Wunderläufer im Endspurt

Er schlafe gut, er sei in Form, sagte Sebastian Coe noch Ende September in Zürich vor Vertretern der britischen Handelskammer und der British Community of Switzerland. Bisher sei alles wie geplant gelaufen. «Die Vorbereitungen sind zu 95 Prozent fertig.

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Wunderläufer im Endspurt

Er schlafe gut, er sei in Form, sagte Sebastian Coe noch Ende September in Zürich vor Vertretern der britischen Handelskammer und der British Community of Switzerland. Bisher sei alles wie geplant gelaufen. «Die Vorbereitungen sind zu 95 Prozent fertig.» Coe, Chef des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 2012 und mehrfacher Mittelstrecken-Weltrekordler, hat sich verschätzt. Einmal mehr, wie vergangenen Montag bekannt wurde. Ein Grossaufgebot von 10 000 Sicherheitsleuten war für die Sommerspiele eingeplant worden, doppelt so viele sind nötig. Fehl eingeschätzt wurden auch die Gesamtkosten des Grossanlasses. Sie haben sich mittlerweile auf rund 13 Milliarden Franken verdreifacht.

Erinnerungen ans Letzigrund

Dabei ist der Erfolg nie weit weg gewesen, wenn sich Sebastian Coe engagiert hat. Als Zwölfjähriger meldete sich der Sohn einer Schauspielerin und eines Ingenieurs beim örtlichen Leichtathletik-Club an – fasziniert von den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko und den britischen Athleten, die im Weitsprung und im Hürdenlauf um Medaillen kämpften. Bereits in den 80er-Jahren machte sich Coe einen Namen als «weisser Wunderläufer» über Mittelstrecken. Er gewann an den Olympischen Spielen 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles jeweils Gold über 1500 und Silber über 800 Meter. Zwei seiner zwölf Weltrekorde stellte er am Zürcher Meeting im Letzigrund auf: über 1500 Meter 1979, über eine Meile 1981. Daran erinnere er sich noch ganz genau, sagte er in einem Interview: «Wie wenn es gestern gewesen wäre.» Mehr noch: «Heute darf ich sagen, dass Zürich immer mein Lieblingsstadion war und <Weltklasse Zürich> immer mein Lieblingsmeeting.»

Erfolg hatte der «smarte, schnelle Brite», der als humorvoll und charmant beschrieben wird, auch in der Politik. Zwei Jahre nach seinem Karrierenende wurde er 1992 als Mitglied der konservativen Partei von Margaret Thatcher ins britische Unterhaus gewählt und gar als zukünftiger Premierminister gehandelt. Lange, bevor die Queen ihn im Jahr 2000 zum Ritter schlug, habe sich Lord Baron Coe of Ranmore in the County of Surrey als Sportler selber geadelt, schrieb der «Tages-Anzeiger».

«Immer und immer weitermachen»

Nach seiner Abwahl 1997 diente der studierte Ökonom Tory-Führer William Hague als Privatsekretär. Mit dem Sport blieb der «Lord, der kein Chef sein will», verbunden: 2006 wurde Coe zum Vorsitzenden der Fifa-Ethik-Kommission gewählt. «Ein Glücksfall», urteilte damals Fifa-Präsident Joseph Blatter. Privat entspannt sich Coe nach einem harten Arbeitstag mit Laufen, Jazz-Musik und seinen vier Kindern.

Ausgerechnet sein grösster olympischer Triumph – der Zuspruch der Olympischen Spiele für London – bleibt nun aber vor Pannen und Peinlichkeiten nicht verschont. Gefragt danach, was ihn das Laufen gelehrt habe, sagte Coe: «Das Wesentliche ist, immer und immer weiterzumachen.» Bleibt zu hoffen, dass Coe den Zeitpunkt einzuschätzen weiss, wann er zum Endspurt ansetzen muss. (jag)