WM: Hoffen auf die Bestätigung

Für die Schweizer Kunstturner geht es ab Montag in Montreal darum, die EM-Erfolge vom Frühjahr auf Weltniveau zu bestätigen. Die wiedergenesene Giulia Steingruber startet für einmal als Aussenseiterin. Pablo Brägger strebt den Final an.

Christian Finkbeiner (sda)
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Turnt Pablo Brägger an der WM ähnlich stark wie an der EM, hat er Chancen auf einen Finalplatz am Reck. (Bild: Robert Ghement/EPA)

Turnt Pablo Brägger an der WM ähnlich stark wie an der EM, hat er Chancen auf einen Finalplatz am Reck. (Bild: Robert Ghement/EPA)

Christian Finkbeiner (SDA)

Ein Top-12-Platz im Mehrkampf sowie der Einzug in einen Gerätefinal lautet die Zielsetzung der Schweizer Männer für die Einzel-WM in Montreal. «Die Ziele sind nicht unrealistisch», sagt Nationaltrainer Bernhard Fluck. «Für die Athleten gilt es, sich auf internationalem Niveau durchzusetzen, sich einen Namen zu schaffen und zu zeigen, dass sie keine Eintagesfliegen sind.» Gemeint sind Pablo Brägger, Europameister am Reck, Oliver Hegi, EM-Zweiter und WM-Finalist 2015 am Reck, sowie Eddy Yusof, der Olympia-12. im Mehrkampf von Rio de Janeiro. Es ist die kleinste männliche WM-Delegation seit Melbourne 2005, eine ungewohnte Situation nach den Mannschaftserfolgen in den vergangenen Jahren. «Die drei haben die Qualifikationskriterien erfüllt und sind derzeit unbestritten die Besten», so Fluck.

Für die Verantwortlichen bietet die erste WM im Olympia-Zyklus im Hinblick auf Tokio 2020 die Möglichkeit, ein Zeichen zu setzen. «Geschenke werden keine verteilt», so Fluck. Mit weiteren Nominationen wäre aus Sicht des Cheftrainers den Athleten nicht gedient gewesen. «Es handelt sich schliesslich um Weltmeisterschaften und nicht um einen Zürcher Kunstturnertag.»

Hirnerschütterung und kleinere Blessuren

Die Gründe für die kleine Delegation sind vielfältig. Christian Baumann, dreifacher EM-Medaillengewinner und Olympia-Teilnehmer, schlug sich in den vergangenen Monaten mit verschiedenen Blessuren herum, Taha Serhani kämpfte mit den Folgen einer Hirnerschütterung, Marco Rizzo patzte in den beiden Qualifikationen. Auch das nominierte Trio kam nicht ungeschoren durch die Vorbereitung. Hegi zog sich in einem Trainingslager in Tenero einen Faszienriss im Deltamuskel in der Schulter zu, was ihn zur Reduzierung der Trainingsbelastung zwang. Und Brägger, der mit seinem EM-Titel am Reck für eine Sternstunde in der STV-Historie gesorgt hatte, plagten über Wochen Knieprobleme. Eine Kortison-Spritze half, dass er zumindest in der un­mittelbaren WM-Vorbereitung schmerzfrei trainieren konnte.

Gelingt dem Ostschweizer die Übung am Reck jedoch ähnlich traumhaft wie im Frühjahr in Cluj-Napoca, dürfte ihm ein Platz im Final kaum zu nehmen sein, auch wenn die Konkurrenz im Vergleich zur EM deutlich stär- ker ist. Auch Hegi hat bei idea­-lem Wettkampfverlauf durchaus Chancen, den Einzug in einen Gerätefinal zu schaffen. Yusof gilt derzeit als stabilster Mehrkämpfer, der zwölfte Platz im Mehrkampf-Final wird am ehesten ihm zugetraut.

Die WM als «Wiedereinstieg»

Giulia Steingruber tritt für einmal mit geringeren Ambitionen als gewohnt zu internationalen Titelkämpfen an. Die 23-jährige St. Gallerin befindet sich nach ihrer Fussgelenk-Operation im Januar zwar im Fahrplan, noch hat sie aber ihr Niveau von 2016 nicht erreicht. «Es wurmt mich, dass ich noch nicht das volle Programm zeigen kann», so die Olympia-Dritte am Sprung. Zwar habe sie physisch seit ihrem Comeback an der Schweizer Meisterschaft in Morges einen weiteren Schritt nach vorne getan, zu alter Leistungsstärke fehlen aber noch ein paar Prozent.

Am Sprung und am Boden, ihren besten Geräten, hat Steingruber ihr Top-Level noch nicht erreicht. Sie plant zwar dieselben Sprünge wie in Rio, mit dem Jurtschenko mit Doppelschraube, ihrem von der Schwierigkeit her einfacheren Sprung, bekundete sie im Training aber Mühe. Am Boden wird sie noch nicht alle Höchstschwierigkeiten ihrer neuen Übung zeigen können. «Dies muss ich akzeptieren, erzwingen kann ich nichts.» Mit Zielformulierungen hält sich Steingruber zurück: «Den Mehrkampf-Final zu erreichen, wäre schön, die Situation an den einzelnen Geräten ist offen.»