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Die Täter kommen mit dem Töff

Die britische Hauptstadt hat mit einem neuen Übel zu kämpfen: Räuberische Motorradgangs machen London unsicher. Die Polizei registrierte in den letzten 12 Monaten über 60 Mofa-Straftaten – pro Tag.
Gabriel Felder, London
Die renommierte Regent Street im Herzen von London. Hier überfielen motorisierte Täter ein Edeluhren-Geschäft. (Bild: Oli Scarff/Getty)

Die renommierte Regent Street im Herzen von London. Hier überfielen motorisierte Täter ein Edeluhren-Geschäft. (Bild: Oli Scarff/Getty)

London hat schon so manche Apokalypse überstanden: die Pest im Mittelalter, das «grosse Feuer» von 1666, den Blitz im Zweiten Weltkrieg. Ganz zu schweigen von den 8 Jahren, in denen Boris Johnson das Bürgermeister-Zepter schwang. Laut der «Daily Mail» gleicht die britische Hauptstadt nun dem «Wilden Westen» – mit dem Unterschied, dass sich die Übeltäter nicht auf dem Rücken von behuften Vierbeinern sondern auf zwei Rädern fortbewegen. Laut offiziellen Polizeistatistiken ereigneten sich in den letzten 12 Monaten über 60 Kriminaltaten mit Motorfahrrädern pro Tag.

Die Schlagzeile bezieht sich unter anderem auf einen Zwischenfall, in dem Star-Komödiant Michael McIntyre auf dramatische Weise seine Rolex-Uhr abtreten musste. McIntyre, der regelmässig die grössten Stadien des Landes ausverkauft, wurde von zwei Moped-Dieben angegriffen, als er seinen 10-jährigen Sohn zur Schule chauffierte. Das Amateurvideo des Zwischenfalls verbreitete sich wie Lauffeuer auf den sozialen Medienkanälen und trug entscheidend zum Eindruck bei, dass sich London «im Würgegriff einer Verbrechenswelle» befindet, wie die «Daily Mail» schlussfolgerte.

Als ähnlich fotogen erwies sich der Überfall auf die Edeluhren-Kette «Watches of Switzerland» an der renommierten Regent Street im Stadtzentrum: Die motorisierten Täter fuhren gleich im halben Dutzend ein, was sie allerdings nicht vor Passanten schützte, die sich «mutig auf die Messer schwingenden Männer warfen», wie der «Daily Express» die Szene beschrieb. Zivilcourage war tatsächlich gefragt: Die Täter kreuzten mit «massiven Hämmern» auf, wie eine Augenzeugin auf Twitter berichtete. Das Handgemenge zwischen Passanten und Dieben führte prompt zu einer Festnahme.

Politische Seitenhiebe an die Adresse von May

Der Vergleich mit den Wilden Westen kommt nicht aus her Feder eines hitzköpfigen Journalisten sondern dem Mund des liberal-demokratischen Parlamentariers Ed Davey. Dieser stellte im Interview mit der «Daily Mail» fest, dass «bestimmte Gegenden in England zunehmend dem Wilden Westen gleichen, mit Kriminellen, die sich nicht mehr abschrecken lassen von der Möglichkeit, geschnappt zu werden». Hinter Daveys Dramatisierung steckt also ein politisches Motiv und die Wild West-Metapher zielt direkt auf Premierministerin Theresa May ab: Als Innenministerin war sie für eine Kürzung des Polizeibudgets verantwortlich und ihre politischen Gegner verpassen keine Gelegenheit, eine Zunahme von Kriminalfällen direkt mit dieser Kontroverse in Verbindung zu bringen. Vor Davey war es US-Präsident Donald Trump, der London zu einer Sperrzone erklärte: Gewisse Quartiere würden von radikalen Muslimen beherrscht, behauptete er ins seiner Wahlkampagne gewohnt schwarzseherisch. Aus London war lediglich das Geräusch eines kollektiven Schulterzuckens zu vernehmen.

Politisches Punktesammeln hin oder her, die Zunahme von Töff-Delikten lässt sich mit Statistiken belegen: Der wöchentliche Durchschnitt stieg von 282 auf 423 an. Dabei gerieten vor allem Motorradfahrer ins Visier, welche in gewagten Manövern auf Trottoirränder schwenken und ahnungslose Passanten am Handy attackieren. Die Londoner Stadtpolizei «erkennt die Dringlichkeit der Situation und sieht bereits eine bedeutende Abnahme der Delikte,» wie unsere Zeitung auf Anfrage erfuhr.

Michael McIntyre scheint sich indessen vom Schock des Zweirad-Überfalls erholt zu haben. Am Donnerstag, kaum drei Tage nach dem Zwischenfall, stand er bereits wieder auf der Bühne. «Man sagt, Zeit heilt alle Wunden», witzelte er vor ausverkauftem Haus in Dublin. «Ich verlor meine Uhr. Wie kann die Zeit mir beim Heilen helfen? Ich habe keine Ahnung, welche Zeit es ist.»

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