Zwei starke Männer und ein «Footbonaut»

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Entwicklung Die TSG 1899 Hoffenheim, das sind vor allem zwei Namen: SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, Besitzer und finanzieller Anschieber des Clubs. Und Julian Nagelsmann, der erst 29-jährige Chefcoach mit dem bubenhaften Aussehen; er gilt nicht nur in Fussballdeutschland als grosse Nummer, als eine Art Guru. Entsprechend beäugt werden seine Übungseinheiten, die er allesamt filmen lässt – falls nötig mit Drohne. Letztlich fokussiert Nagelsmann auf eine einzige Frage: Wie mache ich meine Spieler besser? Vorschnell könnte man ihn als Laptoptrainer abtun, als einen, der von Taktiklehre besessen ist. Doch dies griffe zu kurz, zumal der Familienvater mit Stift und Zettel arbeitet – und während der Partien instinktiv reagiert, wenn es nicht läuft. Fabian Schär sagt: «Julian verfügt über ein enormes Fachwissen. Er ist jung, spricht dieselbe Sprache wie wir Spieler. Der Erfolg gibt ihm recht.» Nagelsmann steht im Ruf, Fussballer besser zu machen. Wo ortet der Trainer noch Reserven in einem Spiel, das permanent die Optimierung sucht? Im physischen Bereich sei das Limit nahezu erreicht, glaubt er. Nicht aber, was Konzentration und mentale Schnellkraft angehe. Im Kopf hat es Potenzial.

Nagelsmann: Der Kopf hat noch Potenzial

Hier geht Nagelsmann neue, modernste Wege. Sei es mit der Helix, einer 3 Meter grossen Video-Leinwand, mit der peripheres Sehen geschult wird – die Fähigkeit, in einem Blickfeld von 200 Grad Mit- und Gegenspieler zu verfolgen. Auch der «Footbonaut» kommt zum Einsatz, den in Europa sonst nur Dortmund hat. Dabei steht der Proband in der Mitte eines Käfigs; acht Wurfmaschinen spielen ihm Bälle zu, die er in jenem von 72 Feldern versenken muss, das gerade aufleuchtet. Ziel ist, Passgenauigkeit, Handlungsgeschwindigkeit, Spielintelligenz, Koordination und Konzentration zu verbessern.

Das alles haben die Hoffenheimer ihrem 77-jährigen Mäzen Hopp zu verdanken, der nach jedem Bundesligaspiel eine Ansprache an das Team richtet. Hopps ehemalige Firma SAP ist Hauptsponsor des Clubs, für den an der Geschäftsstelle in Zuzenhausen 100 Leute arbeiten – zehn sind Medienverantwortliche. Im Amateurfussball gibt es den Verein seit 1899. Traditionalisten und Puristen versehen ihn dennoch mit der Etikette «Retorte»: Die Stadt Hoffenheim sei Niemandsland, und nur dank Hopps Finanzierung habe man sich Richtung Bundesliga bewegt, sagen sie. Doch für ein Team der höchsten Liga Deutschlands sind die Ausgaben mit 40 Millionen Euro überschaubar. Zudem wird anerkannt, dass im Nachwuchs mit vielen Jugendinternationalen gute Arbeit geleistet wird. Das stimmt überein mit Hopps Maxime: Spieler nicht einfach kaufen, sondern sie in der eigenen Akademie ausbilden. Niklas Süle, der im Sommer für 20 Millionen Euro zu den Bayern wechselt, steht hiefür als Prototyp. Der Heidelberger Hopp hat mit Adler Mannheim und den Rhein-Neckar Löwen im Eishockey wie im Handball weitere gute Adressen geschaffen. In der Region verehrt wird er aber wegen des sozialen, nachhaltigen Engagements über seine Stiftung, die Hospize baut, in Bildung und Forschung investiert und im Sport unzählige Kinder unterstützt. (cbr)

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