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Leben im Geisterdorf:
Die letzten Estrellaner

Eine kilometerlange Schotterpiste führt durch Täler und Wälder zum Dorf La Estrella. Hier gibt es 45 Häuser, ein Rathaus, eine Kirche– aber nur noch zwei Einwohner: Sinforosa Sancho und ihren Mann Martín Colomer.
Ralph Schulze, Madrid
Zu Hause bei Sinforosa Sancho und Martín Colomer: Auf dem Feuer wird später Fleisch grilliert. (Bild: Susana Vera/Reuters (La Estrella, 23. Mai 2018))

Zu Hause bei Sinforosa Sancho und Martín Colomer: Auf dem Feuer wird später Fleisch grilliert. (Bild: Susana Vera/Reuters (La Estrella, 23. Mai 2018))

Seit gut 40 Jahren leben die 85-jährige Sinforosa Sancho und ihr 84-jährigen Ehemann Martín Colomer alleine im Ort La Es­trella. Ohne fliessendes Wasser, ohne Heizung, Telefonleitung und Fernsehapparat. In der Gesellschaft von ein paar Hühnern, Kaninchen, Hunden und Katzen. Mit einem Obst- und Gemüsegarten hinterm Haus. Ein früheres Gasthaus, auf dessen Dach immerhin ein Zeichen der Moderne glänzt: Solarzellen, um ein bisschen Strom zu produzieren.

«Wir sind genügsam, wir brauchen nicht viel», sagen die beiden Alten aus La Estrella, das in Spaniens bevölkerungsärmster Provinz Teruel liegt. Seit sie in dem Kurzfilm «The Last Two – Die letzten zwei» verewigt wurden, sind sie vermutlich Teruels berühmteste Dorfbewohner.

Die Einwohner flohen vor der Einsamkeit

Vor vier Jahrzehnten wohnten in La Estrella, das zur nordostspanischen Region Aragonien gehört und mehr als 20 Kilometer vom nächsten Dorf entfernt ist, noch 200 Menschen. Es gab eine Schule, einen Pfarrer, einen Bürgermeister, einen Polizisten und sogar einen Torero. Doch sie alle flohen vor der Einsamkeit in grössere Ortschaften, wo es mehr Arbeit gab. Und mehr Leben.

Aber jeder hat eben andere Vorstellungen von dem, was Leben ist. Sinforosa Sancho und Martín Colomer sind in ihrer Abgeschiedenheit glücklich. Sie sind in diesem Dorf aufgewachsen. Und die beiden wollen in La Estrella, so lange es geht, aushalten. Denn dort, wo sie sich vor über 60 Jahren beim Schafhüten kennen lernten, ist ihre Heimat, die sie lieben. Und wo sie jeden Stein kennen. «Wir haben keine Angst vor der Einsamkeit», sagt Ehemann Colomer. «Ich hätte wahrscheinlich viel mehr Angst in einer grossen Stadt wie Madrid oder Barcelona.» Auch seine Frau ist wunschlos glücklich: «Es gibt drei wichtige Dinge im Leben», sagt sie, «und zwar Gesundheit, Liebe und Geld.» Und alles sei ausreichend vorhanden.

Ohne Geld, eine Rente von rund 1200 Euro monatlich, geht es auch nicht. Das brauchen die beiden allein schon, um gelegentlich mit dem alten Landrover zum Supermarkt im Nachbarort Vila­franca fahren zu können. Dort können sie dann all das einkaufen, was sie in ihrem kleinen Dorf nicht selbst produzieren können.

In Vilafranca, wo immerhin 2300 Menschen leben, wohnt auch ihr Sohn Vicente. Er war übrigens der L etzte, der schon vor Jahrzehnten in La Estrella die Koffer packte. Vicente hatte seine Eltern vergeblich gebeten, mit ihm in die Zivilisation zu kommen. Doch immerhin bekommen die beiden Einsiedler zweimal im Jahr, im Mai und im November, grossen Besuch: Dann wandern die Bewohner vom 24 Kilometer entfernten Mosqueruela singend und betend zur jahrhunderte­alten Dorfkirche in La Estrella, um dort der Heiligen Jungfrau ihre Ehre zu erweisen.

«Wenn wir vergehen, stirbt wohl auch unser Dorf»

Die Jungfrau hat die beiden Alten bisher vor grösserem Unheil beschützt. Sinforosa Sancho und Martín Colomer halten zum Dank die Dorfkirche in Schuss. Nur neue Dorfbewohner, die das Erbe von La Estrella bewahren könnten, hat auch die heilige Schutzpatronin bisher nicht in die Einsamkeit geschickt. An etlichen Häusern in La Estrella steht «Se Vende» (Zu verkaufen).

Die Landflucht macht übrigens vielen Dörfern in der Provinz Teruel wie in ganz Spanien zu schaffen. Rund 7000 Weiler und Ortschaften im ganzen spanischen Königreich sind Schätzungen zufolge in den letzten Jahrzehnten verlassen worden – oder, wie La Estrella, vom Aussterben bedroht.

Wenn also nicht doch noch ein Wunder geschieht, dann wird wohl auch La Estrella in den nächsten Jahren zu einem Geisterdorf werden. «Wenn wir vergehen», befürchtet Martín Colomer, «dann wird wohl auch unser Dorf sterben.»

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