Winterstadt mit kleinen Chancen

Echter Schnee, kurze Wege: Almatys Olympiakandidatur 2022 hat viele Vorzüge. Dennoch ist Peking an der IOC-Wahl favorisiert. Sicher ist: Die Winterspiele gehen an ein Land, das wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik steht.

Ralf Streule
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ALMATY, KAZAKHSTAN - MAY 8, 2014: Fountain on Republic Square. Almaty is the largest city in Kazakhstan, and was the country's capital until 1997 (Bild: (72454485))

ALMATY, KAZAKHSTAN - MAY 8, 2014: Fountain on Republic Square. Almaty is the largest city in Kazakhstan, and was the country's capital until 1997 (Bild: (72454485))

Wenn die 100 IOC-Mitglieder heute in Kuala Lumpur darüber abstimmen, wo die Olympischen Winterspiele 2022 stattfinden sollen, können sie eigentlich nur Fehler machen. Zumindest aus ethischer Sicht. Peking oder Almaty, China oder Kasachstan. Beide Kandidaten repräsentieren Länder, die wegen Menschenrechtsverletzungen in der Kritik stehen, die Rede ist von Einschränkung der Pressefreiheit, von Regierungen, die gegen Kritiker und Minderheiten hart vorgehen. «Es wird Diskussionen geben», sagte IOC-Präsident Thomas Bach zu Beginn des Kongresses am Dienstag. «Wir nehmen unsere Verantwortung aber ernst.» Er verweist auf die neue «Gastgebercharta», die unter anderem jede Form von Diskriminierung verbietet. Diese soll heute nach der Wahl offengelegt werden. Deren Einhaltung sei von den beiden Kandidaten garantiert worden.

Almatys Kandidatur überrascht

In Sachen Infrastruktur und Organisation hingegen haben beide Kandidaturen ihre Vorzüge. Almaty wohl die grösseren, was die Affinität zum Wintersport angeht. Die Stadt mit über 1,5 Millionen Einwohnern liegt am Fuss des 7000 Meter hohen Tian-Shan-Gebirges. Über den ganzen Winter gemessen sollen in der Stadt rund acht Meter Schnee fallen. Almatys Kampagne mit dem Slogan «Keeping it real» hat viele Experten positiv überrascht. Die elf Wettkampforte liegen 40 Kilometer voneinander entfernt. Viele imposante Sportstätten aus sowjetischen Zeiten stehen, müssten lediglich saniert werden. Einzig eine grosse Eishalle, die Bobbahn und das olympische Dorf fehlen. 4,5 Milliarden Euro Dollar müssten investiert werden – sehr wenig, in olympischen Massstäben gerechnet. In Sotschi waren es gegen 40 Milliarden.

Diesem kasachischen Wintertraum hat Peking kaum etwas entgegenzusetzen. Alpin- und Langlaufwettbewerbe würden über 200 Kilometer ausserhalb der Stadt ausgetragen, vor allem auf Kunstschnee, da die Region im Winter ausgesprochen trocken ist. Auch in die Infrastruktur müsste weit mehr investiert werden. Und dennoch hat Peking die Nase wohl vorn: Einerseits ist seit den Olympischen Spielen von 2008 in Peking viel Wissen vorhanden, was die Organisation betrifft. Anderseits ist China wirtschaftlich stabiler als Kasachstan, dessen Stärke vor allem vom Ölpreis abhängt. Weiter ist das Potenzial, Wintersport bekannter zu machen, in Peking weit grösser als in Almaty. Und dann ist da noch Kasachstans Präsident Nursultan Nasarbajew, der die Olympiakandidatur zuletzt nur halbherzig unterstützt haben soll – angeblich aus Angst, es mit dem Nachbarn China zu verscherzen.

Olympia für Alleinherrscher?

Die zwei Kandidaturen waren übriggeblieben, nachdem sich in den vergangenen Jahren nacheinander St. Moritz, Stockholm, Oslo, Krakau in Polen und München zurückgezogen hatten. Dies vor allem wegen fehlenden Rückhalts in der Bevölkerung, die – wie in Graubünden – genug zu haben scheint von olympischem Gigantismus.

Werden Olympische Spiele, wie von vielen befürchtet, immer mehr zu einem Produkt für die Imagepflege von Alleinherrschern? Bach, Präsident des IOC, hat diese Angst in den vergangenen Tagen anlässlich des Kongresses einmal mehr zu dämpfen versucht. «Die ganze Diskussion um die angebliche Zurückhaltung von demokratischen Ländern ist eine Mär», liess er verlauten, mit Verweis unter anderem auf Rio 2016, Pyeongchang 2018 in Südkorea oder Tokio 2020. Reformen aber sind vom neuen IOC-Präsidenten aufgegleist. Die von ihm eingeführte Agenda 2020 sieht vor, dem Gigantismus der Spiele entgegenzuwirken. Die Wirkung dieser Massnahmen wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Nicht zuletzt in sieben Jahren – in Almaty oder Peking.

Almaty in Kasachstan liegt am Fuss des 7000 Meter hohen Tian-Shan-Gebirges. In der Stadt fallen pro Winter durchschnittlich acht Meter Schnee, in Peking meist nur ein paar Zentimeter. (Bilder: fotolia)

Almaty in Kasachstan liegt am Fuss des 7000 Meter hohen Tian-Shan-Gebirges. In der Stadt fallen pro Winter durchschnittlich acht Meter Schnee, in Peking meist nur ein paar Zentimeter. (Bilder: fotolia)