er das Ämtli des Fütterns erledigen muss. Um 9.30 Uhr erreicht er die Wiese am Waldrand in Mahren, Lostorf. Doch das Gehege, das er zusammen mit seiner Partnerin und zwei weiteren Freunden gebaut hat, ist leer. «Da hörte ich ein Jagdhorn und lief los.» Er sucht die angrenzenden Waldstücke ab. «Ich wollte es nicht wahrhaben», sagt er zu dieser Zeitung.

Wenig später: Vanhouteghem erhält einen Anruf von einem der Freunde. Der sagt zu ihm: «Silvan, wir müssen sie holen.» Sie legen eine Blache in den Kofferraum des Autos, fahren in den Wald.

Es ist ein Jagdfehler passiert

Da liegen sie am Wegrand, «nahe beieinander» – etwa 300 Meter Luftlinie vom Gehege entfernt. Schinkli, Löckli und Fee: Sie sind tot. Ein Vertreter der Jagdgesellschaft Froburg aus Olten erklärt den Männern: Es ist ein Jagdfehler passiert. Sie könnten die toten Tiere nun mitnehmen. Die Jagdgesellschaft könne sie nicht verwerten.

Die Wollschweine gehörten Silvan Vanhouteghem und zwei Freunden. (Bild: zvg)

Die Wollschweine gehörten Silvan Vanhouteghem und zwei Freunden. (Bild: zvg)

Schinkli, Löckli und Fee, das waren die Wollschweine von Silvan Vanhouteghem, seiner Freundin und zwei Bekannten aus der Region. Eineinhalb Jahre alt waren sie. Schinkli war trächtig, der Nachwuchs sollte in der Woche nach dem Vorfall zur Welt kommen. Das Gehege befand sich auf gepachtetem Land, die Schweine waren dazu da, die Besitzer mit Fleisch zu versorgen. Im Sommer 2018 schafften sich die Freunde die Tiere an. Vier waren es zuerst. Ein Wollschwein schlachteten sie im Oktober 2018. Vanhouteghem: «Damit hatten wir unseren Fleischvorrat gedeckt.» Frühestens im kommenden Winter hätten sie das nächste Schwein zum Metzger gebracht.

«Ich dachte immer an Speck und Schinken, wenn ich sie am Bauch kraulte.»

Nun sind die Tiefkühltruhen der drei Freunde mit Fleisch gefüllt. Denn sie mussten die toten Schweine umgehend metzgen lassen. «Ich wusste, wir müssen schnell reagieren», sagt Vanhouteghem. Der Oltner ist Sohn eines Metzgers. Für ihn sei der plötzliche Tod der drei Tiere darum nicht ganz so schwierig zu verarbeiten gewesen. «Ich dachte immer an Speck und Schinken, wenn ich sie am Bauch kraulte», sagt Vanhouteghem über die handzahmen Schweine.

Dennoch habe er sich gefragt, wie dem Jäger dieser Fehler habe passieren können. «Die müssen doch feisse Wollschweine mit Hängeohren von Wildschweinen unterscheiden können.»

Staatsanwaltschaft entlastet Jäger

Der verantwortliche Schütze reichte nach dem Vorfall im Januar 2019 umgehend Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn und bei der kantonalen Jagdverwaltung ein. Die Staatsanwaltschaft beschäftigte sich danach mit dem Fall.

«Jäger müssen doch feisse Wollschweine mit Hängeohren von Wildschweinen unterscheiden können.» (Bild: zvg)

«Jäger müssen doch feisse Wollschweine mit Hängeohren von Wildschweinen unterscheiden können.» (Bild: zvg)

Sprecher Jan Lindenpütz sagt auf Anfrage: «Nach Prüfung der Akten wurde auf die Eröffnung einer Strafuntersuchung verzichtet, weil der beschuldigten Person kein strafbares Verhalten vorgeworfen werden konnte.» Der Grund: die grosse Ähnlichkeit zwischen Woll- und Wildschweinen.

Schweinebesitzer und Jagdgesellschaft verhandelten

Für Vanhouteghem und seine Freunde ein schwacher Trost. «Vom verantwortlichen Jäger haben wir nie eine Entschuldigung gehört. Dabei wäre das doch normal.» Als sie vom eingestellten Verfahren erfuhren, seien sie darum enttäuscht gewesen. Um Schadenersatz zu erhalten, hätten die Betroffenen eine Zivilklage einreichen müssen. Darauf verzichteten sie bewusst: «Wir wollten kein riesiges Aufheben um die Sache machen», so Vanhouteghem.

Telefonisch hätten sie sich dann aber nochmals bei der Jagdgesellschaft gemeldet – und mündlich eine Schadenersatzforderung über rund 3000 Franken gemacht. Pro Schwein 600 Franken, für die trächtige Sau 250 Franken mehr, 400 Franken für die Metzger-Kosten, und so weiter. Das sei der Jagdgesellschaft zu viel gewesen. Ebenso habe sie die Forderung nach 750 Franken für drei neue Ferkel abgelehnt. Schliesslich schlug Jagdleiter Toni von Arx 300 Franken pauschal vor. Vanhouteghem sagt: «Ich meinte zu ihm, er solle das Geld einfach überweisen. Ich wollte nichts mehr damit zu tun haben.»

«Einen ideellen Schaden können wir nicht begleichen»

Toni von Arx erlebte die Jagd damals selbst mit. Er sagt zu dieser Zeitung: «Die Jagdverwaltung und die Staatsanwaltschaft sahen keinen Fehler. Trotzdem boten wir umgehend eine Entschädigung für einen allfälligen Schaden an.» Dass Vanhouteghem die Entschädigung zunächst akzeptierte, sie später aber ablehnt, empfindet er «als nötigend».

Er habe von den Wollschwein-Besitzern eigentlich lediglich eine detaillierte Auflistung des Schadens gefordert. «Ist dieser nachgewiesen, hätten wir ihn natürlich vergütet. Aber einen ideellen Schaden können wir nicht begleichen.» Denn: Die Wollschweine hätten gar nicht im Wald sein dürfen. Wenn einem Besitzer ein Tier ausbüxt, habe dieser die Pflicht, dies der örtlichen Jagdgesellschaft zu melden. «Hätten sie das in diesem Fall gemacht, wären wir vorgewarnt gewesen», so von Arx. Vanhouteghem und seine Freunde würden darum eine Mitschuld tragen.

Wollschweine wollten in den Wald

Vanhouteghem stimmt dem Jagdleiter in diesem Punkt zu: «Wir haben einen Fehler gemacht. Die Schweine hätten nicht aus dem Gehege abhauen können sollen.» Dies sei ihnen möglich gewesen, da der Akku des Elektrozauns fast leer und damit der Zaun weniger wirksam gewesen sei. Die Säue hätten dies mehrmals ausgenutzt, um den angrenzenden Wald zu erkunden.

Vanhouteghem betont: «Sie blieben aber immer in der Nähe und wir konnten sie wieder zurückbringen.» Am besagten Januarmorgen seien sie aber von den Jagdhunden aufgeschreckt worden.

Brief verärgert die Besitzer

Am 24. Juni 2019 erreicht die ehemaligen Wollschwein-Besitzer ein Schreiben. Der Absender: die Jagdgesellschaft Froburg. Darin festgehalten ist die mündlich vereinbarte Entschädigung über 300 Franken für alle drei getöteten Schweine. So weit, so gut. Doch der drittletzte Satz in diesem Brief verärgert besonders Silvan Vanhouteghem. Dieser lautet: «Mit der Zahlung sind beide Seiten per Saldo aller gegenseitigen Ansprüche auseinandergesetzt und keine Partei wird die Angelegenheit weiter thematisieren, sei es im Privaten oder im Öffentlichen.»

Von Arx erklärt den Wortlaut aus Sicht der Jagdgesellschaft: «Wenn wir eine Entschädigung zahlen, dann wollen wir nicht, dass danach jemand Unwahrheiten über den Vorfall verbreitet. Das wollten wir mit dieser Regelung unterbinden.»

Weiter betont der Jagdleiter, die Jagdgesellschaft habe sich stets um eine einvernehmliche Lösung bemüht. Für den Fehler habe man sich schriftlich entschuldigt. «Wir sagen nicht, dass kein Fehler passiert ist. Es lagen ja eindeutig keine Wildschweine auf dem Boden.» Aber sie seien von der Staatsanwaltschaft und der Jagdverwaltung entlastet worden. Einer der Wollschwein-Besitzer habe ausserdem den Brief unterschrieben zurückgeschickt.

Für Vanhouteghem ist derweil klar: «Das Geld ist nur dazu da, um für unser Schweigen zu zahlen.» Und darauf wolle er sich nicht einlassen. Lieber verzichte er auf das Geld. Noch haben sich die drei Freunde keine neuen Schweine angeschafft.