Kolumne

Zum Valentinstag: ein Liebesbrief an den Fussball

Fussball verbindet, Fussball lässt uns leiden und jubeln. Ein Liebesbrief an die schönste Nebensache der Welt.

Renato Schatz
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Lieber Fussball,

Ich weiss noch, als ich dich das erste Mal sah. Ich kam die bebende Holztreppe hoch und sah dein Gesicht. Versteckt im diffusen Licht von Petardennebel und Fluchtlichtmasten. Du rochst nach Rauch und abgestandenem Bier. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Das war vor bald 14 Jahren. Manchmal frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist. Viel ist passiert. Ich ging fremd. Zur Freundin oder ans Konzert. Und du trägst teure Anzüge aus Beton und Einkaufszentren, triffst dich mit Wirtschaftsvertretern und dubiosen Politikern. Ich mag nicht, wie sie über dich reden. Sie sprechen von Investments und Projekten. Dabei ist es doch die Unmittelbarkeit, die ich an dir liebe.

Wir sind wohl beide erwachsen geworden.

Das Espenmoos roch nach Rauch und abgestandenem Bier.

Das Espenmoos roch nach Rauch und abgestandenem Bier.

Bild: Keystone

Ich konnte auf dich zählen. Dienstag- und Mittwochabend. Samstags um halb vier. Und am Sonntag um 16 Uhr. Der zuverlässige Rhythmus einer Woche. Vorfreude oder Trost. Wenn die Noten nicht genügten oder Jessica mir den Laufpass gab. Du warst für mich da, wenn ich dich brauchte.

Als ich mich an einem rastlosen Sommer in Nischni Nowgorod verlor und Heimweh hatte, ludst du mich zu dir ein. Es war wie früher. Dein Haar duftete nach abgestandenem Bier, deine Stimme klang laut und roh. Du bist Grümpeli und Champions-League-Final. Du bist überall für mich da.

Dafür fuhr ich für dich über Asphalt und Kies, über Schienen und Wasser. Ich flog frühmorgens in alle Herren Länder und irgendwann aus der Bar. Hinüber vom achten Bier und der neunten Saisonniederlage. Ich habe dich oft dafür gehasst, wie sehr ich dich liebe. Wenn ich im Stadion sass und fror. Und St. Gallen und Thun kein Tor schossen.

An diesen Tagen musste ich dich schöntrinken. Manchmal sogar schon vor dem Spiel. Kurz vor Bern hatte ich leicht einen sitzen und sagte zu meinen Freunden mit naiver Zuversicht: «Git hüt en Sieg.» Liebe macht bekanntlich blind.

Einmal warst du an einem Mittwochabend in der Stadt. Wir durften uns nicht sehen, weil ich am nächsten Morgen Schule hatte. Im Radio erzählten James Wehrli und tausende Kehlen vom Freistosstor Jürgen Gjasulas. Ich hatte ein Stechen im Bauch und wusste nicht, weshalb. Heute weiss ich, ich hatte Liebeskummer.

Wenn wir uns heute sehen, sticht und kribbelt es wie früher. Eine Art körperliche Ungeduld. Und Ungeduld ist die Neugier der Unwissenden. Nicht zu wissen, was in den nächsten knapp zwei Stunden passiert. Enttäuschung oder Euphorie. Das Spiel des Lebens.

Und wenn sich jemand in dich verliebt, dann bin ich nicht eifersüchtig, sondern lächle in mich hinein. Weil es mir genauso ging, weil ich den Zauber verstehe. Ich glaube, das ist bedingungslose Liebe.

Heute ist ein guter Tag, um dir zu sagen, was ich für dich empfinde. Am Sonntag werde ich dich wieder hassen.

Schön, dass es dich gibt.