Wörter und Wirklichkeit

GOTTLIEBEN. Jenny Erpenbeck pflegt im Bodmanhaus die «grosse Geste mit schlanken Mitteln» – wofür sie eingeladen worden ist. Ihr Roman «Aller Tage Abend» verknüpft fiktive und ineinandergeschachtelte Biographien zu einer Art Familienforschung.

Brigitte Elsner-Heller
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lesung im bodmanhaus, gottlieben, 27.8.2013 (Bild: brigitte elsner-heller)

lesung im bodmanhaus, gottlieben, 27.8.2013 (Bild: brigitte elsner-heller)

Es sind die grossen Fragen, die uns betreffen, auch wenn wir nicht ständig darüber nachdenken. Jenny Erpenbeck, die als freie Autorin und Regisseurin in Berlin lebt, wurde 1967 in eine Schriftstellerdynastie hineingeboren, und das hat ihr sicher das spezielle Gen mitgegeben, im Allgemeinen das Besondere zu sehen. So macht es jedenfalls den Eindruck, als sie im Bodmanhaus vor ihr Publikum tritt. Eine in allen bedeutenden Feuilletons besprochene Autorin, deren Lächeln davon zeugt, dass Klugheit auch in widrigen Zeiten vor Härte schützt.

Ein Säugling stirbt – und lebt

«Ich habe das Privileg, dass ich einen Beruf habe, in dem ich mich damit beschäftigen kann», sagt sie nach der Lesung. Und nein, es gehe im Buch «Aller Tage Abend» nicht um ihre Grossmutter, die DDR-Autorin Hedda Zinner. Und wenn doch? Es ist die ewige Frage nach dem Autobiographischen, die interessiert und gleichzeitig unwesentlich wird.

Jenny Erpenbeck lässt in ihrem Roman, der im vergangenen Jahr erschienen ist, einen Säugling am plötzlichen Kindstod sterben, 1912 in Galizien. Das ruft die Weltgeschichte auf den Plan: Die Geschichte der Juden im 20. Jahrhundert, aber auch die der totalitären Systeme, die Europa überzogen. Erpenbeck verlässt das Szenario in Galizien, verfasst ein zweites Leben für das kleine Mädchen, dann ein drittes, viertes, bis in einem fünften Leben eine ehemals angesehene DDR-Autorin mit 90 Jahren in einem Ostberliner Pflegeheim stirbt. Zur Wendezeit. In den Zwischenzeiten lebt die Frau weitere Leben. Eines im Wien der Zwanzigerjahre, dann als Emigrantin in Moskau (wo sie, die Genossin H., hingerichtet wird), und als berühmte Schriftstellerin, die nach Berlin zurückgekehrt ist. Jenny Erpenbeck fasst zusammen, was die Eckpfeiler ihrer fiktiven und ineinander geschachtelten Biographien ausmacht, sie setzt zunächst mit dem Anfang ein, liest dann aber die «Intermezzi», jene Zwischenräume also, in denen sie die Uhr zurückdreht, Alternativen weiterspinnt.

Wörter sind eine merkwürdige Folie, die man über die Wirklichkeit legt. So etwas sagt Jenny Erpenbeck, als ginge es ums Frühstück. Auch, dass aus Wörtern Wirklichkeit werde – wenn etwa ein Beschluss gefasst wird, der dann umgesetzt wird. Und dass es, im Roman, verschiedene Väter gebe. «Ich plädiere auch bei Lesungen dafür, dass Kindern die Wahrheit über ihre Herkunft gesagt wird. Ich habe einen moralischen Anspruch.» Das verblüfft dann schon, zumal Jenny Erpenbeck kurz zuvor angeschnitten hatte, «am Rande ein bisschen Familienforschung betrieben» zu haben.

Scheut Menschen nicht

Jenny Erpenbeck ist leise und konkret, ihr Lächeln ohne Falsch und doch mehrdeutig. Nach einer Stunde kann man nachvollziehen, was Moderatorin Annette Hug gemeint hatte, als sie die «grosse Geste mit schlanken Mitteln» lobte, die die Autorin auszeichne. Dass sie keine einsame Schreiberin ist, kann man daran ablesen, dass sie auch als Regisseurin arbeitet, Menschen also nicht scheut.

Zum Ausklang dann so ein schöner, schlanker Satz aus «Aller Tage Abend»: Ich habe geträumt, dass ich geträumt habe, und auf einmal war es kein Traum mehr.

Mi, 18.9., 20.00: Thilo Krause, Gedichte; Moderation Jochen Kelter