«Wir sind keine Unmenschen hier»

Interview

Ives Bruggmann, Christian Brägger, Salzburg
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Marco Rose (Bild: Mathias Mandl/GEPA pictures)

Marco Rose (Bild: Mathias Mandl/GEPA pictures)

Seit Juni 2017 trainiert der Deutsche Marco Rose die erste Mannschaft des FC Red Bull Salzburg. Der 41-Jährige bezwang mit seinem Team im Europa-League-Achtelfinal Borussia Dortmund und trifft heute auf Lazio Rom. Der 41-Jährige über die Gründe der jüngsten Erfolge, seine Spielphilosophie und den Vorwurf, dass Salzburg Spieler hochzüchte.

Marco Rose, Dortmund war etwas Grosses für Salzburg. Hat man das für möglich gehalten?

Also wir schon. Wir wissen, dass wir eine richtig gute Mannschaft zusammen ­haben. Deswegen waren wir jetzt nicht wahnsinnig überrascht.

Was ist noch möglich im Europacup?

Wir haben mit Lazio das nächste grosse Los gezogen. Wir werden aber trotzdem wieder sagen: Warum sollen wir dort nicht auch bestehen können? Wir wissen, dass es schwierig wird. Aber: Die Mannschaft hat Qualität, und vor allem hat sie eine gute Mentalität. Ich glaube, mit Konstellation kannst du viel erreichen. Wir gehen die Aufgabe voller Elan an, werden mutig sein und angreifen. Wir werden nicht verteidigen oder verwalten, weil wir das auch gar nicht können. Das ist nicht unser Spielstil.

Ist die Unterforderung in der heimischen Liga kein Nachteil?

Das sind immer solche Dinge, die rundherum aufgebaut werden. Ich finde schon, dass wir gefordert sind. Am Ende stehen elf gegen elf Spieler auf dem Platz, und jede Mannschaft, die nach Salzburg kommt, versucht uns maximal weh­zutun. Wir haben einige Partien erst in der Nachspielzeit gewonnen, knappe Ergebnisse erzielt und oft unentschieden gespielt bis hierhin. Und einmal knapp verloren. Was uns wirklich hilft, ist die Ausgeglichenheit unseres Kaders. Wir können sehr oft gleichwertig wechseln.

Macht die Liga einem Serienmeister tatsächlich noch Spass? Auch wenn der Zuschauerzuspruch zu Hause unter 7000 Leuten liegt?

Was Spass macht, ist die Mannschaft, die einfach extrem viel will. Da sind wir wieder beim Thema der Mentalität. Ihr ist es egal, ob sie in Mattersburg vor 4000 Zuschauern spielt oder hier, wie gegen Dortmund, vor 30000. Falsch, egal ist es ihr nicht, sie hätte gerne mehr, gar keine Frage. Aber wir können es ja nicht ändern, sondern wir können einfach nur einen guten Fussball spielen. Ausserdem macht es Spass, immer wieder um Titel zu spielen.

Sie haben in Ihrer Karriere viel gesehen. Was macht Salzburg für Sie speziell?

Jeder weiss, dass wir hier aussergewöhnliche Möglichkeiten haben. Wenn man nur schon unsere Akademie betrachtet – da gibt es nicht viel Vergleichbares in Europa. Aber trotzdem ist der Unterschied zu anderen Vereinen, dass wir wirklich etwas daraus machen. Und, dass wir auch Ergebnisse erhalten wie im Vorjahr der Gewinn der Uefa Youth League. Auch schaffen wir es ständig, neue Spieler in die erste Mannschaft zu bringen. Die Akademie steht jetzt fünf Jahre, und wir fahren jetzt langsam die Ernte ein. Wir haben eine einheitliche, durchgehende Spielidee, was sicherlich auch ein Unterschied zu anderen Vereinen ist.

Was bedeutet für Sie Erfolg? Titel? Oder einen jungen Spieler in die erste Mannschaft zu integrieren?

Erfolg ist für mich die Mischung aus beidem. Sich jetzt hinzustellen und zu sagen, wir bilden nur aus, würde den Kern nicht treffen. Wir wollen Spieler entwickeln, mit denen wir dann mindestens national um Titel spielen. International möchten wir auf uns aufmerksam machen. Und zeigen, dass wir hier gut arbeiten, um interessant für junge Spieler zu werden, die Salzburg als guten Schritt sehen. So könnten wir auch unser Image verbessern. Es ist ja bekannt, dass wir den Stempel haben mit dem stets vorgebrachten Klischee, es gehe Red Bull Salzburg nur um Kommerz, Geld und Dosen.

Ihre Spielphilosophie beruht auf aktivem Fussball, auf aggressivem Pressing, auf schnellem Umschalten. Ist Kreativität erwünscht?

Absolut. Nur, wie definiert man Kreativität? Wie entwickelt man Kreativität? Es gibt ja Leute, die sagen, man könne Kreativität trainieren. Ich aber glaube, Kreativität entwickelt sich. Dafür musst du Freiräume schaffen – das lassen wir zu. Bei uns gibt es Leitplanken, in denen wir uns gerne bewegen, Dinge, die wir gerne sehen wollen. Und trotzdem glaube ich – wenn man unsere Mannschaft spielen sieht – erspäht man sehr viele kreative Typen und Kreativität.

Sind dem Spielstil mit dem aggressiven Pressing Grenzen gesetzt?

Man muss sich natürlich immer wieder etwas einfallen lassen, weil Gegner uns beobachten und Gegenideen entwickeln. In der Liga trauen sich wenige Widersacher das Ballbesitzspiel zu. So bekommst du halt fast gar keine Pressingsituation. International triffst du auf Teams, die Klasse haben und das Feld so nutzen, dass es schwierig wird, ins Pressing zu kommen. Da ist es unsere Aufgabe, auch immer wieder Ideen zu finden, es trotzdem zu schaffen. Wir wollen unserem Prinzip treu bleiben, uns aber nicht nur auf das Pressing verlassen, sondern selber eine Idee entwickeln, Fussball zu spielen.

Wenn man verschiedene Stufen wie Sie bei Salzburg durchlaufen hat, mit all dem Luxus für den Nachwuchs, wäre es schwierig, sich an einen anderen Club zu gewöhnen?

Ich denke, ich bin flexibel. Ich habe ­vorher in der Regionalliga gearbeitet, bei meinem Heimatverein Lokomotive Leipzig. Da hattest du manchmal nach dem Training nicht einmal warme Duschen. Da weisst du zu schätzen, was du hier hast. Aber ich bin ein Mensch, der sich auch wieder mit Lokomotive Leipzig anfreunden kann.

Was ist reizvoller? Aus nichts etwas herausholen wie in Leipzig oder aus viel etwas zu maximieren wie hier?

Ich finde beides reizvoll. In Leipzig ­haben wir uns extrem gefreut über den Klassenerhalt. Das war das Maximum. Salzburg ist eine andere Nummer. Hier geht es darum, jedes Jahr Meister zu werden. Wenn du keine Titel holst, wird Häme über dich ausgeschüttet. Doch es ist spannend, Persönlichkeiten zu entwickeln. Ich habe gegen Dortmund keinen Spieler gesehen, der nervös war oder vor lauter Angst den Ball nicht wollte.

Man könnte das ganze System negativ bewerten. Dass hier junge Spieler hochgezüchtet werden. Der gläserne Athlet geschaffen wird.

Das klingt für mich populistisch. Was ist ein gläserner Athlet? Heute, in Zeiten von Facebook und Twitter, ist jeder Mensch gläsern. Aber, was soll denn das sein? Wir sind keine Unmenschen hier. Jeder, der sich für die Akademie in Salzburg entscheidet, der entscheidet sich bewusst dafür. Er will Fussballprofi werden. Und dafür muss er auf Dinge verzichten. Aber wir hinterfragen uns natürlich auch. Ganz ehrlich, wenn man unser Internat sieht, fehlt es den Talenten an nichts. Und trotzdem stellen wir uns die Frage: Ist das Heimat genug, oder kann man da Dinge ändern? Aber diese Dinge, die Sie ansprechen, kann ich so nicht nachvollziehen.

Könnte hier einmal ein Paradigmenwechsel stattfinden? Dass man sagt, wir wollen nicht nur für die Top-­Ligen ausbilden, sondern selber international vorne dabei sein.

Wir sind immer bereit, Grenzen zu verschieben, gerne nach oben. Aber ich glaube, dass die Liga und die Grösse des Landes irgendwann Grenzen setzt, die man nicht mehr weiter verschieben kann. Man kann immer eine Über­raschung schaffen. Wenn wir aber über den ganz grossen Wurf reden, dann sind wir immer noch die Österreicher und nicht Engländer oder Deutsche. Deshalb ist klar, dass die Spieler irgendwann ­gehen. Wenn du einen Spieler hast, der nach England will, dann musst du darüber reden. Aber wir sagen auch: Pass auf, es ist wichtig für deine Entwicklung, noch ein Jahr bei uns zu spielen. Und egal, wer im Sommer kommt, wir lassen dich nicht gehen.

Ives Bruggmann, Christian Brägger, Salzburg