WIMBLEDON: Federers Volltreffer

Novak Djokovic und Andy Murray sind verletzt, Rafael Nadal ist längst in den Ferien: Von den «Grossen Vier» ist in Wimbledon nur Roger Federer übrig. Der Schweizer profitiert von einem perfekten Plan.

Jörg Allmeroth, London
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Im Wimbledon-Halbfinal trifft Roger Federer heute auf Tomas Berdych. (Bild: Gerry Penny/EPA)

Im Wimbledon-Halbfinal trifft Roger Federer heute auf Tomas Berdych. (Bild: Gerry Penny/EPA)

Jörg Allmeroth, London

Als Roger Federer vor rund einem Monat in Stuttgart sein erstes Saisonspiel auf Rasen verlor, gegen den alten Freund Tommy Haas, geriet der grosse Plan des Schweizers ein wenig in Zweifel. War der Verzicht auf die gesamte Sandplatzserie nicht eine Zockernummer, ein zu grosses, unkalkulierbares Risiko? Würde die mangelnde Spielpraxis nicht auch zum Verhängnis bei den weiteren Prüfungen auf den Tennis-Grüns? Doch nun, Mitte Juli, da es in Wimbledon auf die Zielgeraden geht, beim Turnier der Turniere im Welttennis, hat Federer sich selbst und seinen besorgten Parteigängern die Antwort gegeben – und wie.

Mit unnachahmlich magischem Touch, körperlicher Frische und imponierender Willenskraft spielte sich der 35-Jährige bisher mühelos durch die Runden: Nichts und niemand konnte ihn, den bisher siebenfachen Champion der Internationalen Englischen Meisterschaften, auf dem Weg zum Traumziel stoppen. Zum achten Titel, zur Rekordmarke, zur Vollendung auch des Aufschwungs in den späten Karrierejahren. «Ich spüre hier wieder eine aussergewöhnliche Inspiration», sagte Federer nach seinem Erfolg im Viertelfinal gegen Milos Raonic, «es ist auch das Gefühl, ein grosser Teil der Wimbledon-Geschichte zu sein, das mich antreibt.»

Wer soll, wer kann den alterslos scheinenden Federer noch stoppen bei dieser historischen Titelmission? Als nächster muss es der Tscheche Tomas Berdych versuchen, aber wie so viele Kollegen hat auch er eine frustrierende Arbeitsbilanz gegen den Schweizer, genau genommen lautet sie 6:18. Immerhin: Einmal, im Jahr 2010, gewann er in Wimbledon ein Spiel gegen den Rasenflüsterer. «Roger ist in brillanter Form. Ich muss das Spiel meines Lebens spielen, um gegen ihn zu gewinnen», sagte Berdych.

Selbstbewusst dank Turniersieg in Halle

Genau das ist derzeit die Hausaufgabe für jeden Mitbewerber, wenn es gegen den überragend auftrumpfenden Federer geht. Gegen einen Mann, der in seiner strategischen Planung wieder einmal alles richtig gemacht hat. Er weiss, dass er seinem Körper im fortgeschrittenen Alter nicht mehr die Strapazen zumuten darf, die er noch vor fünf oder zehn Jahren wegsteckte. «Die Leistungssteuerung war ganz klar ausgelegt: Ich wollte mein bestes Niveau in der zweiten Wimbledonwoche erreichen. Da wollte ich topfit sein», sagt Federer.

Nun ist die Punktlandung da. Während die anderen aus dem Elitekreis strauchelten und teils unter Verletzungsproblemen litten, stürmte der Maestro ohne Satzverlust in die Halbfinals. Federer ist im Flow, er profitiert auch von dem Selbstbewusstsein, das ihm der Gewinn des neunten Titels bei seinem geliebten Vorbereitungsturnier in Halle mit auf den Weg an die Church Road gegeben hatte. «Es läuft eigentlich alles so, wie ich mir das vorgestellt hatte», sagt Federer.

Federer bestritt am Mittwoch seine schon 100. Wimbledon-Partie, er ist nun auch der zweitälteste Halbfinalist seit dem Australier Ken Rosewall im Jahr 1974. Aber niemand sieht dem «ewigen Gärtner Wimbledons», wie ihn «The Telegraph» beschrieb, das fortgeschrittene Alter an. Viel fehlt nun nicht mehr zu seinem nächsten Coup: «Es wäre eine unglaubliche Sache», sagt Federer.