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Keine Angst vor grossen Weinen

Kevin Kempf
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IMG_8404.JPG Das Organisations-Team für diese unvergessliche Reise, Margrith und Peter Schürmann mit Weinakademikerin WSET Lidwina Weh, Schürmann, auf Château Malartic Lagravière, Pessac Léognan
IMG_8650.JPG Eddy Eckert, der uns den Zutritt zu diesen namhaften Châteaux verschaffte – mit seiner Sekretärin vor Ort, Mlle. Audrey Toffoli, Büro Veyret Latour, Bordeaux
IMG_8392.JPG Gruppe Freiämter Weinfreunde vor dem prominenten Château d’Yquem in Sauternes

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Otto E. Sprenger

Fünfzig Weinfreundinnen und Weinfreunde wagten den Flug nach Bordeaux. Und in fünf Tagen sollen wir rund um die Stadt „an den Ufern der Gewässer“ Wein und Kultur näher kennenlernen. Das Programm versprach den Besuch von zehn Châteaux und einen Ausflug nach Arcachon mit einer Tour du Bateau vers l’ile aux oiseaux. Bordeaux mit ungefähr 240 Tausend Einwohnern zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe und zu den zehn Great Wine Capitals.

Ein bisschen Geschichte

Das Weinbaugebiet von Bordeaux ist das Ergebnis einer zweitausendjährigen Geschichte, die sowohl von Zeiten hohen Wohlstands als auch starken Rezessionen geprägt war. Die ersten Weinkulturen entstanden während der Römerzeit und sie dehnten sich im Mittelalter aus. Die Hochzeit der Herzogin Eleonore von Aquitanien im Jahr 1152 mit dem späteren König von England erwies sich als Segen für Bordeaux und ganz Aquitanien. Nach der Schlacht von Castillon im Jahre 1453 suchten die Bordelesen neue Kunden in Nordeuropa..Holländische und deutsche Händler lösten die Engländer ab und begannen, sich am Ufer der Garonne im heutigen Chartrons-Viertel niederzulassen. Nach den Unruhen der Revolution und des Kaiserreiches kam es im 19. Jahrhundert zu einem neuen Aufschwung. Zwei Ereignisse eröffnetem dem Weinbaugebiet neue Horizonte. 1852 das Freihandelsabkommen mit England und 1855 die erste Klassifizierung der Bordeauxweine. Hunderte von „Weinchâteaus“ in unterschiedlichsten Stilen entstanden.

Doch der Wohlstand brach wieder ein. Die Reblaus, der Mehltau, die beiden Weltkriege, die Weltwirtschaftskrise von 1929, sowie der extrem kalte Winter von 1956 schwächten das Bordelais enorm.

Zum Glück gelangen im Weinbau und in der Önologie enorme Fortschritte. Die Modernisierung in den Rebkulturen und in den Kellereien, sowie in allen Bereichen der Weinindustrie,. sorgten am Ende des 20. Jahrhunderts für eine neue Blütezeit.

Das Weinbaugebiet Bordeaux heute

7‘650 Winzer bebauen 112‘600 ha Rebfläche und erzeugen pro Jahr um die 700 Millionen Flaschen AOC-Weine. Nur knappe zehn Prozent davon entfallen auf klassifizierte grosse Weine. Das heisst, eine noch beachtliche Menge qualitativ guter Weine, erzeugt von jungen und aufstrebenden Winzern, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, muss den Zugang zu den Märkte finden. Im gesamten Weinbaugebiet werden um die 17‘000 verschiedene Weinetiketten gezählt Bei den roten Rebsorten spricht man über 65 % Merlot, 23 % Cabernet Sauvignon, 10 % Cabernet Franc und 2 % Malbec, Petit Verdot und andere Randsorten. Bei den weissen Trauben gehören 49 % zur Sorte Sèmillon, 43 % zu Sauvignon Blanc, 6 % zu Muscadelle und 2 % zu Ugni Blanc und andere.

Die aussergewöhnliche Lage

Das Bordelaiser Weinbaugebiet ist ein Geschenk der Natur auf dem 45. Breitengrad. Das perfekte Zusammenspiel der Lage (au bord d’eau), dem Klima, der Beschaffheit der Böden, dem Rebsortenbestand und dem Know-how der Menschen lässt die Entstehung grosser Weine zu. Jede Rebsorte im Bordelais besitzt ihre eigenen Merkmale. Die Besonderheit der Bordeauxweine ist die Assemblage. Die Kunst für den Kellermeister besteht darin, die Weine verschiedener Rebsorten im Bemühen um Qualität, Finesse, Ausgewogenheit und Eleganz des Endproduktes harmonisch miteinander zu kombinieren und abzustimmen.

Reiseprogramm und Reisebegleitung – einfach genial

Das „Ausfahren“ in drei Gruppen für den Besuch der Weingüter im Medoc war der geniale Entschluss unserer Reisebegleiter Eddy Eckert, Peter Schürmann und Lidwina Weh. Die ideale Besucherzahl, um viel zu hören und wichtige Informationen auf Deutsch übersetzt geniessen zu können. Wir gastierten auf:

Château Pichon Baron, 2ème Grand Cru Classé, Pauillac. Elegantes Chàteau, schöner Keller und informative Führung mit Mlle. Leslie Senior. Weine, Medoc typisch, Cabernet Sauvignon betont. Der Primeur (2013) war bereits an die Händler verkauft. Die meisten Châteaus pflegen keinen direkten Kontakt zu Endkunden.

Château Leoville Barton, 2ème Grand Cru Classé, Saint Julien. Mme Alexandre führt uns. Sympathisch vermittelt sie uns Informationen zur Familiengeschichte und erwähnt die Besonderheiten im Keller. Anstelle von Stahltanks finden wir viele Holzcuvées mit 200 hl Fassungsvermögen vor. Die Klärung der Weine erfolgt hier in Barriques mit „blanc d’oeufs“ während 45-50 Tagen. Das Château besitzt eine eigene Flaschenabfüllanlage. Die Flaschen lagern in stapelbaren Flaschenkörben. Etikettiert wird erst kurz vor Ablieferung, den je nach Bestimmungsland wird die Etikette mit den ländertypischen Zusatzangaben versehen. (EU, China, Russland, Japan).

Château Lynch Bages, 5ème Grand Cru Classé, Pauillac. Ein schöner Betrieb mit um die 110 ha Rebfläche. Auf dem Rundgang zeigte man uns das Wein-Museum. Die Einrichtungen zur Weinbereitung von damals sind intakt vorhanden und der ganze Ablauf von der Traubenannahme bis zum Abfluss des Traubenmostes wird begreiflich dargestellt. Im Keller durfen wir der Arbeit bei der „soutirage des barriques“ beiwohnen. Eine aufwendige Handarbeit im Dreimonatsrhytmus bis zur vollständigen Klärung des Weines. Es kann bis zu 5 Wiederholungen oder mehr führen.

Auf den Fahrten zu den vorerwähnten Weingütern gab’s kurze Photostopps vor Château Mouton-Rothschild (mit einem Park so gross wie ein kleineres Weingut!) und vor Château Lafite-Rothschild.

Auf dem Weg ins Graves und nach Barsac und Sauternes

Am folgenden Tag Fahrt in die Gegenrichtung mit zwei Reisecars. Das Gebiet Graves und die Gegend der Edelsüssweine standen auf dem Besuchsprogramm. Wir werden erwartet auf:

Château d’Yquem, 1er Grand Cru Classé, Sauternes Ein „Spital“ für den wohl teuersten Edelsüsswein der Welt. Rebanlagen, Ernte, Gebäude, Kelleranlagen, die Einstellung der Menschen, alles aufeinander abgestimmt. Als Vogabemenge gilt hier 1 Glas pro Rebstock! Man stelle sich vor, wie wir den Château d’Yquem 2011 mit viel Ehrfurcht und in kleinen Schlückchen verkostet haben.

Château Coutet, 1er Grand Cru Classé, Barsac. Die Enstehung dieses Château geht ins Jahr 1643 zurück. Seit 1977 gehört es den Brüdern Philippe und Dominique Baly.. Philippe Baly empfängt uns mit seinem jungen Kellermeister Laurier Girardot im Innenhof. Die knapp 40 ha Reben (65% Sémillon, 30% Sauvignon Blanc und 5% Muscadelle) umgeben das Chàteau. Laurier Girardot spricht über die Wichtigkeit der Wetterbedingungen während der Erntezeit. Für die Entwicklung des Edelfäulepilzes Botrytis Cinerea brauche es Feuchtigkeit in den Rebzeilen. Nebel am Morgen (herbeigeführt durch den kühlen Fluss Ciron, der in der Nähe in die wärmere Garonne mündet) und Sonne am Tag. Beim Ernten werden nur die reifen, mit Botrytis befallenen Beeren, gelesen. In schwierigen Jahren könne die Ernte 6-7 Durchgänge fordern, im Durchschnitt bleibe es bei 3 Lesegänge. Welch eine Arbeit für die kleine Ausbeute! Château Coutet erzeugt pro Jahr zwischen 2000 bis 4000 Flaschen Süsswein. Die Gebrüder Baly lassen ihre Erzeugniss über das weltbekannte Weingut Baron Philippe de Rothschild exklusiv und weltweit vermarkten.

Château Malartic La Gravière, Grand Cru Classé de Graves, Pessac-Léognan. Ein Prachts-Château mit 53 ha Rebfläche in Graves und mit einem Ertrag von 140 bis 180 Tausend Flaschen je nach Jahrgang. Karim Nasser führt kompetent durch den modernen Betrieb Seit 1990 sind alle Inox- und Holzcuvéesé temperatursteuerbar. Mit modernen Bucher-Pressen (CH) wird schonend gearbeitet. Jede Parzelle kommt jedes Jahr in den gleichen cuvée. Der Barriquekeller ist vollklimatisiert und erlaubt die soutirage-Arbeit unter optimalen Bedingungen. Keine Frage, dass hier grossartige Weine entstehen.

Château Smith Haut Lafitte, Grand Crus Classé de Graves. Ein attraktives Château mit 78 ha Rebfläche, wovon etwa 11 ha auf weisse Trauben entfallen. Im topmodernen und unterirdischen Barrique-Keller fühlen wir uns wie in einer Kathedrale.

Einkehr auf Château Carbonnieux, mit Tagesziel Arcachon

Am dritten Aufenthaltstag ist ein Besuch auf Château Carbonnieux, Grand Crus Classé de Graves à Pessac-Léognan angesagt. Die Geschichte dieses Schlossweingutes geht ins 12. Jahrhundert zurück. Seit sieben Jahrhunderten wurden auf Carbonnieux Weiss- und Rotweine produziert Im Jahre 1954 erwarb die Familie PERRIN das Gut und betreibt es seit Generationen erfolgreich. Die Rebfläche beträgt um die 100 ha und ist etwa zu gleichen Teilen auf Rot und Weiss verteilt. Das Château führt für Weiss- und Rotweine getrennte Barrique-Keller. Als Besonderheit fiel uns auf, dass die Weinschönung auf Carbonnieux mittels Bentonit und nicht wie in anderen Kellern mit Eiweiss durchgeführt wird.

Der Bus fährt uns in Richtung Atlantic bis zum Port de Larros. Der nächste Halt gilt einer Austern Cabana. Ein fruchtiger Sauvignon Blanc mit einem Teller frischer Austern zum Apéro. Die Cabana Wirtin bereichert uns anschliessend mit Wissenswertem über die Austernzucht und deren Bedeutung für die Region. Weiterfahrt nach Arcachon. Im Café de la Plage die grosse Überraschung für Liebhaber von frischen Meeresfrüchten. Dreistöckige Drehteller angefüllt mit Krabbeltieren und Muscheln und Schnecken frisch aus dem Atlantic!. Und dazu feingekühlter Sauvignon blanc. Ein unbeschreibliches Festmahl.

Bei sonnigem Wetter eine zweistündige Rundfahrt im Bassin d’Arcachon. Die Grösse mit dem direkten Ausgang ins offene Meer überraschten.

Zum Abschluss in Saint Emilion und Pomerol

In diesem Teil des Weinbaugebietes rund um die Stadt Libourne am rechten Ufer der Dordogne liegen die Dörfchen Saint Emilion und Pomerol. Saint Emilion ist weltbekannt und gehört zum Weltkulturerbe der Unesco. Mit einem Anteil von 60 bis 80 % am Sortenbestand ist der Merlot die wichtigste Rebsorte dieser Appellationen. Ergänzt wird er durch den Cabernet Franc oder durch den Cabernet Sauvignon. Unsere Besuche galten dem Chauteau La Dominique in Saint Emilion und dem Château La Conseillante in Pomerol.

Mme. Marion Veyry führt auf La Dominique, (Grand Crus Classé), ein Château aus dem 16. Jahrhundert. Es ist seit 1959 im Besitze der Familie Fayat. Ein moderner Neubau mit einer Lamellen-Fassade in verschiedenen Rottönen mit Spiegeleffekt wurde dem Château so angegliedert, dass das Erscheinungsbild des Chàteau unbeeinträchtigt blieb. Eine architektonische Glanzleistung. La Dominique bewirtschaftet 36 ha, wovon ungefähr vier Hektaren immer brachliegend bleiben. Im modernen Keller stehen 22 doppelwandige, konische Inoxtanks. Von der Dachterrasse aus genossen wir direkten Blickkontakt auf Château Cheval Blanc (Saint Emilion) und auf Château Petrus (Pomerol).

Auf Château La Conseillante in Pomerol empfängt uns Mme. Ducraux. Von ihr erfahren wir, dass ganz Pomerol um die 800 ha Rebland aufweist, die von 150 Châteaux-Betrieben bewirtschaftet werden. La Conseillante halte um die 12 ha davon und produziere darauf rund 40‘000 Flaschen Wein. Seit 1871 sei La Conseillante im Besitze der Familie Nicolas. Zum Schluss stehen wir in einem rund gebauten Keller und erblassen! 18 Beton-cuvées reihen sich im Dreiviertelkreis aneinander. Äusserlich alle gleich, aber mit unterschiedlichen Fassungsvermögen. Für jede Parzelle einen eigenen cuvée. Und eine Sauberkeit die mit jedem Spital mithalten könnte.

Bordeaux war die Reise wert

Ein grossartiges Weinbaugebiet durften wir kennenlernen. Auf zehn Chateaux gewährte man uns Zutritt und beeindruckende Gastfreundschaft. Wir spürten die Leidenschaft der Menschen, guten Wein produzieren zu wollen. 7‘650 Winzer erzeugen Trauben für Bordeauxweine, und dennoch sucht jedes Château das Eigene, das für sie Besondere. Und Jahrgänge haben grosse Bedeutung. Jeder Jahrgang erfährt eine Vergleichszuordnung.

Ein herzliches Dankeschön gebührt unseren Reiseplanern und Reisebegleitern. Ein grosses Kompliment der ganzen Reisegruppe für die gute Kameradschaft und für’s aufeinander Rücksichtnehmen.

Otto E. Sprenger