WM: «Es ist Zeit zu gehen»

Ausgerechnet das letzte grosse Rennen geht verloren. Doch Usain Bolt trägt die Niederlage gegen seinen umstrittenen Rivalen Justin Gatlin mit Fassung und sieht sich weiter als den Grössten an.

Drucken
Teilen
Der alte Weltmeister gratuliert dem neuen: Usain Bolt (links) umarmt Justin Gatlin. (Bild: Matt Dunham/AP (London, 5. August 2017))

Der alte Weltmeister gratuliert dem neuen: Usain Bolt (links) umarmt Justin Gatlin. (Bild: Matt Dunham/AP (London, 5. August 2017))

Als wäre alles wie immer gewesen, hielt Usain Bolt noch einmal Hof. Der Superstar zeigte seinen berühmten Blitz, die Anhänger grölten; «Usain Bolt, Usain Bolt»-Rufe hallten durch die Arena, grinsend posierte Bolt für Selfies mit seinen Anhängern; er sprang in ihre Arme, er kniete auf der Ziellinie nieder und küsste alle. Bolt wurde gefeiert wie der Sieger. So, als wäre alles wie immer gewesen – dabei passierte das bisher Unvorstellbare. «Ich habe alles gegeben, was ich hatte – aber es hat nicht gereicht», sagte Bolt. Der Unschlagbare war tatsächlich geschlagen, nach 9,95 Sekunden blieb dem Jamaikaner am Samstagabend nur WM-Bronze über 100 m in seinem letzten ganz grossen Rennen. Ausgerechnet sein alter Rivale Justin Gatlin, zweimal überführter Dopingsünder, der Bad Boy der Leichtathletik, holte Gold in 9,92 Sekunden.

«Er hat es verdient», sagte Bolt, der die Niederlage überraschend gelassen hinnahm; der 30-Jährige hatte wohl schon damit gerechnet, dass der Abend kein Märchen für ihn bereithalten würde. «Ich denke, ich habe gegen einen grossartigen Wettkämpfer verloren und gegen einen Jungen, der nach oben drängt. Ich bedaure nichts», sagte Bolt. Silber sicherte sich Youngster Christian Coleman.

Grosser Respekt vor Gatlin

Doch die grosse Show gehörte trotzdem dem Schlaks aus dem Dörfchen Sherwood Content auf Jamaika. Alle im Stadion wussten, dass dies ein spezieller Moment war. Elf WM-Titel hatte Bolt bis dahin gewonnen, achtmal wurde er Olympiasieger. Mit seinem vierten WM-Gold über 100 m wollte sich König Bolt eigentlich in die Sprint-Rente verabschieden – es hat nicht sollen sein. Im Schlussspurt fehlte ihm die Power. Bolt wirkte plötzlich menschlich. «Nach dem Start wusste ich, dass ich in Schwierigkeiten war», sagte Bolt, der nach der WM seine Karriere beenden wird: «Ich habe dennoch bewiesen, dass ich einer der Grössten bin. Es ist Zeit zu gehen.» Hinterher schäkerte Bolt mit Gatlin, beide sprachen von ihrem grossen gegenseitigen Respekt. «Er hat hart gearbeitet, und er ist einer der besten Konkurrenten, gegen die ich je gelaufen bin», sagte Bolt, als hätte es Gatlins positive Tests in den Jahren 2001 und 2006 nie gegeben: «Für mich hat er es verdient, hier zu sein.» Die internationale Presse sah es etwas anders. «Es hätten die letzten 100 Meter zum Paradies sein können, doch Bolt hat auf seinem Weg den Teufel getroffen», schrieb etwa der «Corriere della Sera» aus Italien.

Nun fällt bald der Vorhang für Bolt, endgültig. Am Samstag steht noch der Final über 4×100 m auf dem Programm, auf seine Lieblingsstrecke 200 m verzichtet Bolt. Da würde er «noch schlimmer» aussehen, sagte er. Umso mehr freut sich Bolt auf die Sprint-Rente. «Ich bin aufgeregt, endlich normal leben zu können. Endlich aufstehen, wann ich will.» (sid)