WM-QUALIFIKATION: Ein bitterer Schweizer Abend in Portugal

Weil die Portugiesen gegen die Schweiz 2:0 gewinnen, nehmen sie den direkten Weg an die WM in Russland. Dafür muss Vladimir Petkovics Team den beschwerlichen Gang in die Barrage antreten.

Christian Brägger, Lissabon
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Konsternierte Gesichter bei Fabian Schär und Granit Xhaka (von links). Superstar Cristiano Ronaldo hätte eigentlich Grund zum Jubeln. (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))

Konsternierte Gesichter bei Fabian Schär und Granit Xhaka (von links). Superstar Cristiano Ronaldo hätte eigentlich Grund zum Jubeln. (Bild: JEAN-CHRISTOPHE BOTT (KEYSTONE))

61'566 Zuschauer im ausverkauften Estádio da Luz, in diesem schmucken Fussballtempel, davon über 5000 Schweizer. Hinzu die aufgeladene Stimmung, Popstar Madonna ebenfalls unter den Gästen, passender hätte der Rahmen für dieses Endspiel nicht sein können. Fehlten nur noch die Zutaten für einen rundum gelungenen Abend – doch die Schweizer hatten sie nicht dabei. 0:2 verloren sie gegen Portugal, das mit dem verdienten Sieg im letzten WM-Qualifikationsspiel die Schweiz dank dem deutlich besseren Torverhältnis noch vom ersten Platz verdrängte. Natürlich kannte die Freude der Portugiesen nach dem Schlusspfiff keine Grenzen mehr, stolz sangen sie ihre Lieder.

Bis zu dieser schicksalshaften Partie war nahezu alles so gekommen, wie sich der Schweizer Nationaltrainer Vladimir Petkovic das ausgedacht hatte. Doch zu vieles misslang in der Finalissima, sie warf einen Schatten über den bisherigen Parcours, der mit neun Siegen so formidabel war und im Prinzip noch immer ist. Als Trost, auch wenn dies keiner sein kann, wartet nun die Barrage. Dort trifft die Schweiz als gesetztes Team auf Irland, Schweden, Nordirland oder Griechenland. Zugelost wird der Gegner in Zürich am nächsten Dienstag, gespielt wird am 9. und 14. November. Eines aber ist gewiss: In diesen Playoff-Partien um die WM-Teilnahme kann viel passieren, auch wenn sich oftmals die bessere Qualität durchsetzt. Die Frage wird sein: Wie gut erholt sich die Schweiz von diesem bitteren Rückschlag in Lissabon?

Yann Sommer: 4,5. Rettet mehrmals überragend, etwa gegen Ronaldo (79.). Unglücklich beim ersten Gegentor. (Bild: Keystone)
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Stephan Lichtsteiner: 4. Fällt als Aggressivleader auf. Defensiv eigentlich stark, vergisst beim 0:2 Torschütze André Silva. (Bild: Keystone)
Johan Djourou: 3. Ist der Unsicherheitsfaktor in der Schweizer Mannschaft. Sieht bei beiden Gegentoren schlecht aus. (Bild: Keystone)
Fabian Schär: 5. Verhält sich sehr clever, gewinnt viele Zweikämpfe. Spielt auch mal gute Bälle in Richtung Offensive. (Bild: Keystone)
Ricardo Rodriguez: 3,5. Vertändelt oft den Ball und verteidigt schwach beim 0:2. Nach vorne mit guten Ansätzen. (Bild: Keystone)
Granit Xhaka: 4,5. Seine Passquote ist phänomenal, er ist der beruhigende Pol in der 1. Halbzeit. Nach vorne inexistent. (Bild: Keystone)
Remo Freuler: 3,5. Er ist ballsicher. Fällt aber durch zwei Handspiele auf, muss rotgefährdet ausgewechselt werden. (Bild: Keystone)
Xherdan Shaqiri: 3,5. Er verliert im Aufbau einige Bälle, hilft defensiv zu selten mit. Offensiv mit nur einem guten Versuch. (Bild: Keystone)
Blerim Dzemaili: 3. Ohne Aktion: Ihn sucht man bis zur 66. Minuten vergebens, ehe er ausgewechselt wird. (Bild: Keystone)
Admir Mehmedi: 3,5. Er rackert und hilft defensiv mit. Aber der Offensivspieler bringt nach vorne nichts zu Stande. (Bild: Keystone)
Haris Seferovic: 4. Der Benfica-Stürmer erhält in seinem Heimstadion kaum Bälle, hat nur eine Halbchance. Ist fleissig. (Bild: Keystone)
Denis Zakaria: 4. Kommt zur Pause ins Spiel. Bringt Wirbel ins Spiel, aber nur kurz. Gewinnt einige Zweikämpfe. (Bild: Keystone)
Steven Zuber: 4. In der 66. Minute kommt der Doppeltorschütze vom letzten Samstag. Er bleibt aber wirkungslos. (Bild: Keystone)
Breel Embolo: 4. Er zeigt zwar, dass er ballsicher ist, hat nach seiner Einwechslung aber wenig Einfluss. (Bild: Keystone)

Yann Sommer: 4,5. Rettet mehrmals überragend, etwa gegen Ronaldo (79.). Unglücklich beim ersten Gegentor. (Bild: Keystone)

Rückstand nach Djourous Eigentor

Kurz vor Ende der ersten Halbzeit hatte sich petkovics Team den Vorteil der neun gewonnenen WM-Qualifikationsspiele nehmen lassen, eingeschlossen das 2:0 aus dem Hinspiel gegen denselben Rivalen zum Auftakt der Kampagne. Die Schweiz lag zurück, dies äussert unglücklich, weil es bis dahin erst die zweite Chance der Portugiesen gewesen war und vor allem – das Tor «erzielte» Johan Djourou. Die Mannschaft von Fernando Santos profitierte dabei von der allgemeinen Unordnung in der Schweizer Hintermannschaft, als es galt, eine präzise Hereingabe vor dem heranstürmenden João Mário zu entschärfen. Yann Sommer kam heraus, Fabian Schär stand ebenfalls da, und eben, Djourou. Ihm kullerte der Ball unglücklich an den Fuss und von da ins Tor. 0:1, die Schweiz im Hintertreffen, die Aufgabe mit dieser Hypothek noch schwieriger, als sie es in diesem Hexenkessel ohnehin schon war. Sie war jetzt unter Zugzwang, nicht mehr die Portugiesen. Und sie konnte nicht reagieren.

Dabei hatte die Schweiz bis dahin eigentlich gut mitgehalten. Nur zu Beginn des Spiels und nach knapp dreissig Minuten, als Sommer glänzend Bernardo Silvas Abschluss parierte, wusste sie nicht vollends zu überzeugen. In der restlichen Zeit der ersten Hälfte aber war sie präsent, sie war ein Gegner auf Augenhöhe und zeigte keinen Respekt. So wie man das von ihr kannte. Es waren gute Signale, welche die Schweizer sendeten, weil auch Cristiano Ronaldo nicht zu sehen war. Doch änderte sich die Anlage der Partie mit dem ersten Treffer, weil jetzt die Portugiesen so spielen konnten, wie sie es oft gerne tun. Abwarten, lauern und dann blitzschnell zuschlagen. Und prompt schlug es ein zweites Mal bei Sommer ein, als die Schweizer nicht mehr richtig ins Spiel fanden. In der 57. Minute traf André Silva, der einen Querpass von Bernardo Silva durch den Fünfmeterraum einschob.

Nicht ganz unerwartet war sich Petkovic treu geblieben und hatte seine Stammformation aufs Feld geschickt. Die Schweiz also mit Ricardo Rodriguez, Admir Mehmedi und Blerim Dzemaili. Der Nationaltrainer sah sich aber früh gezwungen, Massnahmen zu ergreifen, schon zur Pause hatte er Denis Zakaria für den rotgefährdeten Remo Freuler aufs Feld beordert, nach dem zweiten Gegentreffer versuchte er es noch mit Breel Embolo (für Dzemaili) und Steven Zuber (für Mehmedi). Das Spielgeschehen wussten auch die Neuen nicht zu prägen, alles wirkte seltsam stumpf. Eine reelle Chance zum Anschlusstreffer besass einzig Haris Seferovic in der 67. Minute, aber das war’s. Vielmehr sündigten auf der anderen Seite die Portugiesen, allen voran Ronaldo, der es am Schluss der Partie alleine vor Sommer etwas gar zu lässig nahm. Er konnte es sich leisten.