Coronavirus
Hirslanden-CEO wendet sich in persönlichem Schreiben an Bürger des Thurgau – und entschuldigt sich bei Urs Martin

In einem persönlichen Schreiben wendet sich Hirslanden-CEO Daniel Liedtke an die Bevölkerung des Kantons Thurgau, um die Ereignisse rund um die geplante Durchimpfung der Bürgerinnen und Bürger transparent und im Detail aufzuzeigen. Er nimmt darin Stellung zur medialen Diskussion in Zusammenhang mit der Impfung von Johann Rupert.

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Daniel Liedtke, CEO der Hirslanden.

Daniel Liedtke, CEO der Hirslanden.

Bild: Keystone (4. Juni 2019)

(pd/evw) Daniel Liedtke, CEO der Hirslanden, wendet sich nach der Empörung über die Impfung des Südafrikanischen Milliardärs Johann Rupert in einem persönlichen Schreiben an die Bürgerinnen und Bürger des Kantons Thurgau. Darin wolle er auch in Bezug auf die geplante Durchimpfung Details transparent aufzeigen. Liedtke schreibt: «Mit diesem Schreiben wende ich mich an Sie, da es mir daran liegt, Ihnen die Ereignisse rund um die geplante Durchimpfung der Bürgerinnen und Bürger des Kantons Thurgau nochmals im Detail zu erläutern.»

Die Hirslanden-Gruppe sei vom Kanton Thurgau mit der Aufgabe betraut worden, das Impfzentrum in Frauenfeld aufzubauen und die Impfungen zu betreuen. Als Impfwillige hätten alle ein Anrecht auf eine rasche Impfung und damit auch auf Transparenz darüber, wie diese Impfung vorbereitet und organisiert worden sei. Liedtke betont:

«Ich verstehe, dass der Pilotprozess, den wir im Kanton Thurgau als Vorbereitung für die geplante Impfkampagne durchgeführt haben, viele von Ihnen vor den Kopf gestossen und verunsichert hat.»

Er entschuldige sich bei allen und auch beim zuständigen Regierungsrat Urs Martin. «Wir haben hier Fehler begangen, für die ich persönlich als CEO der Hirslanden-Gruppe geradestehe. Die Hauptverantwortung liegt bei mir, das ist meine Aufgabe und diese nehme ich ausdrücklich wahr.»

Rupert wollte mit der Impfung ein Zeichen an seine Mitarbeitenden setzen

Laut dem Schreiben von Liedtke sei die Hirslanden am 24. Dezember von Johann Rupert aus Genf telefonisch kontaktiert worden. Dieser habe angefragt, ob es eine Möglichkeit gebe, ihn als Risikopatienten in einer der Kliniken – unter strikter Einhaltung der geltenden Bestimmungen – impfen zu lassen.

«Seine Absicht war auch, mit seiner Impfung ein Zeichen für die Mitarbeitenden seiner Unternehmen in der Schweiz zu setzen und sie zur Impfung zu ermuntern.»

In der Folge haben sie sich laut Liedtke bei ihren Kliniken telefonisch nach dem Stand des jeweiligen Impfprozesses erkundigt: «Das Ergebnis war negativ.»

Da damals der Impfprozess noch nicht festgelegt worden sei, habe es auch keine Möglichkeit für eine Impfanfrage gegeben – «was wir Herrn Rupert in der Folge wissen liessen.»

Hirslanden-Spitalgruppe

Die Hirslanden-Gruppe umfasst gemäss Medienmitteilung 17 Kliniken in zehn Kantonen und betreibt vier ambulante Operationszentren, 17 Radiologie- und fünf Radiotherapieinstitute. Die Gruppe zählt 2506 Belegärzte sowie 10’417 Mitarbeitende, davon 498 angestellte Ärzte.

Hirslanden ist gemäss Eigenangaben das grösste medizinische Netzwerk der Schweiz und weist im Geschäftsjahr 2019/20 einen Umsatz von 1‘804 Millionen Franken aus. Per Stichtag 31. März 2020 seien in der Gruppe 107‘491 Patienten an 471‘717 Pflegetagen stationär behandelt worden. Die Hirslanden-Gruppe formierte sich 1990 aus dem Zusammenschluss mehrerer Kliniken. (pd/evw)

Die Hirslanden durfte kurzfristig verfügbare Personen für die Pilotimpfungen aussuchen

Die Ereignisse erhielten gemäss Liedtkes Schreiben erst am 7. Januar eine neue Wendung. Um 15 Uhr desselben Tages haben sich die Verantwortlichen des Kantons unter der Leitung von Gesundheitsdirektor Urs Martin mit einer Delegation der Hirslanden-Gruppe unter der Leitung von Liedtke – aus Sicherheitsgründen virtuell über Zoom - getroffen, um die Vorbereitungsarbeiten für das grosse Vorhaben zu koordinieren. «Als Eckwerte für einen Übungslauf erhielten wir vom Kanton die Erlaubnis, maximal zwei Dosen, welche für 12 Impfungen reichen, mit Personen unserer Wahl zu verwenden.»

Um das Verfahren zu beschleunigen, seien sie ermächtigt worden, Personen auszuwählen, welche kurzfristig verfügbar seien. Diese sollten nach Möglichkeit die Risikokriterien des BAG erfüllen oder Personen der Hirslanden-Gruppe oder Spital Thurgau AG sein.

Die Pilotimpfungen hätten am 11. Januar 2021 im Spital Münsterlingen stattgefunden. Es wurde der Impfstoff von Pfizer Biontech eingesetzt. Die Zusammensetzung der zwölf Testpersonen sah wie folgt aus:

Bild: Screenshot Persönliches Schreiben

Liedtke akzeptiert den Vorwurf, dass die Wahl unsensibel war

Liedtke schreibt, dass ihm rückblickend betrachtet etwas daran liege, zu erläutern, worin die einzelnen Fehler in den Überlegungen bestanden hätten:

  1. «Wir hatten unterschätzt, welche Symbolkraft mit der Impfung eines vermögenden Patienten verbunden ist, auch wenn dieser aufgrund seiner schweren Herzkrankheit, Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht zur Risikokategorie zählt und damit Anrecht auf eine sofortige Impfung hat. Der Überlegungsfehler wiegt umso schwerer, als Herr Rupert Miteigentümer unserer Gruppe ist und damit unweigerlich der Eindruck entstand, wir hätten ihn privilegiert behandelt.»
  2. «Auch wenn Herr Rupert zweifelsfrei zur Risikokategorie zählt, wohnt er im Kanton Genf und nicht im Kanton Thurgau. Es wäre deshalb rückblickend betrachtet klüger gewesen, Herrn Rupert zu empfehlen, sich über seinen Arzt für die ordentliche Impfung im Kanton Genf anzumelden.»

Weiter schreibt Liedtke, dass er aus den oben erwähnten Gründen den Vorwurf akzeptiert, dass die Hirslanden mit der Wahl von Herrn Rupert unsensibel war und er versteht, dass man sie deshalb kritisiert. «Es war mir wichtig, Ihnen, liebe Bürgerinnen und Bürger des Kantons Thurgau, im Detail und möglichst transparent aufzuzeigen, was in dieser Angelegenheit vorgefallen ist.» Darauf hätten sie ein Anrecht und Liedtke wolle diesen Anspruch einlösen, soweit es ihm der Patientenschutz erlaube.

Testpersonen in anderen Kantonen sollen vom Kanton festgelegt werden

Zudem schreibt Liedtke, dass die Hirslanden den Behörden des Kantons Thurgau in jedem Fall sämtliche Fragen, die sich möglicherweise noch stellen werden, im Detail beantworten werden und ihre Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern jederzeit wahrnehmen. Der CEO schreibt:

«Und wir haben aus den Erfahrungen in dieser Sache unsere Lehren gezogen.»

Er habe angeordnet, dass in anderen Kantonen, in welchen die Hirslanden mit der Organisation eines Impfzentrums betraut werde, die Testpersonen ausschliesslich vom Kanton festgelegt werden. Dies, um dem Anspruch der bestmöglichen Kontrolle dieses wertvollen Impfstoffes durch demokratisch legitimierte Instanzen bestmöglich gerecht zu werden. «Zu guter Letzt möchte ich betonen, dass ich selbst noch keine Impfung erhalten habe.»