WIMBLEDON: Das beste Tennis der Karriere

Roger Federer spielt morgen um seinen achten Titel. Der Schweizer zieht dank eines Dreisatzsieges gegen Tomas Berdych zum elften Mal in den Final gegen Marin Cilic ein. Gegen den Kroaten ist der Schweizer Favorit.

Jörg Allmeroth, London
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Wimbledon im Bann des Schweizer Rasenspezialisten: Roger Federer erreicht ohne Satzverlust den Final. (Bild: Nic Bothma/EPA)

Wimbledon im Bann des Schweizer Rasenspezialisten: Roger Federer erreicht ohne Satzverlust den Final. (Bild: Nic Bothma/EPA)

Jörg Allmeroth, London

Er ist nur noch einen Schritt vom traumhaften Rekordsieg entfernt, vom Schlag in die Unsterblichkeit von Wimbledon: Mit der nächsten eindrucksvollen Tennis-Demonstration beim 7:6 (7:4), 7:6 (7:4), 6:4-Halbfinalerfolg gegen den Tschechen Tomas Berdych rückte Maestro Roger Federer souverän in sein elftes Endspiel an der Church Road vor und darf nun mehr denn je von der alleinigen Bestmarke von acht Titelgewinnen träumen. «Ich bin glücklich, dass ich im richtigen Moment mein bestes Tennis spiele. Dort, wo es für mich am meisten zählt», sagte Federer nach erledigter Arbeit auf der Hauptwiese des All England Club. Nur noch einer kann den Schweizer jetzt bei seiner historischen Grand-Slam-Mission aufhalten: Kroatiens Marin Cilic, der sich im zweiten Vorschlussrunden-Vergleich mit 6:7 (6:8), 6:4, 7:6 (7:3) und 7:5 gegen den Amerikaner Sam Querrey durchgesetzt hatte.

Auch Finalgegner Cilic schafft einen Rekord

Im vergangenen Jahr hatten sich Federer und Cilic eine spektakuläre Viertelfinalpartie im Südwesten Londons geliefert, damals wendete Federer ein verloren geglaubtes Spiel nach 0:2-Satzrückstand und nach Abwehr von drei Matchbällen noch zu seinen Gunsten. «Ich muss hochkonzentriert sein im Final. Es ist nicht so, dass mir der Titel wie ein Geschenk in den Schoss fällt», sagte Federer. Cilic schob dem Rasenflüsterer aus der Schweiz allerdings die eindeutige Favoritenrolle zu: «Er spielt in diesem Jahr das beste Tennis seiner Karriere in Wimbledon. Es wird eine Schlacht gegen ihn», sagte Cilic. Elf Anläufe brauchte der 28-jährige Kroate, um erstmals den bedeutendsten Final der Tenniswelt zu erreichen – auch dies ist ein Rekord.

Federer wäre der älteste Sieger

Doch, ob zum ersten Mal seit 2003, seit Federers erstem von bisher sieben Siegen, ein Spieler ausserhalb der Big-Four-Elitegruppe – Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray – in Wimbledon triumphieren kann, erscheint fraglich. Zu überzeugend, zu sehr auch von sich und seiner Mission überzeugt wirkt der imponierende Teilzeitarbeiter Federer bisher – der Mann, der alle Sinne und Energien auf eine erfolgreiche Titeljagd in Wimbledon gerichtet und auf die gesamte Sandplatzserie verzichtet hatte.

Als zweitältester Spieler nach dem Australier Ken Rosewall rückte Federer nun – wie im Masterplan auch erträumt und vorgesehen – ins Endspiel vor, in seinen sage und schreibe 29. Grand-Slam-Final nun auch. Gewinnt Federer morgen, geht er als ältester Sieger in die Annalen des All England Club ein, als Champion, der 14 Jahre nach seinem ersten Coup mit Anfang 20 den Pokalgewinn wiederholt. «Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal eine so lange und so grosse Karriere haben würde», sagte Federer, «es ist eine unglaubliche Sache.»

Federer ist ein Muster an Konstanz auf höchstem Niveau, ganz besonders auf seiner geliebten Spielwiese in London. Er erreichte bei seinen 19 Starts ­15-mal die Achtelfinals, 15-mal die Viertelfinals, stand 12-mal im Halbfinal und nun auch 11-mal im Endspiel – keiner erreichte Vergleichbares bei diesem Turnier, das den Wert und die Bedeutung eines Tennisprofis wie kein zweites definiert. Grand-Slam-Titel Nummer 18 zu Jahresbeginn an den Australian Open hatte eine grosse Verblüffungsnote, dieser Triumph wie aus dem Nichts und einer sechsmonatigen Verletzungspause heraus in Melbourne – gegen den ewigen Weggefährten Nadal.

Doch Wimbledon, ein weiterer Sieg an dem Ort, an dem seine Karriere ihre schon bisher einprägsamsten Momente hatte, würde zum einsamen Höhepunkt in den späten Berufsjahren des Tennis-Ästheten. «Ein Sieg hier ist mit nichts zu vergleichen. Das war in jeder Saison so», sagt Federer. Doch nun wäre ein Triumph auch eine Veredelung all der Anstrengungen, die der 35-jährige Familienvater in den vergangenen, nicht immer einfachen Spieljahren im Wanderzirkus unternahm. Als er zwischenzeitlich auch in Wimbledon nicht mehr wie selbstverständlich gesiegt hatte, waren schon Stimmen laut geworden, er solle seine Karriere lieber beenden.

Die Antwort des Meisters

Doch Federer zeigte den Schmährednern und Untergangspropheten eindrucksvoll, dass er mit der nötigen körperlichen Fitness und Frische noch immer eine Klasse für sich ist. Ein Jahr nach dem von Verletzungsproblemen überschatteten Wimbledon-Gastspiel war Federer wieder auf der Höhe seiner Kunst, auch ein guter, starker Berdych bekam das im Halbfinal zu spüren. Federer zeigte vor allem seine urtypische Stärke im Rasenparadies, das zupackende Spiel in den wichtigen Momenten. Mit zwei gewonnenen Tiebreaks legte der Basler das Fundament für den Sieg, schaffte dann im dritten Satz des gestrigen Halbfinals das vorentscheidende Break zum 4:3. ­Federers zweiter Finalvormarsch ohne Satzverlust – nach 2006 – geriet anschliessend nicht mehr in Gefahr.