«Wir haben nicht enttäuscht»

Für Frauen-Nationaltrainerin Martina Voss-Tecklenburg war es eine kurze Nacht nach der Niederlage im WM-Achtelfinal gegen Kanada. Sie habe nicht abschalten können, sagte die 47jährige Deutsche am Tag danach.

Seraina Degen/Vancouver
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Frau Voss-Tecklenburg, wie sieht Ihre Gefühlslage am Tag nach dem Ausscheiden aus?

Martina Voss-Tecklenburg: Diese ist ähnlich wie kurz nach dem Spiel. Ich bin immer noch traurig und hadere mit dieser Niederlage. Sie war knapp, das macht das Verarbeiten umso schwieriger. Ich werde mir nun genügend Zeit für die Analyse nehmen.

War die fehlende Effizienz der Hauptgrund für die Niederlage gegen Kanada?

Voss-Tecklenburg: Es gab gegen Kanada Momente, da bin ich überzeugt, wenn wir da konsequenter agiert hätten, erzielen wir den Ausgleich. Also war dies sicher ein entscheidender Punkt. Nun stehen am Ende vier Spiele und drei Niederlagen zu Buche.

Bleibt bei Ihnen vor allem die Enttäuschung hängen?

Voss-Tecklenburg: Der Verarbeitungsprozess dauert bei mir vielleicht etwas länger als bei anderen Menschen. Aber das gehört dazu und darf auch so sein, finde ich. Am Ende werden dann auch bei mir die schönen Dinge von diesen drei Wochen in Kanada überwiegen. Wir sind zwar im Achtelfinal ausgeschieden, aber dieses Turnier hat uns sportlich weitergebracht. Das zeigen mir auch Reaktionen, die wir aus der Schweiz, Deutschland oder gar Belgien erhalten haben, die uns eine tolle Leistung attestierten. Das ist für mich wertvoll, und ich hoffe, dass unsere Auftritte in der Schweiz eine Nachhaltigkeit haben. Wie gross diese ist, werden wir sehen. Mal schauen, wie viele Zuschauer im September in Biel zu unserem nächsten Länderspiel kommen werden.

Was war für Sie das Positivste an dieser WM?

Voss-Tecklenburg: Das wir überhaupt an dieser WM waren. Viele Nationen waren nicht hier, wir schon. Wir sind zwar enttäuscht über die Niederlage gegen Kanada, aber sportlich haben wir nicht enttäuscht. Im Fussball gibt es einerseits das Ergebnis, andererseits die Leistung. Wenn wir nur die Leistung betrachten, dann waren wir in vielen Situationen ganz nah an den Top-Teams dran. Mit diesem Level geben wir uns nun nicht zufrieden, sondern wollen es weiter steigern. Dabei helfen uns solche Erfahrungen und solche Momente der Niederlage. Diese sind am Ende wohl wertvoller, weil man gestärkt daraus hervorgeht.

Was liegt beim Schweizer Frauen-Nationalteam in Zukunft drin?

Voss-Tecklenburg: Von nun an muss es unser Ziel sein, an jeder EM- oder WM-Endrunde dabei zu sein. Einfacher wird es nicht, weil andere Nationen auch vorwärtsmachen. Deshalb müssen wir weiterhin gut auf unsere Talententwicklung schauen. Ich glaube aber auch, dass dies in Zukunft einfacher sein wird, weil diese jungen Spielerinnen dank der WM-Teilnahme sehen, was möglich ist.

Gibt es aus Ihrer Sicht Spielerinnen, die sich in den Vordergrund gespielt haben?

Voss-Tecklenburg: Wenn ich die Möglichkeit hätte, eine Spielerin ins All-Star-Team zu wählen, dann wäre das Lia Wälti. Sie hat überragend gespielt und keine Fehler gemacht.

Was nehmen Sie mit für die bevorstehende EM-Qualifikation?

Voss-Tecklenburg: Einerseits nehme ich mit, dass wir gegen Top-Nationen mitgehalten haben oder teilweise gar ebenbürtig waren; dass wir strukturierte und gute Auftritte gezeigt haben. Nun dürfen wir aber nicht mit einer Selbstzufriedenheit in die EM-Qualifikation steigen. Nur weil wir WM-Teilnehmer sind, heisst das nicht, dass wir uns automatisch für die EM 2017 qualifizieren werden. Mit Italien und Tschechien haben wir zwei starke Gegner in der Gruppe; Nordirland und Georgien müssen wir besiegen, das ist unser Anspruch. Wir dürfen nicht den Fehler machen und glauben, es geht von nun an alles von alleine.