Zwei Eliten auf Schmusekurs: Studium und Spitzensport sollen zusammengeführt werden

In diesen Tagen läuft in Russland die Winteruniversiade. In zwei Jahren findet der Anlass in der Schweiz statt. Bis dahin soll die Vereinbarkeit von Sport und Studium verbessert werden.

Rainer Sommerhalder
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2012 in London studierten über zwei Drittel der Schweizer Olympia-Teilnehmerinnen. (Bild: KEY)

2012 in London studierten über zwei Drittel der Schweizer Olympia-Teilnehmerinnen. (Bild: KEY)

Seit drei Tagen geht in Russland die 29. Winteruniversiade über die Bühne. 3000 Athletinnen und Athleten, die gleichzeitig ein Studium absolvieren, machen den Multisportanlass zum grössten Sporttreffen nach den Olympischen Spielen. Die Schweiz reist mit 100 Sportlern nach Krasnojarsk in Sibirien. Dieses Rekordaufgebot ist der Tatsache geschuldet, dass die nächste Winteruniversiade Ende Januar 2021 in der Zentralschweiz stattfindet. Die Schweiz ist erstmals seit 1962 wieder Gastgeberin.

Politisch und organisatorisch liegen die Verantwortlichen auf Kurs. Die sechs Innerschweizer Kantone ziehen für einmal am gleichen Strick. Bei den Austragungsstätten setzt man auf bestehende Anlagen und damit auf die Karte Vernunft und Nachhaltigkeit. Doch wie soll das Vermächtnis der Schweizer Universiade aussehen?

Weniger Präsenzzeit, mehr Prüfungstermine

Der ehemalige Spitzenkanute Mike Kurt nennt das übergeordnete Ziel: «Wir wollen die Vereinbarkeit von Spitzensport und Studium nachhaltig verbessern. Dafür braucht es mehr Akzeptanz für den dualen Weg von Universitäten wie von Sportverbänden.» Als Präsident von Swiss University Sports, dem Verband der Hochschulsportler, kennt er die Herausforderungen. Der Handlungsbedarf ist unbestritten. Fast die Hälfte aller Schweizer Olympiateilnehmer 2012 in London waren Studenten.

Bei einer Befragung 2015 stellten die Athleten diesem dualen Weg ein schlechtes Zeugnis aus. 60 Prozent der studierenden Spitzensportler schätzten die allgemeine Unterstützung als mangelhaft oder schlecht ein. Der Schweizer Dachverband Swiss Olympic hat reagiert und vor dreieinhalb Jahren ein gemeinsames Projekt mit Swiss University Sports ins Leben gerufen. Im September 2017 wurde mit den Schweizer Universitäten eine gemeinsame Erklärung mit der Absicht unterzeichnet, die Rahmenbedingungen für studierende Leistungssportler zu verbessern. Massnahmen wie Teilzeitstudien, Reduktion von Präsenzzeiten und das Angebot mehrerer Prüfungstermine stehen im Vordergrund. Einige Erfolge wurden bereits erzielt. So gibt es in vielen Hochschulen eine Koordinationsperson für Spitzensport und Studium, einige Universitäten haben Richtlinien zur Vereinbarkeit von Spitzensport und Studium erlassen.

Doch noch immer hinkt die Schweiz hinterher. Kurt von Swiss University Sports fordert auch von den Sportverbänden mehr Akzeptanz. «Die Möglichkeit eines Studiums sollte ein fixer Bestandteil auf dem Athletenweg sein. Trainer und Spitzensportverantwortliche in den Verbänden müssen unterstützen. Zu häufig raten sie ihren Athleten noch davon ab, weil mit einer dualen Karriere von allen Beteiligten viel komplexere Herausforderungen gemeistert werden müssen.» Kurt appelliert an die Sportverbände, sich nicht von kurzfristigem Denken leiten zu lassen. «Athleten mit abgeschlossenem Studium sind für das Gesamtökosystem Sport interessant – sei es mit einem späteren Engagement als Funktionär oder auch als Führungskräfte in der Wirtschaft beim Thema Sponsoring. Sie geben dem Sport in vielen Fällen etwas zurück.»

Es besteht Aufholbedarf

Bereits in diesem Kreislauf drin ist Ruder-Olympiasieger Simon Niepmann. Er ist seit August 2018 bei Swiss Olympic in der Abteilung Athleten- und Karrieresupport verantwortlich für den Bereich Spitzensport und Studium. Insgesamt sieht er heute eine grössere Akzeptanz für den dualen Weg. In seiner neuen Funktion berät er Sportler, sensibilisiert Verbände, unterstützt bei Hochschulen die Koordinatoren und setzt sich für flexible Lösungen in Studiengängen ein.

Auch Niepmann sieht in der Universiade 2021 in der Schweiz die Chance, um nachhaltige Lösungen zu finden. Er sagt: «Insgesamt haben wir in der Schweiz beim dualen Weg zweifellos noch Aufholpotenzial.»