WM-Qualifikation
Der Abend der Tor-Pannen: Zuerst die kuriose Verspätung, dann versagt der Nati-Sturm

Weil ein Tor 10 Zentimeter zu hoch ist und unmittelbar vor Anpfiff ausgetauscht werden muss, beginnt das Spiel Schweiz-Litauen mit fast 20 Minuten Verspätung. Danach holt die Nati auch in der zweiten WM-Qualifikations-Partie drei Punkte - das 1:0 ist aber auch Anlass für Ärger.

Etienne Wuillemin
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Mitternacht in St.Gallen rückte näher, als sich Vladimir Petkovic aufmachte, diesen aussergewöhnlichen Abend zu analysieren. Einen Abend, an dem einiges schief gelaufen war – sogar schon vor dem Spiel, als das Tor von Yann Sommer auf mysteriöse Weise plötzlich zu hoch war, und sich der Anpfiff darum um fast 20 Minuten verzögerte.

Die Szene des Abends: Helfer bringen ein neues Tor ins Stadion, weil das eigentliche 10 Zentimeter zu gross ist.

Die Szene des Abends: Helfer bringen ein neues Tor ins Stadion, weil das eigentliche 10 Zentimeter zu gross ist.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Die Frage an Petkovic war ganz einfach: Was war eigentlich gut am Spiel der Schweizer Nationalmannschaft? Drei Dinge strich der Nationaltrainer heraus: «Gut war, dass wir sofort ein Tor erzielten. Gut war, dass wir dem Gegner praktisch keinen Torschuss zugestanden. Und gut war, dass wir immerhin 22 Abschlüsse verzeichneten.»

So sagte er das. Und bevor irgendwer hätte auf die Gedanken kommen können, Petkovic wolle den Auftritt seines Teams schönreden, fügte er dezidiert an: «Gegen einen solchen Gegner müssten wir mehr Tore erzielen. Wir waren nicht konzentriert genug. Und am Ende durften sie sogar noch von einem Punktgewinn träumen.»

Es war wenig zu sehen von den Schweizern gegen das bescheidene Litauen. Einzig Shaqiri traf, bereits nach 90 Sekunden.

Es war wenig zu sehen von den Schweizern gegen das bescheidene Litauen. Einzig Shaqiri traf, bereits nach 90 Sekunden.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Der Gegner? Das war Litauen, die Weltnummer 129, ein Kleiner des Weltfussballs also. Und es war nicht so, dass diese Litauer einen überragenden Auftritt gezeigt hätten. Aber sie verteidigten voller Leidenschaft, verbarrikadierten ihren Strafraum, so gut es eben ging. Was bereits reichte, um den Schweizern einen unangenehmen Abend zu bescheren.

Doch vor allem lag das an ihnen selbst. Die Zielstrebigkeit, die Konsequenz und Präzision, wie sie in der hervorragenden ersten Hälfte am letzten Donnerstag beim 3:1 in Bulgarien zu sehen waren, fehlten nun komplett. Optisch überlegen, das war die Nati schon. Aber sehr viele spielerische Ideen waren in St.Gallen nicht zu sehen. So, dass man aus Schweizer Sicht durchaus froh sein darf, beginnt die EM erst in zweieinhalb Monaten.

Viel zu oft wurden die Schweizer von der massierten Abwehr Litauens gestoppt.

Viel zu oft wurden die Schweizer von der massierten Abwehr Litauens gestoppt.

Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Ja, wie schon in Bulgarien hätte die Schweiz auch gestern einen Penalty erhalten müssen. Wieder übersah der Schiedsrichter ein klares Foul, diesmal an Embolo. «Ich frage mich schon, ob man sich denn zwingend auf den Boden werfen muss, dass ein Elfmeter gepfiffen wird», sagte Petkovic. Allzu viel Gewicht wollte er dieser Szene nicht beimessen. Und doch lautet eines seiner Fazits nach diesen ersten WM-Qualifikationsspielen: «Schade, war der VAR nicht dabei.» Die Fifa verzichtet in der Qualifikation auf die Video-Assistenten. Warum, bleibt ein Rätsel.

Auch darum liegt die Schweiz im Vergleich mit Italien (gestern 2:0 in Bulgarien) in der Tordifferenz nach den Auftaktpartien leicht zurück. Nur der Gruppenerste qualifiziert sich direkt für die WM 2022 in Katar. Das erste (WM-Qualfikations-)Duell mit Italien folgt dann am 5. September. Zuvor treffen die beiden Teams auch an der EM aufeinander.

Zum Durchklicken: Die Bilder zum WM-Qualifikationsspiel Schweiz-Litauen

Eine Messung zeigt: Fünf Zentimeter zu gross ist das Tor im St. Galler Kybunpark...
9 Bilder
... das Tor muss ausgewechselt werden. Der Anpfiff verzögert sich.
Xherdan Shaqiri.
Die Schweizer feiern Xherdan Shaqiris Treffer zum 1:0.
Manuel Akanji gegen Fedor Cernych.
Silvan Widmer im Kopfballduell gegen Fedor Cernych.
Captain Granit Xhaka.
Mario Gavranovic trifft das vermeintliche 2:0, der Unparteiische anerkennt den Treffer nicht.
Vladimir Petkovic wechselt Torschütze Xherdan Shaqiri aus.

Eine Messung zeigt: Fünf Zentimeter zu gross ist das Tor im St. Galler Kybunpark...

Bild: Gian Ehrenzeller/ Keystone (St. Gallen, 28. März 2021)

Das Tor-Chaos vor dem Spiel

Die Kuriosität des Jahres ereignet sich bereits vor Spielbeginn. Eigentlich hätte Schweiz - Litauen um 20:45 Uhr beginnen sollen. Konnte es aber nicht. Weil zu dieser Zeit im St.Galler Kybunpark ein Tor abmontiert wurde.

Was ist passiert? Während des Warm-Ups bemerkte der Schweizer Torhüter-Trainer Patrick Foletti, dass die eine Seite des Tores, in welchem sich Yann Sommer warmschiessen lässt, um einiges höher ist als normal. Die Schweizer meldeten das dem Uefa-Delegierten, auch der vierte Offizielle Antti Munukka wurde involviert. Die Messung ergab tatsächlich: 10 Zentimeter zu hoch. Das Tor musste abmontiert werden.

Danach kam Hektik auf im Kybunpark. Helfer eilten herbei, rissen das Tor eiligst aus der Verankerung. Und machten sich auf, das Ersatztor auf den Platz zu tragen. Fast 20 Minuten kostete das Tor-Chaos. Dann begann das Spiel endlich.

Wie aber konnte das passieren? Die Schiedsrichter gaben an, dass die Tore im Verlauf des Tages und auch vor dem Warm-Up noch einmal gemessen wurde – ohne dass ein Fehler bemerkt worden wäre. Die Geschichte ist also ziemlich mysteriös. Unmittelbare Folgen hat das Tor-Chaos für die Schweiz nicht. Gegner Litauen verzichtete auf einen Protest. Allenfalls erhält der Fussballverband eine Busse.

Die Erleichterung kommt erst mit dem Schlusspfiff

Als die Partie dann um 21:03 Uhr doch noch angepfiffen wird, dauerte es nicht einmal zwei Minuten, ehe die Schweiz bereits in Führung geht. Xherdan Shaqiri trifft mit rechts nach schönem Pass von Embolo. Erneut gelang der Nati also ein Zauberstart. Am Donnerstag in Bulgarien stand es nach 12 Minuten bereits 3:0.

Ein frühes Tor - danach aber kommt nicht mehr viel Glanzvolles.

Ein frühes Tor - danach aber kommt nicht mehr viel Glanzvolles.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Doch so einfach ging es diesmal nicht. Zwar kombinierte sich die Schweiz immer mal wieder zu einigen Chancen. Aber Litauen verteidigte solidarisch und beherzt. Dazu wurde das Spiel der Nati immer behäbiger, oft fehlte die letzte Überzeugung in den Aktionen. Die Konsequenz davon: Das zweite Tor fällt nicht.

Und so kam es tatsächlich zu einer Schlussphase, in der die leise Angst mitspielte, dass die ­Litauer aus dem Nichts irgendeinen Glückstreffer landen könnten, der die Schweiz teuer bezahlen liesse.

Die Nati blieb von dieser Höchststrafe verschont. Trotzdem: dieses Spiel war keine Offenbarung, im Gegenteil. Noch ist die Schweiz nicht in EM-Form. Doch sie steht auch nach zwei Spieltagen der WM-Qualifikation mit dem Punktemaximum da –immerhin.

Das Telegramm

Schweiz-Litauen 1:0 (1:0)

Kybunpark St.Gallen. – keine Zuschauer. – SR: Gestranius (Fin). – Tor: 2. Shaqiri 1:0.
Schweiz: Sommer; Elvedi, Akanji, Rodriguez; Widmer (65. Fernandes), Freuler (65. Zakaria), Xhaka, Vargas (79. Zuber); Shaqiri (79. Mehmedi); Embolo (65. Gavranovic), Seferovic. Bemerkungen: Die Nati ohne Schär und Steffen (beide verletzt). – keine Schweizer Verwarnungen.

Der Liveticker zum Nachlesen:

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